Seiteneinstieg klingt zu gebremst. Der Auftritt, den die 34-jährige Journalistin Eva Menasse hier als Romanautorin hinlegt, ist schon eher ein rasanter Seiteneinflug. Gekonnt steuert diese Wienerin ihr Debüt auf die Landebahn des literarischen Erfolges. Und wie bei Flugzeugen, die früher zu hören als zu sehen sind, gingen ihrem Roman Vienna eindeutige Betriebsgeräusche voraus. Ein Gerücht, das von der Ankunft eines belletristischen Werkes wissen wollte, das alles auf einmal ist: schwer unterhaltsam, literarisch intelligent, historisch hoch interessant. Das Gerücht hat Recht. Dies ist ein souveränes Buch – vielleicht eine Spur zu souverän. Vielleicht auch eine Spur zu glatt. Aber wirklich nur eine Spur.

Eva Menasse ist ganz bei der Sache und mit dieser in sicherer Augenhöhe. Als gäbe es da nicht ein paar kleinere Luftturbulenzen zu überwinden, wenn man als Schwester des berühmten österreichischen Schriftstellers Robert Menasse in die Schriftstellerei einfliegt; als gäbe es nicht ein paar größere, wenn man ein Thema anpackt, das nicht neu, aber nach wie vor schwierig, das eine Herausforderung für das Fingerspitzengefühl ist: jüdische Identität. Besser gesagt: jüdische Nichtidendität. Denn in diesem Roman geht es um eine Familie, die starke Ähnlichkeit mit der Menasseschen besitzt und, arithmetisch salopp gesagt, halb und halb ist, halb jüdisch, halb nichtjüdisch. Sie ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden aus der Ehe des Großvaters, der Wiener Jude, und der Großmutter, die eine mährische Katholikin war. Eine Familie, die in der Mitte des Jahrhunderts verfolgt wurde und sich gegen Ende des Jahrhunderts von der kritischen Enkelgeneration fragen lassen muss, wie und nach wessen Gesetzen – nach denen der Geburtsurkunde? Der Halacha? Oder etwa nach denen der Nazis? – sie eigentlich zu definieren sei. Das Problem, das sich aus der trockenen Feststellung ergibt, die Erzählerin, ihr Vater, die eigentliche Hauptfigur, und ihre Geschwister hätten eben "keine lupenreine jüdische Abstammung", dieses Problem ist, je länger man es anschaut, desto schwindelerregender. Denn in der Tiefe dieses Problems schlummert die zwielichtige Idee vom Vollblutjuden, der bis heute dafür zu sorgen hat, sich und seine Identität ordentlich nachzuweisen. Eva Menasse ideologisiert dieses Problem nicht. Dazu ist ihr Roman zu charmant, viel zu erzählerisch. Sie entfaltet das Problem als Tragikomödie, und sie beherrscht dessen Ökonomie.

Ein mit allen Wassern des Schmähs gewaschener Roman

Das Komische spielt sich, um zu wirken, rücksichtslos und lautstark in den Vordergrund. Vienna, dieser mit allen Wassern des Wienerischen, des Kaffeehausmilieus und Kaffeehausgeplauders gewaschene Roman, platzt schier aus den Buchdeckeln vor Schmäh und Pointen, vor Jargons und Redensarten. Es ist ein Buch der familiären Überlieferung. Die Lieblingsfiguren, die hier aber überliefert werden, sind sprachlicher Natur: die familiäre Stilblüte, als deren Herkules ("Das ist nicht meine Dämone") Großonkel Königsberger, ein Bankdirektor, gelten kann, und die Anekdote.

Genau genommen besteht Vienna aus nichts als Anekdoten, eine nach der anderen, und weder die eine noch die andere wird nur einmal erzählt. Genau genommen ist Vienna entstanden aus einer Liaison von Friedrich Torbergs Tante Jolesch oder der Untergang des Abendlandes in Anekdoten mit Natalia Ginzburgs Familienlexikon, wo auch nichts anderes als munterste Familienakustik stattfindet, ein unendliches Tischgespräch und Tischgeschrei einer jüdischen Turiner Familie, ein unendlicher Strom von Anekdoten und Selbstzitaten, in denen sie sich: wiedererkennt, definiert und identifiziert. Manche Familien verbindet der Besitz eines Bauernhofes oder eines Gärtleins. Andere Familien die bürgerliche Bildung. Dritte ein Unglück. Diese Wiener Sippe verbindet ihr rhetorischer Code, ihr eigenes tradiertes Hörspiel. Wer hier als lesender Mithörer nicht lacht, hat auch sonst nicht viel zu lachen.

Das Tragische aber macht sich, um zu wirken, schmal im Ausdruck. Ja, man kann sagen, es kondensiert sich in einem einzigen Satz. Er enthält den Kern, also den blinden Fleck dieser weit verzweigten, passagierreichen Geschichte, und er könnte auch von Imre Kertész sein. "Nach zwei Jahren", heißt es über den Vater der Erzählerin, "konnte er sich an die Gesichter der Eltern nicht mehr erinnern." Als Siebenjähriger wurde er noch vor 1940 mit dem älteren Bruder und der älteren Schwester von den Eltern, die selbst in Österreich blieben, nach England geschickt. Er kam in eine englische Kleinstadtfamilie, der Bruder nach London. Er wurde ein englischer Straßenfußballer, viel später, nach dem Krieg, ein österreichischer Fußballprofi, mehr noch, Star der österreichischen Nationalmannschaft. Als Kind aber lernte und sprach er Englisch, konnte sich immer weniger an seine Muttersprache, immer weniger an die Gesichter der Eltern erinnern. Dies ist eine der äußersten Beschädigungen, die Identität erleiden kann. Denn das Wiedererkennen des Gesichts der Mutter ist der allererste Schritt des Säuglings auf dem Weg des Begreifens, dass es ihm gegenüber etwas anderes, dass es Welt gibt. Der erste Schritt zum Ego.

Nur, von solch bleischweren Gedanken und Analysen ist der Vater recht weit entfernt. Schließlich ist er das Produkt einer Familie, in der neben der anekdotischen Rede- nichts so geschätzt wird wie jene Lebenskunst, die sich in der Lust am Spiel ausdrückt; das fängt beim Kartenspielen an (die Großmutter verpasst über einer Bridge-Partie im Kaffeehaus beinahe die Geburt ihres zweiten Sohnes), geht übers Fußballspielen zum Tennisspielen (der Wiener Tennisclub ist das eigentliche Familienzuhause in den Nachkriegsjahrzehnten) und endet hier, bei Vienna, dem Roman der Tochter mit seiner unerhörten Narrationslust.

Das moralinsaure Wort Verdrängung mag man auf diese hoch entwickelte familiäre Spielkultur, deren Spitzenleistung in dem rhetorisch-politischen Euphemismus besteht, die Zwangsarbeit des Großvaters "Überschwangsarbeit" zu nennen, nur ungern anwenden. Der anekdotische Witz ist einfach besser als die Wahrheit. Aber der Abwehrzauber des Zitatenschatzes hält, je weiter sich der Roman seinem Ende und der erzählerischen Gegenwart nähert, je zorniger die 68er in der Familie ins kritische Bewusstsein hineinwachsen, dem Aufklärungsdrang nicht stand. Zumal der Bruder der Erzählerin (ein ironisches Porträt von Robert Menasse) kämpft an vorderster Front gegen die Identitätsschlamperei. Er lässt nicht locker, den Sumpf trockenzulegen, in dem die Sippe es sich, seiner Meinung nach, gemütlich gemacht hat und in dem nicht mehr zu unterscheiden ist, wer eigentlich in dieser Familie Nazi, wer Jude war und wer sich heute wofür hält. So kommt es, dass der Vater, längst Pensionist, eines Tages seinen karierten Hut von der Garderobe nimmt, das Archiv der jüdischen Gemeinde in Wien aufsucht und dort einen Satz sagt, der wiederum von Kishon stammen könnte: "Ich habe Sie angerufen, weil ich wissen möchte, ob ich Jude bin." Zieht man diesen mit dem Satz von den vergessenen Gesichtern der Eltern zusammen, hat man in nuce die ganze Tragikomödie dieses Romans vor sich.