Japan ist dasjenige Industrieland, das sich in den vergangenen 100 Jahren am meisten verändert hat. Seine Modernisierung vollzog sich in hoher Geschwindigkeit. Die japanische Gesellschaft ist auch schneller als alle anderen gealtert, es deutet aber nichts darauf hin, dass sie dadurch die Fähigkeit zur Erneuerung eingebüßt hat. Denn gegenwärtig befindet Japan sich wieder in einer Phase der Wandlung - indes, dies wird kaum wahrgenommen. Das liegt an dem äußerlichen Konservatismus der Gesellschaft und auch daran, dass es mit dem Land seit geraumer Weile nur bergab zu gehen scheint.

Einen guten Ruf zu verlieren ist nicht schwer, ihn zurückzugewinnen fast unmöglich. Die dem Einbruch der Kapital- und Immobilienmärkte zu Beginn der neunziger Jahre folgende Wirtschaftsflaute hat Japans Reputation gründlich ramponiert. Der Leitstern des Fortschritts, der größte Entwicklungshilfegeber der Welt, der bewunderte Wirtschafts- und Finanzgigant, der auf vielen Gebieten mit den USA um die Spitzenposition wetteiferte, ist vergessen - vorbei die Zeiten, als die Qualitäten des Samurai in betriebswirtschaftlichen Seminaren rund um den Globus studiert wurden. Japan hat nur noch schlechte Presse. Im Land selbst spricht man von einem verlorenen Jahrzehnt.

Nachdem die Seifenblasenökonomie geplatzt war, traten die Schwächen des Landes zutage. Seine Wirtschaft war noch nicht darauf eingestellt, sich im neuen, turbulenten Umfeld einer Welt nach dem Ende der Blockkonfrontation zu bewegen. Geistiger Stillstand, Korruption, Überalterung - Naturkatastrophen kamen hinzu.

Gleichwohl ist in dem verlorenen Jahrzehnt viel geschehen. Ein Beispiel bieten die japanischen Banken. Von ihnen weiß man, dass zu enge Verflechtungen mit Großunternehmen und verantwortungslose Kreditvergabepraktiken sie in eine tiefe Krise stürzten. Die peinliche Herabstufung ihrer Bonität durch die Analysten der internationalen Finanzmärkte war die Folge. Weniger bekannt ist, dass in der japanischen Finanzindustrie inzwischen ein echter Strukturwandel stattgefunden hat. Neue Großbanken sind entstanden, Kreuzverflechtungen mit der Industrie kontinuierlich aufgelöst worden. Heute sind nur noch 20 Prozent des Aktienmarkts durch feste Beteiligungen gebunden. Außerdem haben die Banken ihren Schuldenberg weitgehend abgebaut. Das ist nicht nur gut für die Banken - es deutet auch auf ihre Leistungsfähigkeit hin, denn die Schulden wurden keineswegs nur abgeschrieben, sondern in erheblichem Umfang zurückgezahlt.

Während die Banken und die anderen Unternehmen heute sehr viel besser dastehen als vor zehn Jahren, kann man das von den Arbeitnehmern nicht sagen, denn Arbeitslosigkeit und Teilzeitbeschäftigung haben drastisch zugenommen.

Über 40 Prozent der japanischen Arbeitnehmer sind heute teilzeitbeschäftigt, doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Es steigt die Zahl der Neets, wie sie neuerdings heißen: not in employment, education or training. Zugenommen hat auch das Einkommensgefälle. Der Unterschied zwischen den Durchschnittseinkommen der obersten und der untersten zehn Prozent ist noch nicht so groß wie in den angelsächsischen Ländern, aber die Entwicklung weist in diese Richtung. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich, die egalitären Elemente des japanischen Kapitalismus geraten durch Reformen des Arbeitsmarkts und des Entlohnungssystems zunehmend unter Druck. Ähnlich wie in Deutschland verlagern sich die Gewichte von der Fürsorge des Staates und des Betriebs zur Eigenverantwortung des Individuums. Japan ist in diesem Prozess weiter als Deutschland.

Sichere Arbeitsplätze, Bezahlung nach Dienstjahren und einflussreiche Betriebsgewerkschaften, diese drei Prinzipien des japanischen Kapitalismus haben bereits deutlich an Bedeutung verloren - ohne dass es zu Streiks und Massenprotesten kam. Wieder einmal zeigt sich, dass der Konservatismus der japanischen Gesellschaft diese nicht daran hindert, neue Wege einzuschlagen, wenn es notwendig ist.