Um sich einer neuen, unbekannten Stadt von Ferne zu nähern, kann man einen Roman lesen, der auf ihren Straßen spielt, oder man kauft sich einen Reiseführer, oder man blättert – schnell und billig – in einem Fremdenverkehrsprospekt. Immer geht es um Bilder, geschaute oder geschilderte: Sie wecken die Sehnsucht.

Könnte aber der Wunsch nach einem Ort auch durch die Ohren kommen? Für die zweitgrößte Stadt Portugals lässt sich diese Frage jetzt klar bejahen. Auf der CD Folklore Volume II: Porto verdichten die Künstler Alejandra & Aeron Klänge und Gesänge zu einem ganz eigenen Porträt dieser Stadt und ihrer Alltagskultur. Wir haben sie im November einige Tage lang bei ihren Aufnahmen begleitet.

Alejandra & Aeron haben ihr temporäres Quartier in Foz, dem schönsten Teil Portos, wo der Rio Douro in den Atlantik mündet. Wenn sie aus der Tür treten und durch die schattige Gasse den Hügel hinunterblicken, sehen sie an guten Tagen hinter den Palmen das Wasser blitzen. Ihre Wohnung hat nur einen großen Raum, Küche und Wohnzimmer in einem, das Bett ist hinter einem Schrank versteckt. Kommen abends noch Gäste, kocht Aeron, gern Gemüse und Fisch, das macht er so nebenbei am Herd, vertieft ins Gespräch über ihre Audiokunst und wie sie zu verstehen sei.

Oft sind sie morgens früh schon unterwegs, wenn ihnen die Novembersonne einen Sommertag spendiert und sie die Fischerboote, von Möwen umkreischt, in den Hafen eintuckern hören wollen, oder auch in kalter Nacht, wenn sie das Mikrofon vor die Luke halten dürfen, durch die der Bäcker oben in Avintes schabend die Laibe in die Röhre schiebt. Dann packen sie ihre Rekorder in den Rucksack, nehmen den Bus und ziehen los in eine Umgebung, die ihnen von Aufnahme zu Aufnahme vertrauter klingt.

Alejandra Salinas ist 27, Spanierin aus La Rioja, schneeweiß leuchtet ihre Haut, streng gescheitelt trägt sie das pechschwarze Haar, zu langen, feinen Zöpfen geflochten. Ihre Züge sind freundlich, dem Unbekannten zugetan, ihre Stimme piepst, was natürlich sofort auffällt bei all dem Reden übers Hören.

Aeron Bergman ist 32, Amerikaner aus Detroit, und einmal – als wir auf die Fähre über den Fluss warten –, da erzählt er, wie man ihn in New York von der Straße weg als Nerd-Model verpflichtet hatte und ihn fortan gelegentlich dafür bezahlte, auszusehen, wie man sich jemanden vorstellt, der Tag und Nacht vor dem Computer sitzt: die kantige, blaue Hornbrille, das wirre Haar, die dürre, schlaksige Gestalt und dieser Blick, als wäre er in Gedanken ganz woanders.

Das öffentliche Waschhaus drüben in Afurada, auf der anderen Seite des Flusses, hatten sie schon einmal im Juni aufgesucht, ohne Erfolg. Als sie damals erschienen, verstummten die Frauen. Wer waren diese beiden, und was wollten sie mit den Geräten? Und da sein Englisch, ihr Spanisch die Portugiesinnen nicht erweichte, zogen sie tonlos wieder davon.

Dieses lavadouro público ist ein Ort des geselligen Waschens und Trocknens; niemand bleibt auf sein ärmliches und enges Zuhause verwiesen. An den großen, steinernen Bassins stehen robuste Frauen mit großen Brüsten und groben Bürsten, die Hände in Gummihandschuhen. Kernseife trübt das Wasser, es riecht nach Lauge. Rhythmisch und kraftvoll walken und wringen sie Röcke, Teppiche und Strümpfe, es fährt ein Plätschern, Klatschen, Schnaufen, Spritzen und Sprechen durch den Raum und ein Gurgeln, wenn irgendeine den Stöpsel zieht, das alles von spitzem Nachhall sekundiert.

Alejandra & Aeron hofften, die Waschfrauen singen zu hören, es singt aber keine. Da lässt ein Klempner, der nach den Rohren sieht, von seiner Arbeit ab und bedeutet ihnen, er wisse eine Frau, gleich nebenan, die eine schöne Stimme habe, und geht los, sie zu holen.

Bald erscheint sie, Lächeln entblößt eine Lücke zwischen ihren Zähnen, sie wirft den Kopf zurück und schmettert voller Inbrunst los von der Liebe und vom Fischen, und ihre Hände beschwören tristeza e alegria mit ausgreifenden Gesten. Und die glatten Wände des Waschraums spiegeln ihr Flehen.

Im vergangenen Juni waren Alejandra & Aeron das erste Mal überhaupt in Porto gewesen, sie wussten nichts von der Stadt, sie hatten nichts gelesen, aber sie hatten diesen Auftrag von Portos wunderbarem Museum für moderne Kunst, dem Fundação de Serralves: Sie sollten, vor Weihnachten noch, eine Installation im Foyer errichten, und man wünschte sich etwas mit Klang von ihnen, denn für ihre akustischen Arbeiten haben sie inzwischen unter Hörkunstexperten und Kuratoren weltweit einen Namen.

Eine Sommerwoche lang waren sie die sanft gewellten Straßen der Altstadt auf- und abgelaufen, hielten da und dort inne, fotografierten, versuchten zu verstehen, was es hier für sie zu tun gäbe. Eine Idee hatten sie nicht, und Aeron wurde nach einigen Tagen schon etwas nervös; die Erwartung lastete auf ihnen.

Sie sahen die zwei eisernen Brücken über den Fluss, die Eiffel gebaut hatte, sie gingen in den seltsamen Bahnhof, der als Kopf unmittelbar vor einem Tunnel saß, wo die Züge erschienen oder verschwanden, sie standen vor den Mosaiken, sandig eingelegt in die Bürgersteige, oder sie bestaunten die mit Kacheln farbenprächtig gestalteten Häuserfronten. Sie sahen den kleinen Reichtum Portos und Portos große Armut, deren Würde ihnen Eindruck machte. Sie nahmen nichts auf, weil sie nicht wussten, was.

Dann fanden sie die steinalten Friseure, die steinalten Kunden die Haare schnitten, mit zwei Scheren gleichzeitig, und wollten das Stereogeschnippe und -geschnappe aufnehmen, wurden aber abgewiesen. Dann fanden sie die Kerzengeschäfte mit den Spezialkerzen, die Gläubigen beim Gesundbeten helfen, wenn sie in der Kirche aufgestellt und entzündet werden: Kopfkerzen, Lungenkerzen, Herzkerzen, exakte Nachbildungen der von Krankheit befallenen Organe, Kerzen fürs linke Bein und Kerzen fürs rechte. So kamen sie allmählich nach Porto.

Alejandra war 17 gewesen, als sie Aeron vor zehn Jahren in Toronto beim Studium kennen gelernt hatte, sie Kunst, er Kunstgeschichte. Erst wurden die beiden ein Paar, dann ein Künstlerpaar. Sie lebten und arbeiteten in Detroit und in New York, in London und in La Rioja, und gerade wohnen sie in Barcelona. Vielleicht zieht es sie bald nach Berlin?

Sie sind überall und nirgends, aber stets unzertrennlich, und wenn man ihn ohne sie antrifft oder sie ohne ihn, dann ist das nur für ein paar Minuten oder eine Ausnahme, weil der eine krank ist und der andere notgedrungen allein zu einer verabredeten Aufnahme gehen muss.

Wie zu Domingos Martins Machado, draußen in Tebosa, einem Dorf nordöstlich von Porto. Aeron kommt nach einem missglückten Restaurantbesuch nicht mehr aus dem Badezimmer, und Domingos wartet schon unter dem Mandarinenbaum vor dem Haus an der Landstraße, ein wurzliger, stolzer, alter Mann, dessen Portugiesisch ohne Pause nun in spanische Öhrchen prasselt, die sich alle Mühe geben.

Domingos baut Cavaquinhos, kleine viersaitige, der Ukulele verwandte Gitarren, deren heller, kecker Klang zu Portugal gehört. Seine Werkstatt ist eine über und über mit Staub und Spänen bedeckte Höhle. An den Wänden, am Boden, überall hängen und liegen halbfertige Instrumente, von denen einige unter der Staubschicht schon unscharf erscheinen. Domingos erzählt und erzählt, und schweigend an der rissigen Werkbank feilt Alfredo Matos Machado, der bullige Sohn. Mit einem Kantmesser entfernt er überstehendes Holz von einem Korpus, schnell und präzis und nur nach Augenmaß. Jeder Griff gibt ein Geräusch. Man hört ein Raspeln, Bersten und Poltern, vom Resonanzkörper verstärkt, und den unter der Anstrengung schwankenden Atem des Meisters. Alejandra streckt ihm das Mikrofon entgegen.

Vor zehn Jahren hatte es Donovan bis an diese Werkbank geschafft, er kaufte ein Cavaquinho für George Harrison, der schenkte es später Paul McCartney, der benutzte es in einem Film, Domingos weiß leider nicht, in welchem, oder er hat die Frage nicht verstanden.

Amelia Rodriguez war auch dagewesen, die größte Sängerin des Fado, der urbanen portugiesischen Folklore. Domingos zeigt zum Beweis das Foto in seinem privaten, blitzblanken Museu de Cordofones nebenan, er zeigt die Vitrinen, die Schränke mit den Dankesbriefen und all den CDs, auf denen seine Instrumente mitspielen… Dann greift er in die Saiten, bringt mit schwieligen Fingern das zierliche Ding zum Hüpfen, was ein wenig nach Country klingt und ein wenig wie Zither, dann schaltet Alejandra den Rekorder aus.

Für 55 Euro, einfachste Ausführung, kauft sie ein Cavalquinho. Das wird Aeron wieder auf die Beine bringen.

Nach ihrer ersten Woche in Porto hatten sie sich entschieden: Sie würden für die Installation im Museum Klänge und Kacheln kombinieren. Flüchtige Akustik und trittfeste Keramik. Und aus allen Aufnahmen vom Juni und November würden sie eine CD machen! Den Herbst verbrachten sie zu Hause in Barcelona, wo sie Fotos sortierten, diskutierten und Vorlagen zeichneten: die Motive der für sie anzufertigenden Kacheln.

Sssssit, sssssit, sssssit, sssssit macht’s in der Kachelfabrik von Aveiro, südlich von Porto, wenn Rohlinge aufs Förderband rutschen und unter dem Vorhang aus flüssiger Lasur durchfahren – Aeron hat’s aufgenommen. Man hört Frauenstimmen im Hintergrund und das rauschende Gebläse des Brennofens. Muss man’s sehen?

"Video ist inzwischen überall", sagt Aeron. – "Es gibt zu viele Bilder", sagt Alejandra. – "Klänge sind persönlicher als Bilder", sagt Aeron. – "Klang ruft etwas hervor", sagt Alejandra.

Die Kachelfabrik ist ein weißer Wellblechschuppen in einem Wohngebiet, von draußen ist nicht zu ahnen, was drinnen geschieht. An einem zwanzig Meter langen Tisch stehen Arbeiterinnen in Kitteln und malen mit Schablonen Muster auf die Kacheln. Sonderwünsche erfüllt ein Meister, der an der Staffelei große Mosaike fertigt. Er malt mit der Rechten, die er mit der Linken stützt; nur die groben Linien sind dünn vorgezeichnet, kaum je greift er zum Lineal, alles Feine macht er frei. Gerade ist es eine ländliche Szene am Fluss, der Brunnen vor dem Haus, Bauer und Bäuerin einander zugewandt, in Blau auf Weiß.

Siedelt solche Folklore nicht nah am Betrug? Gibt es im Englischen nicht sogar das Wort fakelore, das eine erlogene Authentizität beschreibt?

Alejandra & Aeron sträuben sich gegen diese ihnen allzu einfache Erkenntnis. Folklore ist seit Jahren ihr Feld. In Konzept und Objekt. Mit Zeichenstift und Mikrofon. Wenn sie irgendwo auf der Welt Kunst und Kunsthandwerk in einer Installation zusammenbringen, wie hier Klang und Kacheln, dann gefällt es im schlimmsten Fall weder den Kritikern noch den Traditionalisten. Die von oben, hochnäsig: Warum so kitschig? Die von unten, kleingeistig: Warum so künstlich? Dieser Widerspruch stachelt sie an.

Im fensterlosen Keller des Museums, in einem Lagerraum, voll gestellt mit Mischpulten, Verstärkern, Klöterkisten und Kabeln, haben sich Alejandra & Aeron an einem Tisch eine Arbeitsfläche frei geschaufelt. Vor ihnen steht ein großer Apple-Computer, es läuft Pro Tools, ein Programm zum Schneiden, Kopieren, Ein- und Ausblenden von Audiodateien. Von ihren Rekordern, DAT und Minidisc, überspielen sie die gesammelten Klänge auf die Festplatte – jetzt beginnt die Feinarbeit. "Wir müssen die Aufnahmen ins Fließen bringen", sagt Aeron. So arrangieren sie die Schnipsel Stunde um Stunde am Bildschirm, und langsam – aus Studioboxen schallend – gewinnt ihr akustisches Porto an Gestalt. Später im Museumsfoyer werden die Töne aus den Bodenlautsprechern eines postfolkloristischen Kachelmosaiks zu hören sein.

Der rauschende Fluss, das Rasseln der Angeln, die kleinen Glöckchen, die das Anbeißen signalisieren, das Rasch-paff, Rasch-paff der pneumatischen Portweinabfüllerei. Und dann, pompf-pompf- pompf, pompf-pompf, pompf-pompf, pompf-pompf, pompf – klingt das nicht fast wie elektronische Musik, wie der letzte Wille einer zu allem entschlossenen Avantgarde?

Aber es sind die Bäckersfrauen von Avintes, weiß im Gesicht vom Mehl, weiß in den Haaren, den Pullovern, über und über bestäubt, unscharf fast wie die Rümpfe der Cavalquinhos von Domingos Martin Machado. Sie schälen den Teig aus der Wanne, sie formen ihn, wälzen ihn, klopfen ihn, pompf-pompf, und dann ab damit in den Ofen.

"Wenn Leute an elektronische Musik denken, denken sie immer an Zukunft", sagt Alejandra. "Aber wir kombinieren Verfahren der elektronischen Musik mit Dingen aus der Vergangenheit."

Ihr Klang-Album von Porto zeigt keine tönenden Sonnenuntergänge, sondern versammelt archaische Laute mit jetztzeitigen Rissen. In der Backstube untermalt ein ätherisches Chorwerk aus dem Radio das pompfende Geknete. Zur Arie der Waschfrau geht das Geschrubbe an den Becken weiter. In das kristallklare Cavalquinho-Solo von Domingos Martins Machado saust der Feierabendverkehr auf der Landstraße, sausen all die Pendler, die der Betriebsamkeit der Stadt entfliehen in die auf den Hügeln verstreuten Häuser.

INFORMATION

Anreise:
Mit Lufthansa von Frankfurt am Main, derzeit gültiger Tarif 180 Euro plus zirka 64 Euro Steuern und Gebühren

Museum:
Die Stiftung Fundação de Serralves, Rua D. João de Castro 210, 4150-417 Porto, Tel. 00351-2/6156500, www.serralves.pt , ist das Museum für moderne Kunst in Portugal. Nicht nur die Werkschauen, die aktuellen Künstlerprojekte und die Sammlung lohnen den Besuch, sondern auch die in einen herrlichen Park eingebettete Anlage selbst, die in ihrer Großzügigkeit an das dänische Louisiana oder die Basler Fondation Beyeler erinnert. Der abstrakte Neubau des einheimischen Architekten Álvaro Siza bildet einen reizvollen Kontrast zur Art-déco-Fabrikantenvilla aus den dreißiger Jahren; im Sommer Jazzkonzerte unter freiem Himmel

Opernhaus:
Der Holländer Rem Koolhaas entwarf das Opernhaus Casa da Musica, www.casadamusica.com , Tel. 00351-22/6059400, das am 14. April nach über vier Jahren Bauzeit eröffnet werden soll. Als weißer Meteor ist es in die Rua Eugénio de Castro direkt ins Stadtzentrum eingeschlagen, und man wird sehen müssen, ob es nicht eine Nummer zu groß für Porto ist

Café:
Das Guarany, Avenida dos Aliados 89/85, www.cafeguarany.com , aus den dreißiger Jahren ist das Lieblingscafé von Alejandra und Aeron, auch wenn sie die Bilder von Graça Morais nicht mögen. Der Pingo, wie der Milchkaffee hier heißt, schmeckt – und kostet 75 Cent!

Portweinkellerei:
Hoch über der Stadt, jenseits des Flusses, liegt Graham’s Winery, Quinta do Agro, Rua Rei Ramiro, www.grahams-port.com – ein Ziel der Portweintouristen. Man geht durch schummrige, stark holzfasshaltige Räume und findet sich hernach zur Verkostung ein

Kacheln:
Wer, inspiriert von Portos Faible für Kacheln, Gebranntes mit nach Hause nehmen will, wird fündig in der Manufaktur Volta da Cor, Rua de Vera Cruz 45, Tel/Fax 00351-225/375479. E-Mail: voltadacor@oninetspeed.pt . Paulo Araúso und Victor Sotto-Mayor fertigen auch nach Wunsch

Musikinstrumente:
Domingos Martins Machado, Tebosa, Braga, Tel. 00351-253/673855, baut in Braga, eine Autostunde außerhalb von Porto, Geigen, Gitarren, Banjos und jene kleinen, hell klingenden Cavaquinhos. Eindrucksvolle Werkstatt, Saiteninstrumentemuseum

Die Porto-CD:
Das Album mit den Aufnahmen von Alejandra & Aeron erscheint als "Folklore Volume II: Porto" in diesen Tagen auf ihrem Label Lucky Kitchen, www.luckykitchen.com . Vertrieb in Deutschland über den Webshop www.tomlab.de , Tom Steinle, Tel. 0221/2761845

Auskunft:
ICEP Portugiesisches Handels- und Touristikamt, Schäfergasse 17, 60313 Frankfurt am Main, Tel. 0180-5004930, www.icep.de