Was muss dieser Mensch für eine Kraft besessen haben! Catalina de Erauso, 1592 im spanischen San Sebastián als Mädchen geboren, gestorben um das Jahr 1649 in Mexiko als Mann. Dazwischen lag ein Leben, wie es nach den Maßstäben des 17. Jahrhunderts eigentlich nicht hätte sein können. Immer wieder ist von diesem Mädchen, das sich Francisco Loyola nannte und mit feinem Flaum über der Lippe und hartem Schwertschlag fluchte, tötete und alle Welt täuschte, erzählt worden: Wie es achtjährig schwor, eines Tages dem geliebten großen Bruder Miguel in die Kolonien nachzufolgen, zu den Reichtümern der südamerikanischen Silberstadt Potosí. Wie es 16-jährig aus dem Kloster floh, um fortan als Mann zu leben. Welche Gefahren es auszustehen hatte auf seinem Weg von einer vorbestimmten weiblichen Existenz zu selbst bestimmter Freiheit. Mit einer "wahren Begebenheit" hat man es als Autor nicht leicht. Auf der einen Seite steht die historische Wahrheit, auf der anderen das Problem, wie es sich im Schatten der Fakten noch lustvoll erzählen lässt, und manch historischer Roman scheitert an dieser Gratwanderung. Er bleibt kalt oder kippt ins Kandierte. Markus Orths dagegen hält die Balance mit bewundernswerter Leichtigkeit. Sein Erzähler gibt den nüchternen, aufgeklärten Chronisten, der sich hie und da, besonders gegenüber dem spanischen Katholizismus, böse Ironie gestattet. Andererseits nutzt er den einmal erworbenen Respekt schamlos, aber erfolgreich aus, uns die tollsten Dinge glauben zu machen.

Wieder hat sich Markus Orths, der hier nach Corpus (2002) und Lehrerzimmer (2003) seinen dritten Roman vorlegt, als Erzähler glänzend bewiesen. Doch begnügt er sich nicht damit, eine beeindruckende Biografie nachzuerzählen. Für ihn steht hinter Catalinas Travestie ein großes Unglück: ein Mensch, der sich in seinem eigenen Spiel verloren hat, der seine creatio ex nihilo mit Leere bezahlt. Die verzweifelte Suche danach, wer man "wirklich" ist, hat seinen bisweilen hysterischen Höhepunkt allerdings erst in unserem Jahrhundert, und man sollte sich hüten, Catalina de Erauso allzu viel davon anzudichten. Lassen wir solche Spekulationen und genießen die Kunst eines Autors, der uns mit Lust und Talent eine furiose Geschichte erzählt.