Die Kachelfabrik ist ein weißer Wellblechschuppen in einem Wohngebiet, von draußen ist nicht zu ahnen, was drinnen geschieht. An einem zwanzig Meter langen Tisch stehen Arbeiterinnen in Kitteln und malen mit Schablonen Muster auf die Kacheln. Sonderwünsche erfüllt ein Meister, der an der Staffelei große Mosaike fertigt. Er malt mit der Rechten, die er mit der Linken stützt; nur die groben Linien sind dünn vorgezeichnet, kaum je greift er zum Lineal, alles Feine macht er frei. Gerade ist es eine ländliche Szene am Fluss, der Brunnen vor dem Haus, Bauer und Bäuerin einander zugewandt, in Blau auf Weiß.

Siedelt solche Folklore nicht nah am Betrug? Gibt es im Englischen nicht sogar das Wort fakelore, das eine erlogene Authentizität beschreibt?

Alejandra & Aeron sträuben sich gegen diese ihnen allzu einfache Erkenntnis. Folklore ist seit Jahren ihr Feld. In Konzept und Objekt. Mit Zeichenstift und Mikrofon. Wenn sie irgendwo auf der Welt Kunst und Kunsthandwerk in einer Installation zusammenbringen, wie hier Klang und Kacheln, dann gefällt es im schlimmsten Fall weder den Kritikern noch den Traditionalisten. Die von oben, hochnäsig: Warum so kitschig? Die von unten, kleingeistig: Warum so künstlich? Dieser Widerspruch stachelt sie an.

Im fensterlosen Keller des Museums, in einem Lagerraum, voll gestellt mit Mischpulten, Verstärkern, Klöterkisten und Kabeln, haben sich Alejandra & Aeron an einem Tisch eine Arbeitsfläche frei geschaufelt. Vor ihnen steht ein großer Apple-Computer, es läuft Pro Tools, ein Programm zum Schneiden, Kopieren, Ein- und Ausblenden von Audiodateien. Von ihren Rekordern, DAT und Minidisc, überspielen sie die gesammelten Klänge auf die Festplatte – jetzt beginnt die Feinarbeit. "Wir müssen die Aufnahmen ins Fließen bringen", sagt Aeron. So arrangieren sie die Schnipsel Stunde um Stunde am Bildschirm, und langsam – aus Studioboxen schallend – gewinnt ihr akustisches Porto an Gestalt. Später im Museumsfoyer werden die Töne aus den Bodenlautsprechern eines postfolkloristischen Kachelmosaiks zu hören sein.

Der rauschende Fluss, das Rasseln der Angeln, die kleinen Glöckchen, die das Anbeißen signalisieren, das Rasch-paff, Rasch-paff der pneumatischen Portweinabfüllerei. Und dann, pompf-pompf- pompf, pompf-pompf, pompf-pompf, pompf-pompf, pompf – klingt das nicht fast wie elektronische Musik, wie der letzte Wille einer zu allem entschlossenen Avantgarde?