Das Schöne am Journalistenberuf ist, dass man bei der Arbeit immer was Neues lernt. Seit ich den Mercedes Actros gefahren habe, weiß ich zum Beispiel, wie ein Bremsomat funktioniert, was es bedeutet, wenn auf der Fahrertür eines Lastwagens "1848" steht, und was ein Fernfahrer zum Frühstück isst. Nämlich drei Spiegeleier mit Speck.

Das Blöde ist, dass man nach jedem Autotest noch ein bisschen unzufriedener wird mit seinem eigenen Uralt-Golf.

Seit ich den Actros gefahren bin, hätte ich nämlich auch gern einen Spurassistenten, einen Abstandsregeltempomaten, einen Sternenhimmel aus hundert Lämpchen über Fahrer- und Beifahrersitz und dahinter ein Bett, das der "Arbeitskreis gesunder Rücken" zertifiziert hat. Von den knapp 480 PS würde mir allerdings schon die Hälfte reichen, denn mit meinem Golf muss ich keine vierzig Tonnen Gesamtgewicht in Schwung bringen.

Aber die Verbrauchswerte sind ein Traum! Wenn ich die rund 30 Liter für vierzig Tonnen auf das Gewicht meines Pkw herunterrechne, würde ich auf hundert Kilometer nicht mehr Diesel brauchen, als in eine Champagnerflasche passt. Und Herr Eichel hätte ein Problem mit der Ökosteuer.

Doch hinter dem Steuer eines 17 Meter langen Vierzigtonners sollte man nicht träumen. Auch nicht, wenn das Schalten ein Roboter übernommen hat und wenn eine kleine Kamera hinter der Frontscheibe die weißen Linien auf der Straße beobachtet und der Spurassistent Alarm gibt, wenn ich zu weit links oder rechts fahre. (Der Alarm kommt dann passenderweise aus dem linken oder rechten Lautsprecher.) Und auch nicht, wenn alle anderen Verkehrsteilnehmer durch einen streng bewachten Zaun davor bewahrt werden, mir zu begegnen.

"Langsamer! Laaangsamer!!!", sagt Mathias Lichter neben mir – so ruhig das einer sagen kann, der in Gedanken den ganzen Sattelzug schon auf der Seite liegen sieht. Es geht nach links in die "Sachskurve", und im rechten Außenspiegel pflügen meine drei Paar Hinterräder zwanzig Meter hinter mir durch das Grün neben der Straße. Es knattert rechts, es knattert links – dann führt die Straße Gott sei Dank wieder gerade aus.

Seit zwei Stunden kurve ich über das Autotestgelände von Papenburg, Emsland, jetzt gerade über den "Handlingkurs". Auf dem Beifahrersitz Mathias Lichter, Diplom-Ingenieur und oberster Testfahrer für Mercedes-Benz-Lastwagen. Offenbar hat er die Selbstbeherrschung eines Fakirs auf dem Nagelbrett: Nicht der kleinste Schweißtropfen auf seiner Stirn verrät, wie er leidet.

Dabei durchlaufe ich gerade die allergefährlichste Phase im Leben eines Fahranfängers: wenn er die ersten Kurven unbeschadet überstanden hat und meint, er könne fahren wie ein junger Gott. Allerdings kann das mit Mathias Lichters trockener Stirn auch andere Gründe haben: etwa das "Wohlfühlklima" im "Megaspace-Fahrerhaus".