Dass wir uns gegenwärtig im Zeitalter fortschreitender Globalisierung befinden, gehört zu den Selbstverständlichkeiten, auf die sich Gegner und Befürworter des fraglichen Prozesses gleichermaßen berufen. Aber dieser Umstand macht die Annahme noch nicht wahr.

Der Philosoph Peter Sloterdijk jedenfalls erzählt eine andere Geschichte der Globalisierung. Sie begann, als die ersten europäischen Schiffe nach Umrundung der Erdkugel in ihre Heimathäfen zurückkehrten. Während man in der Antike über kosmische Kugeln spekuliert und meditiert hatte, war mit dieser Heimkehr nach Europa die Erde endgültig zur letzten und einzigen Kugel geworden. Umrundet und praktisch als "unsere Welt" erschlossen, wurde die Erde von der "christlich-kapitalistischen Seefahrt", denn die heimkehrenden Entdecker hatten die für den Kapitalismus unverzichtbare Erfahrung gemacht, dass Herausfahren geistigen und materiellen Gewinn bringt.

Der Erschließung folgt die politische Implementierung. Die zweite dynamische Phase der Globalisierung fällt folglich in das imperialistische 19. Jahrhundert und in die Zeit der Kolonisierung. Im Wesentlichen abgeschlossen war diese Geschichte der Welt-Erschließung, als sich die Kolonien emanzipierten. Seit etwa 1945 lebt man auf der Erde im Posthistoire.

Für Sloterdijk ist die Gegenwart bloß das Nachspiel einer (Welt-)Geschichte, die vorbei ist, auch wenn ihre Konsequenzen sich erst heute in aller Deutlichkeit zeigen. So dürften die Umwelt- und Klimaprobleme inzwischen alle davon überzeugt haben, dass unter den Bedingungen der Globalisierung "virtuell jeder Ort auf einer umrundbaren Kugel auch aus der größten Ferne durch Transaktionen von Gegenspielern in Mitleidenschaft gezogen werden kann".

Wo diese Rückkoppelungen sich häufen und beschleunigen, zeitigen sie unter den Spielern einen Trägheitseffekt. Eine Risikogesellschaft ist die gegenwärtige Gesellschaft in Sloterdijks Diagnose nämlich gerade nicht. In der "Synchronwelt" getauften Gegenwart hat man umgekehrt gelernt, auf interventionistische Aktivitäten zu verzichten, und kultiviert stattdessen Hemmungen, die der Unternehmergeist der Global Player des 15. und 19. Jahrhunderts nicht kannte.

Diese Herren (denn solche waren es wohl) handelten nämlich unilateral, wahnwitzig, gewissenlos und verbrecherisch. Sloterdijk verkennt die Zivilisierungsleistung der posthistorischen Gehemmtheit nicht, aber er fügt hinzu, dass "mit dem Unwillkommenen und Unerträglichen der unilateralen Praxis oft auch ihr Gutes weggefiltert" werde. Heute ist unilaterale Praxis nur noch in einer Schwundform gefragt; über Leichen gehen darf man allenfalls im Namen der von Wirtschaft, Technik und Wissenschaft imperativisch geforderten Innovation. Aussagen von Geisteswissenschaftlern haben rückversichert zu sein.

Mit diesen Überlegungen steht Sloterdijk definitiv im Abseits des Zeitgeistes. Der behauptet nämlich, dass seit dem 11. September 2001 die totgeglaubte Geschichte wieder angefangen habe und sich mit dem clash of cultures (Huntington) ein neues Zeitalter der Auseinandersetzungen anbahne. Für Sloterdijk aber ist der Terrorismus ein romantischer Wiederholungsversuch der Weltgeschichte. Die Terroristen ahmen nur nach, was die europäische Expansion folgenreich vorgemacht hatte: "die Aufhebung der Trägheit mit dem Akt des Losschlagens, die euphorisierende Asymmetrie, die der reine Angriff gewährt".

Sloterdijk ist bekanntlich ein streibarer Geist. So rücksichtslos und einseitig wie sie gewesen sein soll und allen Berichten nach zu urteilen wohl auch gewesen ist, gestaltet er folglich seine Geschichte der Globalisierung. Hemmungen vor großen Erzählungen hat er sichtlich keine, nimmt sich vielmehr (unilateral) das Recht, eine solche zu entwerfen. Und diese Großgeschichte ist nicht eine unter anderen, sondern, behauptet Sloterdijk konsequent, sie ist die einzige Geschichte, die Weltgeschichte, die es weder vor 1492 noch nach 1945 gegeben habe.