Der Komponist Leoš Janáček lauschte der Musik, die sich in der menschlichen Sprechstimme verbirgt. Er achtete auf die Tonfälle, wenn sich Leute in seiner Umgebung unterhielten, und versuchte, sie in Noten aufzuschreiben. Hätte er bei einem Gespräch mit Hélène Grimaud zugehört, sein Skizzenblock wäre mit Notenhälsen übersät gewesen. So sprunghaft und sprudelnd spricht die Pianistin. Man könnte sich ihre Art zu reden sehr gut als ein Klavierstück mit irrlichternden Sechzehntelmotiven, überraschenden Doppelstrichen und einem schwärmerischen Schwung vorstellen – im Stil des jungen Robert Schumann.

Hélène Grimaud ist in der Geschwindigkeit zu Hause. Mit sieben Jahren entdeckte sie das Klavierspiel, mit zwölf wurde sie am Pariser Konservatorium aufgenommen, mit 16 beendete sie ihre Lehrzeit und brach in ein unabhängiges Musikerleben auf. Ihr Körper ist schlank und muskulös. Menschen wie sie setzen keinen Speck an. Das sei schon immer ihr Problem gewesen: zu viel Energie! Die Eltern konnten das überaktive Kind kaum je zufrieden stellen. Immer wollte es mehr – mehr Antworten auf schwierige Fragen, mehr Bücher, mehr Selbstständigkeit. Während des Klavierstudiums hatte Hélène eine Phase, in der sie nicht anders konnte, als alles, was auf dem Notenpult stand, in einem wahnsinnigen Tempo zu spielen. Sie litt unter einem Geschwindigkeitszwang. Die Tasten hätten sich zu schnell gesenkt. Das Eigenleben des Klaviers habe ihre Hände in einen Strudel der Raserei gezogen.

In den Rausch mischt sich Schwindelgefühl

Manche Pianisten spielen die virtuosesten Passagen mit der Ruhe von Jet-Piloten. Sie haben gerade im haarsträubenden Tempo alle Parameter entspannt unter Kontrolle, optimieren hier gelassen die Schubkraft und regulieren dort mit Gleichmut den Neigungswinkel ihres Sturzflugs. Jewgenij Kissin entspricht unter den jüngeren Pianisten diesem Typus. Wenn Hélène Grimaud Schnelles spielt, wirkt das eher wie die Fahrt auf einem Karussell, das sich rasant dreht und nicht mehr angehalten werden kann. In den Rausch mischt sich ein Schwindelgefühl. Man spürt als Hörer neben der Lust auch das Bedrohliche, das von dem Tempo ausgeht. Und Bremsen ist nicht die Sache dieser Pianistin. Pochende Rastlosigkeit durchzieht ihre Interpretationen von Schumann, Chopin oder Rachmaninow. Ein Empfindungsüberschuss, der nur mühsam im Zaum gehalten ist. Ein Weiterwollen und Immer-noch-viel-mehr-Wollen im Ausdruck, im Phrasierungselan, in der poetischen Entgrenzung. Überschwang und Selbstkontrolle stehen bei Hélène Grimaud in einer kippeligen Balance, in ihrem Klavierspiel wie im Leben. Als Kind habe sie vor dem Einschlafen oft mit zusammengekniffenen Augen im Bett gelegen, bis ihr Zimmer ganz sanft zu kippen begann und sie im schwerelosen Fall aus ihrer Körperhülle rutschte.

Hélène Grimaud hat diese Szene in ihrem Buch Wolfssonate beschrieben, das jetzt auf Deutsch erschienen ist und mit dem Satz beginnt (Blanvalet, München): "Ich denke nicht mit Wehmut an meine Kindheit zurück." Warum schreiben Musiker Bücher über ihr Leben? Weil eine Autobiografie sich gut macht zum neuen Plattenvertrag, zur neuen CD, zur nächsten Konzerttournee. Weil der Klassik-Musikbetrieb nach neuen jungen Stargesichtern giert, aber noch viel mehr nach spannenden Lebensgeschichten, die die Gesichter unverwechselbar machen. Die meisten Musiker können damit nicht dienen. Ihre Jugend haben sie, eisern übend, am Instrument verbracht. Die Karrierestationen auf dem Weg zur Berühmtheit ähneln sich. Schriftstellerisches Talent besitzen die wenigsten. Bei Hélène Grimaud ist das anders. Ihre Fantasie lässt sie auch beim Schreiben nicht im Stich, und die Geschichte, die sie mit 35 Jahren zu erzählen hat, klingt wie ein modernes (und dabei doch sehr altes) Erlösungsmärchen: Ein hoch begabtes Problemkind, das mit der normierten, geheimnislosen, engen Welt von heute nicht klarkommt, findet zur Kunst und zur Natur und zu sich selbst. "Die Musik", sagt die Pianistin, "hat mich gerettet."

Hélène, in Aix-en-Provence aufgewachsen als Einzelkind der – nach eigenen Worten – fürsorglichsten, tolerantesten, besten Eltern, die man sich nur denken kann, war eine Außenseiterin. Im Pausenhof der Schule ist sie die einsame Eckensteherin. Gegen den unstillbaren Erlebnishunger verschlingt sie stapelweise Bücher aus der elterlichen Bibliothek. Oder liegt träumend in ihrem Zimmer, wo sich "die köstlichen Strände der Langeweile" dehnen, leere Stunden, in denen sie "ihre Knochen wachsen spürt".

Das Kind ist verhaltensauffällig. Nach einer Fußverletzung, die genäht werden muss, entdeckt es die Wonnen des selbst zugefügten Schmerzes. Es beginnt, sich die Haut aufzuritzen, immer symmetrisch: "Wenn ich mich an der rechten Hand schnitt, machte ich sogleich einen Schnitt in die linke. Wenn Haut über einen Nagel hing, riss ich sie weg, bis es blutete, und machte mich dann sofort über die andere Hand her. Ich träumte von Brüchen." Auch die Ordnungsliebe wird zum Zwang: Stunden kann Hélène damit verbringen, Pullover im Kleiderschrank symmetrisch nach Farbe und Struktur auszurichten. Sogar als sie schon auf Konzerttourneen unterwegs ist, räumt sie ihre Hotelzimmer um und wagt, wenn sie nachts von den Auftritten zurückkehrt, nicht, das Licht anzumachen, weil das Zimmermädchen die mühsam hergestellte Ordnung wieder zerstört haben könnte. "Im Dunkeln verschob ich tastend den Aschenbecher um ein paar Zentimeter und rückte die Schreibunterlage zurecht…"

Die Eltern schicken ihre Tochter zum Ballett, zum Kampfsport, auf den Tennisplatz und schließlich in die Musikschule. Dort spielt ihr die Lehrerin ein Stück von Schumann auf dem Flügel vor, und in Hélène öffnet sich etwas: "Als würde eine Tür in der Wand aufgehen und ins Freie stürzen, leuchtend und geradewegs einer harmonischen Offenbarung entgegen." Sie lernt Klavier, übt wie besessen, kommt unter die Fittiche guter Lehrer, reift zur Künstlerin. Sie bleibt ein komplizierter Mensch, aber ihr Leben ist durch die Musik ins Gleichgewicht gekommen.