Seit fünf Uhr früh hatte ich zugeschaut, wie das Licht zwischen den Läden heller und heller wurde. Spät in der Nacht hatte ich eine Flasche Rotwein getrunken und Valium geschluckt. Nach ein paar Stunden der Bewusstlosigkeit war ich nun wieder wach, aufmerksam und leer zugleich. Das Einzige, woran ich mich erinnerte, war der Eindruck, mit dem ich in den Schlaf gefallen war: das Gefühl, dass mir seit meiner Krankheit die Welt zerbrochen war. Schließlich stand ich auf und öffnete die Läden, um das Morgengrauen zu verscheuchen. Der tiefblaue Himmel wurde durchkreuzt von den Kondensstreifen hoch fliegender Kampfflugzeuge, die ihrem Stützpunkt in Grosseto zustrebten. Ihre von der Sonne beschienenen silbrigen Leiber hätten Fische sein können, die aus dem Weltall gefallen sind.

Ich bin seit zwölf Jahren an Parkinson erkrankt. Bei dieser Krankheit verfällt eine winzige Region im Hirn, die für die Koordination der Bewegungen zuständig ist. Parkinson führt nicht mehr zum Tode, verursacht aber mit großer Wahrscheinlichkeit schwere, je nach der Krankheitsform unterschiedliche Behinderungen. Man beginnt nicht nur zu zittern, sondern verfällt in fahrige Fehlbewegungen, Haltungs- und Balancestörungen, ungelenkes Schlurfen, manchmal ist es, als würde der Körper, losgelöst vom eigenen Willen, sekundenlang gefrieren, ehe der gewünschte Schritt möglich wird oder die angestrebte Bewegung des Armes.

Nach dem Ausbruch der Krankheit waren das Schlimmste für mich Empfänge: das lange Stehen, die abgezirkelten Bewegungen, die körperliche Nähe plauderbereiter Menschen, der allgemeine Zwang zur Fröhlichkeit, während ich mich wie in Dantes Vorhölle fühlte. Ich war ständig erschöpft, verkrampft und steif wie nach einem Tag Skifahren. Meine Sprache war leise und verwaschen.

Fast jeder Parkinson-Kranke wird depressiv. Vor allem, weil die Krankheit es erschwert, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Die ganze Verlangsamung und eine maskenhaft erstarrte Mimik sind wie eine dicke Glasscheibe, die sich zwischen das Selbst und die Umwelt schiebt.

Oft fühle ich mich wie ein Märchenprinz, der aus Strafe für eine Schuld, die ich vergessen habe, in einen Fisch, einen Karpfen vielleicht, verwandelt wurde. Die Geräusche der Welt kommen nur gedämpft durch das Aquarium bei mir an. Ich meinerseits muss sehr viel Kraft aufbringen, um die Isolation hinter Glas zu durchdringen, wenn ich mich der Welt bemerkbar machen will. Unter meinen Schuppen bin ich ein Märchenprinz, weil sich in meinem Kopf viele Bilder, Träume und Fantasien stauen, die ungesagt bleiben. Ich glaube, etwas vom Leben zu wissen, das man – mitten in seinem Getöse – nicht wahrnehmen kann. Aber für dieses Privileg muss ich einen Preis bezahlen.

Der Riss zwischen Welt und Ich betrifft nicht nur meine Besonderung gegenüber den Mitmenschen, sondern auch deren Befremden. Seitdem mein Zustand nicht mehr zu verbergen ist, löst er bei anderen Angst aus, und viele muten gerade mir das Management dieser Angst zu, indem sie meine Symptome entweder ignorieren oder dramatisieren. So wie Schmerz die privateste aller Erfahrungen ist, bin ich mit der Krankheit allein. Diese Erfahrung empfinde ich wiederum als Privileg. Ich habe dadurch eine Vorstellung davon, wie es ist, allein zu sterben.