Seitdem es den sowjetischen Kreml und die "Kreml-Astrologie" nicht mehr gibt, ist der Vatikan das letzte fantasieanregende Machtzentrum, das letzte große Geheimnis der Weltpolitik. Der Papst ist krank – wer regiert die Kirche? Wenn der Papst stirbt oder zurücktritt – wer wird sein Nachfolger, wer zieht bei der Wahl die Fäden? Die Deutschen denken bei allen Vatikan-Rätseln an einen Landsmann, der für sie zum Inbegriff des Römischen geworden ist, im ungeliebten Sinne von Hierarchie und Marmorkühle und Traditionalismus: Joseph Kardinal Ratzinger, der "Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre", der ebenso brillante wie konservative Cheftheologe Johannes Pauls II. Von ihm und seinem vermeintlichen Einfluss ist die Öffentlichkeit geradezu obsessiv fasziniert: Wird Ratzinger Mittel und Wege finden, Reform und Fortschritt in der Kirche auch für die Zukunft zu blockieren, womöglich als "Königsmacher", indem er einen Vertrauensmann auf den Stuhl Petri hebt?

Die Vorsteher der wichtigsten Behörden des Vatikans, der päpstlichen Ministerien gewissermaßen, sind potenzielle Meinungsführer und Mehrheitsbeschaffer im Konklave, der Kardinalsversammlung, die den Papst bestimmt. Wer in Rom die Glaubenslehre oder die Bischofsernennungen verwaltet, kennt seine Mit-Kardinäle in aller Welt, die untereinander wenig Kontakt haben, er kann Fraktionen organisieren und mit seinem Ansehen für Kandidaten bürgen. Nur passt das alles zu Ratzinger überhaupt nicht. Entgegen der schwarzen Legende vom Großinquisitor, der mit eiserner Faust die Orthodoxie in der Kirche durchsetzt, ist er kein Machtmensch und Politiker, sondern ein leiser Gelehrtentyp, in mancher Hinsicht bis heute ein typischer deutscher Professor, so, wie es sie einmal gab.

"1968" hat er im Hörsaal erlebt, mit geradezu apokalyptischem Entsetzen vor der Kulturrevolution. "Ich habe das grausame Antlitz dieser atheistischen Frömmigkeit unverhüllt gesehen", hat er später geschrieben, "den Psycho-Terror, die Hemmungslosigkeit, mit der man jede moralische Überlegung als bürgerlichen Rest preisgeben konnte, wo es um das ideologische Ziel ging." Ein amerikanischer Kritiker hat ihn einen Neokonservativen genannt, nicht im Sinne der heutigen außenpolitischen Falken, sondern wie die Ur-Neocons der Reagan-Ära, die von der Linken gekommen waren und sich ernüchtert von gescheiterten Utopien zu Markt, Militär und Moral bekehrten.

Ratzinger ist nie ein "Linker" gewesen, auch nicht als Berater während des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965), das heute den enttäuschten Reformern als goldene Zeit des kirchlichen Aufbruchs gilt. Aber "neo" ist sein Konservativismus, weil er nicht naiv, sondern reflektiert ist, eine skeptische Reaktion auf den Vernunft-Optimismus der sechziger und frühen siebziger Jahre. Haben wir es wirklich so herrlich weit gebracht mit dem Fortschritt – mit der Entzauberung der Liturgie, mit einer Idee von Demokratie in der Kirche, die nur eine neue Gremienbürokratie von Laienaktivisten beschäftigt, mit einer Verwässerung des Glaubens, die ihn weniger drückend machen sollte, aber auch langweiliger und banaler gemacht hat? Als Ratzinger 1981 in sein Amt berufen wurde, ging das sozialdemokratische Zeitalter zu Ende; es waren die Jahre, da Thatcher, Reagan, Kohl an die Regierung kamen. Ratzinger hat, wie sie, den Sozialismus bekämpft – die Befreiungstheologie, die in Lateinamerika Revolution predigte. Der Wind von Rom her wurde kühl für die Herz-Jesu-Marxisten, der Vatikan ernannte konservativere Bischöfe und Kardinäle – als einer der geistigen Personalchefs, die den heutigen obersten Führungszirkel der Kirche geprägt haben, wird Ratzinger bei der nächsten Papstwahl tatsächlich seine Hand im Spiel haben.

Dem intellektuellen Theologen bleibt für die Studierstube kaum Muße

Wahrscheinlich ist es keine Koketterie, wenn er sein Präfekten-Amt als Last beschreibt. Er würde lieber Bücher schreiben, aber Johannes Paul II. lässt ihn nicht gehen, er will im Alter seinen alten Weggefährten behalten, bis zum Ende. Die Lehre der katholischen Kirche zu hüten und zu formulieren, in Gutachten über die Rechtgläubigkeit von Professoren oder in einer für eine kleine Ewigkeit gedachten Summe wie dem großen Katechismus von 1992 – das ist ein objektivierendes, entpersönlichendes Geschäft. Der Theologe Ratzinger hat nicht nur auf die Muße seiner Studierstube, er hat auch auf die Vollendung seines Lebenswerks verzichten müssen, indem er zur Instanz geworden ist. Erst recht ist so verborgen geblieben, dass die Figur Ratzinger auch in ganz andere Rahmen als Theologie oder Kirche zu stellen wäre: Wenn man sich den Purpur wegdenkt, steht er in einer Reihe mit seinen Altersgenossen Habermas, Dahrendorf oder Enzensberger als einer der wenigen international beachtlichen Intellektuellen der Bundesrepublik.

Ratzinger, dieser Exponent des "Oben" in der Kirche, ist gerade kein Verfechter eines Thron-und-Altar-Christentums; er findet im Gegenteil, dass die staatsnahe Wohlgenährtheit dem deutschen Katholizismus seinen Schneid abgekauft hat. Die Glaubensstrenge des Kardinals ist in der säkularisierten Gesellschaft nur als Minderheitenprogramm vorstellbar, in einer Art Rückkehr zur Radikalität der Urkirche: im vollen Ornat in die Katakombe. Die Unangepasstheit macht den Charme und intellektuellen Reiz seines Denkens aus. Aber es ist kein so vitaler Nonkonformismus wie bei Johannes Paul II., etwas Kulturpessimistisches und Ängstliches liegt über Ratzingers Weltsicht, und wenn er den Zeitgeist in Gestalt eines unbotmäßigen Theologen vor sich hat, ist er einer enttäuschenden glaubenspolizeilichen Enge fähig.

Das populäre Bild vom Papst und seinem Präfekten ist entweder das einer konservativen Einheitsfront – oder Ratzinger gilt als der Scharfmacher. Aber die Dynamik zwischen den beiden ist komplexer und interessanter. Sie könnten verschiedener kaum sein: Wojtyla von Hause aus ein bildhaft spekulativer Philosoph, Ratzinger ein wasserklarer und messerscharfer Theologe, der Papst In-stinktmensch und Kraftnatur, der Kardinal ein Kopf par excellence, Johannes Paul II. von farbiger Individualität, bis hart an den Rand des Subjektivismus, der Präfekt ein Mann der Form und Ordnung. Wo der Papst zum Impulsiv-Größzügigen neigt, wie im Gespräch der Weltreligionen, da zieht Ratzinger Grenzen: keine Abstriche bei der Wahrheitsfrage, Toleranz darf nicht zum Relativismus werden. Es gibt aber auch den Fall, dass Ratzinger den Papst zur Moderne hin korrigiert oder interpretiert, dass er eine spökenkiekerhafte Hardcore-Frömmigkeit ein bisschen an die Kette legt. Für Johannes Paul II. sind die Marienerscheinungen von 1917 im portugiesischen Fatima von besonderer Bedeutung, im Sommer 2000 hat er das "Dritte Geheimnis" von Fatima veröffentlichen lassen, eine rätselhafte Traumvision, in der er die Märtyrergeschichte der Kirche im 20. Jahrhundert und auch das Attentat auf sich selbst vorgezeichnet findet. Das hat Ratzinger eher tief gehängt und zu einer Privatoffenbarung erklärt, an die man als Katholik nicht glauben müsse.