Manchmal verändert ein flüchtiger Blick unser ganzes Leben. Wir können ihm nicht mehr entrinnen, wir leiden. Und wir würden, wenn wir könnten, manche Blicke ungeschehen machen. Vor allem aber den Blick von Franz-Xaver Wack. Wack ist Schiedsrichter in der Ersten Bundesliga, und wenn es stimmt, was ihm vorgeworfen wird, dann hat er mit einem kurzen Augenaufschlag den Fußball vernichtet.

Nach einem wuchtigen Schuss der Leverkusener am 27. Januar gegen Stuttgart musste er sich schnell entscheiden: Abstoß oder Ecke? Erst nachdem die Szene auf der Videotafel der Bayarena wiederholt worden war, entschied er auf Eckstoß. Erlag Wack der Versuchung, kurz auf die Videoleinwand des Stadions zu blicken? Er dementierte.

Der Blick Wacks wäre in ruhigeren Zeiten bereits vergessen. Doch nach dem Wettskandal versucht die Bundesliga, den deutschen Fußball wieder reinzuwaschen. Willi Lemke, Udo Lattek und Otto Schily, neuerdings auch Felix Magath und Oliver Kahn haben ein Rezept parat: den Videobeweis. Nur ein kühler Blick des Assistenten auf den Monitor, und ein Hoyzer wäre widerlegt.

Doch, ach, es gäbe keine strittigen Entscheidungen mehr, die zu Mythen würden: nicht mehr die Hand Gottes von Maradona und auch kein Wembley-Tor. Auch Schwalben im Elfmeterraum, tückische Blutgrätschen oder Kniffe in den Unterleib würden aussterben. Das ganze hässliche Arsenal des Profifußballs wäre unwiederbringlich verloren. Und nachfolgenden Generationen müssten wir dann mühsam erklären, warum der Fußball einmal so unbändig schön war. Wir würden in alten WM-Büchern blättern. Dann sähen wir Rudi Völler, der sich wütende Tränen abwischt, im WM-Achtelfinale 1990 gegen die Niederlande. Frank Rijkaard hatte Völler angespuckt, und der Schiedsrichter hatte es nicht gesehen. Es kam zu einem Handgemenge, und beide – auch Völler! – sahen die rote Karte.

Dann würden wir, der Pointe wegen, kurz innehalten. Und behaupten: Die rote Karte Völlers führte unmittelbar zum deutschen WM-Sieg. Denn die Wut schmiedete die Egomanen Häßler und Matthäus, Brehme und Klinsmann zusammen. Sie werden sich gesagt haben: Wenn wir uns sogar gegen die Ungerechtigkeit der Welt behaupten können, dann werden wir es bis ins Finale schaffen. Dass dem entscheidenden Elfmeter, den Brehme dann im Endspiel verwandelte, wahrscheinlich eine Schwalbe vorausging, würden wir nicht verschweigen. Wir würden sagen, so war er halt mal, der Fußball, ganz wie das Leben: Das sei ja auch nicht gerade ein Spaziergang, sondern insgesamt sehr ungerecht. Und es würden Erzählungen über Mobbing, über eine verflossene Liebe und Krankheiten folgen.

"Ich halte den Videobeweis für den Tod des Spiels", sagte Gerhard Mayer-Vorfelder. Ihm ist unbedingt zuzustimmen, ausgerechnet MV. Denn der Videobeweis löscht den menschlichen Makel aus: die Verstellung, die Täuschung und den fehlbaren Blick des Unparteiischen. Das menschliche Drama wäre dem kalten Blick der Kamera anheim gefallen, die Unmittelbarkeit des Spiels wäre verbannt. Und der einsame schwarze Mann, er wäre nicht mehr der Souverän auf dem Platz, dem man sich beugte. Er wäre eine Marionette der Videowand.

"In einer Welt des Fortschritts", sagte Oliver Kahn, "sollte man nicht nur auf Tradition setzen." Er irrt. Denn noch ist der Fußball ein letztes Refugium archaischer Gewalt in unserer durchrationalisierten Welt. Und das technisch Machbare ist bekanntlich auch nicht immer das Wünschenswerte. Kommt der Videobeweis, dann wird das Auge des Schiedsrichters durch die Linse instrumenteller Vernunft ersetzt. Das Spiel würde medial gefiltert, brutal durchleuchtet und so wahrhaftig, wie es sich niemand wünschen kann.

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