Das umstrittenste hotel Deutschlands steht im einstigen "Führersperrbezirk"

Der Skilift am Göringhügel befördert heute Vormittag keine ideologisch bedenklichen Gäste. Keine Jugendlichen mit Bomberjacke, keine mit Glatze. Hier verlustieren sich harmlose Leute, die beim Bergauffahren über Schneelage, Wintersportausrüstung, Wetteraussichten diskutieren. Wenn der Liftwart nicht erzählen würde, dass dahinten im Wäldchen noch Bomben liegen, könnte man glauben, man befände sich an einem ganz zivilen Skihang. Die Familie des Liftwarts hat vor dem "Dritten Reich" hier in der Nähe gewohnt, und er selbst, Jahrgang 1937, pachtete nach dem Krieg die Wiesen um den Göringhügel für sein "Pensionsviech".

Damals habe das angefangen mit dem Skifahren am Obersalzberg. Heute gibt es vier Schlepplifte, deren oberster auf knapp 1000 Meter führt, zu einer baumfreien Kuppe, die früher Eckerbichl hieß, aber Göringhügel genannt wird, weil der Reichsmarschall hier seit 1933 ein Anwesen hatte. Vor zwei Jahren wurde der Hügel geschleift, um Platz zu schaffen für Deutschlands umstrittenstes Hotel, das Intercontinental Resort Berchtesgaden: Der hufeisenförmige Bau, sagen kritische Einheimische, sehe wie ein Atommeiler aus. Andere finden, das flache Ufo passe perfekt in die Landschaft: umgeben von herrlichen Gipfeln, eingebettet in die Stille des Berchtesgadener Nationalparks mit Hohem Göll, Teufelshorn, Watzmann. Man könnte beinahe vergessen, dass das Hotel sich mitten im einstigen Führersperrbezirk befindet und dass ein paar hundert Meter weiter unten Hitlers berühmter Berghof lag, wo der Diktator sich für den Dienst an der Volksgemeinschaft erholte, aber auch Staatsgäste empfing und Regierungsgeschäfte abwickelte. Hier fand er die ideale Kulisse für sein volkstümlich-bombastisches Propagandatheater. Jetzt soll die Kulisse wieder im großen Stil genutzt werden, bei möglichst vollständiger Ausblendung ihrer unrühmlichen nationalsozialistischen Karriere.

1995 fasste die bayerische Landesregierung den Plan, an die jahrhundertelange Fremdenverkehrstradition des Gebietes anzuknüpfen. Das scheint nun gelungen zu sein, denn das fertige Luxus-Ufo, mit seinen edlen Panoramazimmern, der offenen Feuerstelle im Foyer und einem opulenten "Mountain-Spa", ist bereits an seinem ersten Wochenende zu hundert Prozent ausgebucht. Die Frage lautet nur: Welche Sorte Gast wird hier angesprochen? Der begüterte Naturfreund, wie die Betreiber behaupten? Oder der solvente Hitlerfan?

Von den paar Dutzend Skianfängern, die am Sonntag vor der Eröffnung den Obersalzberg frequentieren, interessiert sich keiner für die düsteren Bunkeranlagen, die Hitlers Adlatus Martin Bormann von 1943 an in den Berg sprengen ließ. Die verwinkelten Kellergänge der Diktatur, die sich fünf Kilometer lang unterm Berg hinzogen, sind so ziemlich das Einzige, was von den faschistischen Bauten noch zu besichtigen ist. 1952 hatten die Amerikaner das Kehlsteinhaus, Hitlers höchstgelegenes Imponiergebäude, zur touristischen Nutzung freigegeben, jedoch den Freistaat Bayern verpflichtet, die wichtigsten NS-Gebäude am Obersalzberg zu sprengen. Außer dem Kehlsteinhaus, das noch heute sehr dekorativ 800 Höhenmeter über dem Göringhügel im Fels hängt, blieb auch der so genannte Platterhof bestehen, die U.S. Army baute ihn für ihre Soldaten zum Hotel General Walker um, einem Armed Forces Recreation Center mit Golfplatz und Skiliften.

Als die Amerikaner sich 1995 vom Obersalzberg zurückzogen, kollabierte das Berchtesgadener Touristikgeschäft beinahe. Im Jahr 2000 wurde der leer stehende Platterhof abgerissen, aber die einstigen Kriegsgegner hatten den Deutschen den Weg geebnet zur gewinnbringenden Vermarktung ihrer Geschichte. Seit das neue Hotel steht, überbieten sich die Zeitungen mit bissigen Berichten über den bereits üblichen touristischen Führerkult: verharmlosende Hochglanzbroschüren, die an Berchtesgadener Kiosken verkauft werden, desinformierte Reisegruppen, die man im Sommer zum Kehlsteinhaus hinaufkarrt. Die Skifahrer am Göringhügel jedoch, die wegen der sanften Pisten und der niedrigen Liftpreise gekommen sind, und erst recht die 10000 Schaulustigen, die am Tag der offenen Tür, zwei Tage vorm eigentlichen Start, das Interconti stürmten, scheinen den Hotelbefürwortern Recht zu geben: dass man sich von Hitler die schöne Aussicht nicht vermiesen lassen darf, dass man die symbolträchtigen Täterorte des "Dritten Reiches" durch Nachnutzung entmystifizieren sollte und nur darauf achten muss, alles Protzige, "Jodlerische" zu vermeiden.

Diese Vermeidungsstrategie ist am Lifthäuschen, dem kleinsten Außenposten des Hotels, versehentlich ins Groteske umgeschlagen: Statt einer wetterfesten Holzhütte im Einheitsstil ist eine windschiefe Designer-Schachtel entstanden, die aussieht, als würde sie gleich nach hinten kippen. Baulich souveräne Vergangenheitsbewältigung ist offenbar doch heikel, sie gelingt nur radikalen Modernisten wie André Behncke, dem Innenarchitekten des Intercontinental. Seine reduzierte, zugleich sachliche und anheimelnde Ausstattung spricht den hysterischen Vorverurteilungen Hohn: Die Duschköpfe könnten an Gaskammern erinnern, das Braun der Holzverkleidungen sei nationalsozialistischen Uniformen nachempfunden. Behnckes Mittel der Wahl heißt Verfremdung. Er hat den Fernblick vom Foyer zum Kehlstein durch Blenden behindert und Hitlers "eher spießigen" Wohnzimmermonumentalismus konterkariert. Entstanden ist eine theatralische Bauhaus-Gemütlichkeit in künstlich gealterter Lärche und spiegelndem Kunststoff, in millimeterdünnem portugiesischem Marmor und massivem Steinzer Gneis. Als Pointe haben Künstler metallene Geweih-Karikaturen kreiert und rostige Kühe aufgestellt.