In Österreich gibt es einen Minister, der für das Leben zuständig ist. Der Chef des Lebensministeriums heißt Josef Pröll und kümmert sich in der Wiener Regierung unter anderem um den Schutz der Gewässer, des Bodens und des Klimas – wofür er sich auch persönlich einsetzt. Zu den Salzburger Festspielen reist Pröll mit der Bahn, durch die Hauptstadt radelt der Sohn eines Weinbauern gern mit dem Fahrrad. Er sei "nicht einer, der wartet, sondern der gestaltet", sagt der 36-Jährige.

Der Gestaltungsdrang des Österreichers beschäftigt dieser Tage auch die deutsche Regierung. Diplomatisch verpackt drängt Pröll, Mitglied der konservativen ÖVP, die rot-grüne Regierung in Berlin letztlich dazu, ihre Ökosteuer zu senken oder gar abzuschaffen. Den obersten Umweltpolitiker der Alpenrepublik nervt die Abgabe, weil sie deutsche Autofahrer scharenweise zum Tanken in sein Heimatland lockt – und dort den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO 2 ) rechnerisch in die Höhe schießen lässt.

Genau das ist Prölls größtes Problem: Statt nach unten, wie vom Kyoto-Protokoll verlangt, zeigt der Trend der österreichischen CO 2 -Emissionen steil nach oben: 2002 lagen sie bereits um satte 14 Prozent über denen des Basisjahres 1990. Laut internationalen Verabredungen mit den UN und mit der EU muss Österreich seine Treibhausgas-Emissionen aber bis 2010 um 13 Prozent gegenüber 1990 drosseln. Misslingt das Vorhaben, drohen drakonische Strafen – denen zu entkommen mittlerweile fast unmöglich ist.

Gleichwohl lässt Pröll, dessen Kollege vom Verkehrsressort sich gerade anschickt, die erlaubte Geschwindigkeit auf österreichischen Autobahnen von 130 auf 160 km/h zu erhöhen, nichts unversucht: Er will die Tanktouristen verjagen. Dem österreichischen Finanzminister bescheren sie zwar ein "Körberlgeld" (Trinkgeld) von 500 Millionen Euro. Angesichts der drohenden Sanktionen wegen Verfehlung des CO 2 -Ziels könnte die Freude darüber allerdings rasch verfliegen.

Tatsächlich verbuchen die Statistiker das aus mobilen Quellen stammende Kohlendioxid auf dem Klimakonto jener Staaten, in denen getankt wurde; Grundlage ist das dort verkaufte Benzin. Weil österreichische Tankstellen – dank niedriger Spritsteuern – Diesel und Super um bis zu 20 Cent billiger anbieten können als die Konkurrenz vieler Nachbarländer, frequentieren grenznah wohnende Autofahrer gern die Zapfsäulen der Alpenrepublik. Die österreichischen CO 2 -Emissionen erhöhten sich dadurch um 7,3 Millionen Tonnen, heißt es in der Rechnung, die Pröll an diesem Donnerstag im europäischen Umweltministerrat präsentiert. Für das Gros davon macht der Österreicher deutsche Tanktouristen verantwortlich. Würden sie und andere zu Hause tanken, wäre Österreichs Klimaproblem deutlich geringer. Die CO 2 -Emissionen sänken sofort um mehr als zehn Prozent. Und Österreich wäre mit einem Schlag seinem bis 2010 versprochenen Klimaziel näher. "Das möchte ich mal diskutieren", sagt Pröll, der das Verursacherprinzip massiv verletzt sieht.

Österreich könnte dem von Pröll beargwöhnten kleinen Grenzverkehr zwar schnell den Garaus machen; die Regierung in Wien müsste nur ihre Mineralölsteuer auf deutsches Niveau anheben. Um die Wirtschaft nicht zu verschrecken, wollen sich Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und die Seinen dazu aber nicht durchringen. Stattdessen sollen andere ihre Steuern senken – und zwar auf Geheiß Europas. Als "Denkoption" regt Pröll deshalb an, die EU solle ihre bereits existierenden Mindestsätze für Energiesteuern um Höchstsätze ergänzen. Träfe der Vorstoß auf Zustimmung, könnte Deutschland gezwungen sein, seine Ökosteuer zu senken.

Wahrscheinlich ist das allerdings nicht. Zwar ist die Abgabe auch beim deutschen Wählervolk unbeliebt. Gleichwohl kann Rot-Grün auf die Ökosteuer nicht verzichten. Ihr Aufkommen fließt nämlich größtenteils der Rentenversicherung zu. Auf diese Weise werden die standortschädlichen Lohnnebenkosten ein wenig in Schach gehalten. Ohne deutsche Zustimmung ist aber die Wiener Initiative zum Scheitern verurteilt. Steuerpolitische Beschlüsse werden in Brüssel nur einstimmig gefasst.