Dies ist das Buch zum Kanzler – das Deutschlandbild, das der unliterarische und theorieferne Gerhard Schröder nicht zeichnet, aber vor Augen haben muss. Alles kommt vor, was diese Jahre ausmacht, Hartz IV, die Wiederentdeckung von Flucht und Vertreibung, das Nein zum Irak-Krieg, Good Bye, Lenin! und Der Untergang. Das Besondere ist der Blick, mit dem Eckhard Fuhr es anschaut, ein Blick der Zufriedenheit, des Stolzes und der Liebe, gegen den "Furor des deutschen Selbsthasses, der im Laufe der neunziger Jahre aus dem Milieu der akademischen Linken in die neuen ökonomischen Eliten eingewandert ist". Das ist eine der hübschen Seitenpointen: dass ausgerechnet der Standort-Sadomasochismus à la Hans-Olaf Henkel das Erbe des antideutschen Achtundsechzigertums angetreten hat. Dagegen hat der frühere FAZ- und heutige Welt- Journalist die Fibel eines aufgeklärten Patriotismus geschrieben, fast ein neues Nationalidyll. Es endet tatsächlich mit dem Lied Kein schöner Land in dieser Zeit, das im Untergangs- Film die Goebbels-Kinder singen, wenige Tage, bevor sie von der eigenen Mutter vergiftet werden. "Die Szene ist fast nicht zu ertragen", schreibt Fuhr. "Das Lied bleibt trotzdem im Ohr. Auch im 21. Jahrhundert. Es ist nicht vergiftet."

Ein Gemütsbuch, aber auch ein Vernunftbuch; es versucht so etwas wie die Versöhnung von Martin Walser mit Jürgen Habermas. Der Autor freut sich an der deutschen Gegenwart, die er am Beispiel der "west-östlichen Mischgesellschaft" im Prenzlauer Berg neuberlinisch-angeregt erlebt. Die deutsche Vergangenheit macht ihm keine Angst mehr. Nicht, dass man die Lehren der Geschichte vergessen wollte, sondern man hat im Gegenteil wirklich gelernt, vielleicht sogar ausgelernt; es kann nichts Schlimmes mehr passieren, wir sind normal. Den deutschen Mythos von einer immer noch bedrohlich präsenten Vergangenheit verfolgt Fuhr bis in seine komischen Schrumpfformen hinein; in den ewigen Spekulationen über eine Wiederkehr des Ursozialdemokraten Lafontaine erkennt er die moderne Gestalt der Kyffhäuser-Legende, nach der Kaiser Barbarossa im Berg verzaubert wartet, bis er eines Tages die Herrlichkeit des Reiches wiederbringen wird. Es wird, so Fuhr, aus den Kyffhäusern nichts mehr kommen, nichts Monströses wie ein neuer Hitler, aber genauso wenig noch einmal der alte Sozialstaat aus der Zeit vor Hartz IV.

Für eine Gelassenheitsphilosphie ist in diesem Buch ein bisschen viel von Selbstbehauptung, Selbstbestimmung, Selbstachtung die Rede. Das Idyll muss irgendwie doch ertrotzt werden, nicht bloß gegen die Altlinken und die Neoliberalen, sondern auch gegen Bush, der hier mit der gleichen Selbstverständlichkeit als Buhmann figuriert wie auf der Antikriegsdemo nebenan. "Man kann die europäische Erfolgskarriere von Good Bye, Lenin! durchaus in den Zusammenhang dieses europäischen Widerstands gegen die amerikanische Politik einer neuen Weltordnung stellen", bemerkt Fuhr, was sicher Unsinn ist, und zum Glück: Zur Bekundung kultureller Identitäten gehen gerade die postideologischen Fuhr-Menschen dann doch nicht ins Kino. Etwas zu viel kann einem auch die Zufriedenheit werden, das Behagliche, das Angekommensein und Geschaffthaben; es gibt da die Gefahr einer modernen Biedermeierlichkeit, eines neuen Philistertums. Als siegreiche Staatsphilosophie der Berliner Republik würde es einen bald bedrücken. Als Minderheitenvotum gegen den Verdrusskonsens liest man es mit Vergnügen.