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Aber er pfeift nicht ab, der Schiri Dr. Fleischer. Zwei Minuten Nachspielzeit. Und ein Schrei aus 20.000 Kehlen: Mit galaktischer Parade kratzt Hansa-Torwart Schober Schalkes allerletzten Knaller aus dem Eck. Das Ostseestadion tobt und feiert das Ende der Pest. Seit neun Monaten hat der FC Hansa Rostock kein Heimspiel gewonnen. Aber heute rennen sie und ackern und drehen das Spiel. Schalke führt lange, dann trifft Prica per Seitfallzieher. Arvidsson köpft Hansa in Front, und die Bude steht Kopf. Jawoll, meine Herrn, jubelt Hans Albers, jawoll, jawoll, jawoll! Die zwei Minuten sind längst vorbei. Da, endlich pfeift Dr. Fleischer – Freistoß für Schalke. Der segelt hoch vors Tor, findet Hankes Schädel, dann Ailton…

Die Enthauptung des Glücks.

Aus, 2:2. Das Volk steht starr, gefroren vor Entsetzen. Die Spieler liegen auf der Walstatt wie erschlagen. Litmanen geht von Mann zu Mann, der Neue, Hansas Wunderfinne, der in seinem ersten Spiel Regie geführt hat wie einst bei Ajax, Barcelona, Liverpool. Wenn ich spiele, hab ich keine Uhr, sagt er später, und: Es nützt nichts, über den Schiedsrichter zu reden. Das tun andere. Trainer Berger orakelt, er sei wohl beim falschen Verein, denn Hansa hat schon in Berlin nach 95 Minuten den Ausgleich kassiert und in Bremen einen sonnenklaren Handelfmeter nicht bekommen. Dem Präsidenten Wimmer entfährt der später bereute Satz: Wenn man uns nicht haben will, soll man es uns sagen. Hansa ist auch ein Politikum. Der letzte Ostverein krebst am Tabellenende. Steigt er ab, dann präsentiert sich Deutschlands Bundesligakarte wie zu Mauerzeiten.

Bundesliga in Rostock, das wurde dem Klub nicht an der Wiege gesungen. Die stand sehr fern der Küste, im Erzgebirge. Der FC Hansa ist ein geklauter Verein. Bis zum Herbst 1954 hieß er Empor Lauter. Neun von vierzehn DDR-Oberligisten kamen damals aus Sachsen. Der Norden war Fußballwüste. Dies wurmte Rostocks Parteigewaltigen Harry Tisch, den späteren Gewerkschaftsboss. Lauters Spielern versprach er das Blaue vom Himmel, den Gattinnen organisierte er eine Busfahrt durch die schönsten Ostseebäder. Die Kabale blieb lange geheim. Am 24. Oktober 1954 schlug Lauter Babelsberg und war Spitzenreiter. Tage später siedelte die Mannschaft nach Rostock um. Drama, Volksaufstand im 6000-Seelen-Städtchen. Erbitterte Fans versuchten die Möbelwagen umzuschmeißen. Vier Spieler ließen sich vom Heimatzorn erweichen und blieben zurück. Zwölf reisten ab, in Rostock warm empfangen. Im Süden schlug den Fischköppen noch nach Jahren Hohn und Hass entgegen.

Warum hat die Partei sich Lauter ausgeguckt?

Weil wir die Ärmsten waren, sagt Kurt Zapf, damals der Mannschaftskapitän. Hier in Rostock gab es starke Trägerbetriebe – Fischkombinat, Seehafen. Das Ostseestadion wurde gebaut und die Lange Straße. Tisch sagte: Geh durchs Haus, such dir ’ne schöne Wohnung aus.

"Preiswert kaufen, teuer veräußern, davon hat der Verein gelebt"

Zapf, heute 75, wohnt noch immer in der Langen Straße. Eigentlich wollte er ja keine Interviews mehr geben. Sat.1 war da, RTL, 500 Watt hier, 500 Watt da, die Stromrechnung durfte er selbst bezahlen. Für den batteriegespeisten Zeitungsmenschen gräbt er doch noch mal die alten Zeiten aus, in güldenem Sächsisch: die Kameradschaft in Lauter, der löwenhafte Kampfgeist, uns musste keiner motivieren. Fünf Mark Prämie gab’s fürs Training, mittags fuhr ein Lkw rum, so ’n Planenwagen mit Bänken, der sammelte die Spieler von der Arbeit ein, nach dem Training sind wir dann nach Lauter reingelaufen, zum Bier. Das Geld saß nebenan in Aue, bei den Russen, Wismut, die hatten alles. Nee, war richtig, was wir gemacht haben.

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Die Nummer eins der DDR ist Empor Rostock (seit 1965 Hansa) nie geworden. Das wurmt mich, sagt der alte Mann und weist auf den Trophäenschrank: Alles zweite Plätze. – Viermal wurde Rostock Vizemeister, fünfmal vergeigte man das Pokalendspiel und profilierte sich in den siebziger Jahren als Fahrstuhl-König. Fünfmal ging es runter, fünfmal krabbelte man wieder hoch. Hansa war kein Schwerpunktklub und verlor immer wieder Spieler. Streich ging nach Magdeburg, Jakubowski nach Dresden, Doll zum BFC… Dann die Wende. 1990/91, im letzten Championat der schon verewigten DDR, holte Hansa unter Uwe Reinders seinen einzigen Titel und durfte in die Bundesliga. Am ersten Spieltag schlug man Nürnberg 4:0, am zweiten die Bayern in München 2:1. Dann wurde Dortmund 5:1 verprügelt. Die Rostocker, südschwedische Heißblüter, sangen auf den Straßen. Am Ende stieg man als Tabellenletzter ab.

1995 war Hansa wieder oben. Fast immer im vergangenen Jahrzehnt stak der Klub im Abstiegskampf, mit dem kleinsten Etat der Liga (derzeit 25 Millionen Euro). Dennoch fand man immer wieder gute Spieler und sogar die Kraft, das Ostseestadion neu zu bauen. Preiswert kaufen, teuer veräußern, das ist unsere Philosophie, sagt Rainer Jarohs, der Vizechef. Die Leute hören das nicht gern, aber von den Ablösesummen hat der Verein gelebt.

Neuville war Rostocker, Akpoborie, Agali, Rehmer, Beinlich, Pieckenhagen… Mit Peter Wibran begann das schwedische Zeitalter. Derzeit hat Hansa neun Skandinavier im Kader. Zu jedem Heimspiel kommen zweitausend Fans mit der Schwedenfähre, um sich an Hansa zu berauschen oder wenigstens an tröstenden Getränken. Denn Hansa macht Kummer. Damit war nicht zu rechnen. In der Vorsaison gelang ein neunter Platz, die eingespielte Mannschaft blieb zusammen – mit einer prägnanten Ausnahme.

Martin Max, von 1860 München als Oldtimer aussortiert, schoss 2003/04 für Rostock 20 Tore (vier gegen 1860). Letzten Sommer zog er die Töppen aus. Ohne Max war Hansas Sturm ein Lüftchen. Max-Ersatz Marcus Allbäck, von Aston Villa geholt, traf unverzüglich dreimal und danach nie wieder. Das biedere Team vergurkte ein Heimspiel nach dem anderen. Nach acht sämtlich verlorenen Partien, gipfelnd in einem 0:6 gegen den Hamburger SV, warf der Trainer hin. Der Trainer? Der Hansa-Heilige. 26 Jahre hat Juri Schlünz für Rostock gespielt.

Schlünz war als Trainer wie als Spieler, sagt Kurt Zapf. Sehr weich, immer fair. Peitsche, das konnte er nicht. Ich bin ja Gemütsmensch, aber aufm Platz hab ich gebrüllt. (Wir wagen nicht zu fragen, ob es stimmt, dass Zapf seine Gegenspieler mit der Nadel in den Hintern stach.) Der ganze Vorstand ist zu anständig, knurrt der Alte, das nutzen die Spieler aus. Tjikuzu, besoffen gewesen, Unfall gebaut, Verwarnung. Wieder besoffen, kommt nicht zum Training, keine Konsequenzen. Na ja, die Brasilianer bei Dortmund bringen ja auch nüscht mehr. Wenn’s kalt wird, kannste die in die Küche stellen.

Nach Schlünz’ Abgang kam Jörg Berger. Kein anderer Bundesligatrainer hat so oft Katastrophenklubs aus dem Tabellenkeller geholt, am spektakulärsten 1999 Eintracht Frankfurt. Überliefert ist der Satz von Jan Aage Fjörtoft: Jörg Berger hätte auch die Titanic gerettet. – Die Titanic sicher, aber schwerlich die Hansa-Kogge, wenngleich man daheim nun wenigstens unentschieden spielt.

Herr Berger, Sie wollten doch nie mehr im Osten arbeiten.

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Hansa ist nicht Osten, sondern Norden, sagt Berger. Ich habe im Leben dreimal Glück gehabt, sagt Berger. Einmal als Säugling 1945, als meine Mutter trotz Bordkarte die Wilhelm Gustloff nicht bestieg, dann vor zwei Jahren im Kampf gegen den Darmkrebs. Mein berufliches Glück war 1979 die Flucht aus der DDR, als man mich für die Stasi werben wollte. Nie wieder Osten, das hab ich 1991 gesagt, als mir Dynamo Dresden ein Angebot machte und ich dort die alten Köpfe wiedersah, nur mit neuen Krawatten.

Warum hat gerade Rostock nach der Wende die Kurve gekriegt?

Das liegt an Personen, sagt Berger. In Dresden oder Leipzig übernahmen Abzocker und Selbstdarsteller aus dem Westen. Hier ist auf seriöser Basis was gewachsen.

Ein Hauch von Familie umweht den FC Hansa. Den Aufsichtsrat führt väterlich der Professor. Prof. Dr. mult. Horst Klinkmann, Jahrgang 1935, letzter Präsident der DDR-Akademie der Wissenschaften, hat bereits vor 40 Jahren den FC Hansa mit aus der Taufe gehoben. Die meisten Lenker des Vereins kennen sich seit Anno ewig, ob Manager Herbert Maronn oder Klubchef Manfred Wimmer. Dessen Stellvertreter Rainer Jarohs war von 1976 bis 1990 Hansas Mittelstürmer, die Pässe schlug ihm Axel Schulz, heute Pressesprecher. Schulz sagt: Woanders leben, das kann ich mir nicht vorstellen.

Warum geht in dieser Saison schief, was immer geklappt hat?

Wir haben uns blenden lassen von dem Jahr mit Martin Max, sagt Jarohs. Wir dachten, wir schaffen das auch ohne ihn.

Nach dem 0:6 gegen Hamburg hat mich Rainer Calmund angerufen, sagt Wimmer. Er meinte, wenn ein Motor zehn Jahre im roten Bereich läuft, ist es klar, dass er mal ins Stottern kommt.

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Hansa konnte nur in der Bundesliga bestehen, wenn alles passte, sagt Schulz. Die Mannschaft musste am Limit spielen, die Spielerverpflichtungen mussten stimmen.

Wir haben 24 Spieler, allerdings nicht 24 gleichwertige, sagt Klinkmann. Es fehlen ein Leitwolf und die innermannschaftliche Konkurrenz.

Ist Hansa noch ein Ostverein?

Ein deutscher Verein mit regionaler Zuordnung, sagt Klinkmann. Das psychologische Problem der deutschen Einheit heißt Gleichwertigkeit. Im Osten gibt es kaum noch Leuchttürme für Lebensstolz. Hansa ist einer und außerdem ein beträchtlicher Wirtschaftsfaktor für diese Region. Allerdings bewirkt die finanzielle Polarisierung der Bundesliga eine Wettbewerbsverzerrung. Letztlich stimmt es, Geld schießt Tore. Da fand ich es immer besonders schön, Tore zu schießen gegen das Geld.

"Lichtenhagen, das musste komplett Hansa gerade rücken"

Dortmunder Monopoly, das sei hier unmöglich, sagt Marketing-Chef Ralf Gawlack, Düsseldorfer, der einzige Westimport. Bei Hansa gebe man nur aus, was man einnehme. Der Standort sei schwierig: Flächenland mit hoher Arbeitslosigkeit, kaum Industrie, lauter Kleinsponsoren, außer Vita Cola. Finanziell konkurriere man eher mit Zweitligisten. Und wenn Kaiserslautern 50 Millionen Schulden mache, dann helfe das Land Rheinland-Pfalz flugs durch eine Auffanggesellschaft.

Tun Stadt und Land zu wenig für Hansa?

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Es ist ausbaufähig, sagt Gawlack und spricht von Hansas Werbewert. Die Geschichte Lichtenhagen, sagt Gawlack, die musste komplett Hansa gerade rücken. Zeitweilig stand Rostock doch für Glatzen mit Kampfhunden, die durch Plattenbauten marschieren.

Warum bleiben die Fans so ruhig?

Wut ist hier seltener als Trauer und Sorge, sagt Klinkmann. Der Fan identifiziert sich heutzutage weniger mit den ständig wechselnden Spielern als mit dem Gesamtverein.

Die Wut baut sich bei manchen langsam auf, je näher der Abstieg rückt, sagt Peter Schmidt, der Fan-Beauftragte. Was willste machen, Spieler sind eben nun mal Arschlöcher.

Das Fan-Heim hinterm Stadion ist dem Hanseaten vieles – Hoffnungshütte, Kummertränke, Ticket-Counter für den Auswärts-Vorverkauf. Immer wieder klappt die Tür: Zwei, drei, fünf Karten, bitte, für Kaiserslautern, Wolfsburg, Hannover, für den Bayern-Trip, jetzt erst recht, wir fahren immer mit, auch in der zweiten Liga, klar wissen wir, was kommt, halts Maul, Dicker, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Werdet ihr im Westen diskriminiert?

Absolut nicht, sagt Schmidt. Das is ’n Märchen, das die drüben den Ostverein weghaben wollen.

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Als Grippe-Lazarett reist Hansa in die Pfalz. Die Moral, sagt Trainer Berger, sei gesund. Hansa kassiert ein schmuckloses 1:2. Tage später wird Tjikuzu gekündigt: wieder Suff, wieder Training geschwänzt.

"Die Spieler sind bloß mit dem Portemonnaie hier"

Umfrage in der Kröpeliner Straße, Rostocks Bummelboulevard: Hansa…

Das tut uns allen weh, sagt die alte Dame.

Ich bin vor Verzweiflung auf Boxen umgeschwungen, sagt der Schiffermützenmann.

Die Spieler sind bloß mit dem Portemonnaie hier, nicht mit dem Herzen, sagt das Mädchen.

Die Freundin: Mecklenburger ist von denen keiner.

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Dat nächste Spiel wird wieder so ’ne Pleite, sagt der Verkäufer des Obdachlosenmagazins Strohhalm. Nee, dat is vorbei, dat könnse abschmatzen.

Denen sollte man das Geld kürzen, sagt die Frau mit der behinderten Tochter. Die denken, die Kohle stimmt, was solln wir uns den Arsch aufreißen. Da stehnse rum, zack, ist der Ball drin. Die sind zu satt.

Das sagen dieselben Leute, die dir in der Kröpi auf die Schulter kloppen, wenn es läuft, sagt Hansa-Verteidiger Ronald Maul.

Wir sind nicht satt, sagt Stürmer Magnus Arvidsson. Uns fehlt bloß das Selbstvertrauen.

Wenn wir echte Knaller wären, würden wir ja bei Bayern spielen, sagt Mittelfeldmann René Rydlewicz.

Unerklärliche Blockaden, sagt Torwart Mathias Schober, der Kapitän. Wenn man erst mal unten steht, machen die Füße nicht, was der Kopf will.

Vielleicht waren manche ein bisschen fahrlässig, weil’s jedes Jahr gut gegangen ist, sagt Maul. Wir müssen jetzt einfach in Wolfsburg gewinnen.

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Wolfsburg. Lachnummer Hansa. Nach sieben Minuten führt der VfL 2:0 und spielt dann ein ruhiges Schiebchen. Am Ende steht es 4:0. Zeitgleich verliert Dortmund in München 0:5. Der Hansa-Anhang feiert: WIR SIND BESSER ALS DER BVB! Trainer Berger tobt, er fahre täglich am Arbeitsamt vorbei, einige der Spieler gehörten dort hinein. Einer kommt ihm alsbald abhanden. Bild meldet, Rydlewicz werde vom Rotlichtmilieu erpresst und sei zwecks Denkzettel schon mal in die Warnow geschmissen worden. Tags darauf weiß das Fachblatt, letzten Mai vor den Hansa-Pleiten in Dortmund und Köln sei Rydlewicz aus dem Mannschaftshotel getürmt und erst früh um sechs zurückgekehrt. Die Klubleitung befragt den Nachtaktiven. Der schweigt und wird suspendiert.

Das Heimspiel gegen Mönchengladbach erklärt Berger zur Hansas letzter Chance. Am Spieltag zuckelt der Zug aus Berlin nach Norden, drei Stunden durch das karge Land, und sammelt blauweiße Nibelungen. Warum fahrt ihr immer noch?

Aus Beklopptheit. Weil ick Hertha hasse. Meine Wohnung is feucht, im Zug is warm. Liebe, Alter, dit is Ostliebe, ick bin keen Schwachmate wie die Sachsen, die zu Bayern überlaufen.

Was sagt ihr zu Rydlewicz?

Feiern is menschlich, sagt der alte Knabe mit dem Rydlewicz-Trikot.

Noch 15000 Unentwegte wollen Hansa sehen. Sie erleben, im Schneesturm, ein Harzer Derby: Elend gegen Sorge. Hansa will und kann nicht, Gladbach will nicht mal. Beide Teams erarbeiten je eine Chance. Der Schiri verwehrt, das ist nun schon Kult, Rostock einen Handelfmeter. Nach dem torlosen Remis steht Hansas Bundesligarekord bei null Siegen in zwölf Heimspielen.

Die Gründe, sagt Professor Klinkmann, müssen wir auch außerhalb des Ökonomischen suchen.

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PS.: Rydlewicz darf wieder mitspielen. Und vorige Woche hat Hansa 1 : 0 in Hannover gewonnen, es war der erste Sieg nach viereinhalb Monaten.