Die Stadt war tausendundelf Jahre alt, Jürgen Köster war sechs. Er freute sich auf den Kuchen. Die Mutter hatte gebacken, die Großeltern wollten kommen. Da heulte Fliegeralarm. Frau Köster, hochschwanger, griff den Jungen und eilte in den Luftschutzkeller. Die Mauern schütterten und schwankten. Der Junge geriet in Angst, um den Kuchen. Sonst war nichts zu fürchten, auch dank des Großvaters, der dem Jungen mit Zinnsoldaten den Endsieg demonstriert hatte: Unschlagbar seien die Deutschen. Aber droben barst die Welt. Als Mutter und Kind den Keller verließen, war die Dominikanerstraße eine Flammenwand. Der Junge empfand das Feuer als Erlebnis. Kösters Haus stand, an der Kante zur Vernichtung. Die Tür war aufgebrochen, die Fenster klafften leer. Der Junge eilte, zum Kuchen. Der Großvater kam. Er starrte den Jungen an und fragte: Wo ist die Oma?

Darauf, sagt Jürgen Köster, gab es keine Antwort.

Halberstadt, die Schöne. Karl des Großen Bischofsresidenz. Tor zum Harz, ein Fachwerk-Paradies, überkrönt von Türmen: den ungleichen Brüdern St. Martini, den gotischen Zwillingen des Doms, dem romanisch gedrungenen Geviert Unserer lieben Frauen. Rothenburg des Nordens hieß die Stadt – bis zu jenem 8. April 1945, dem Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti.

Fliegerangriffe hatte es bis dato achtmal gegeben. Die ersten Bomben fielen am 11. Januar 1944. Sie galten dem Bahnhof und den Junkers-Flugzeugwerken und töteten am Sommerbad den Martineumsschüler Karl-Heinz Pech. Niemand starb beim zweiten Angriff am 22. Februar 1944. Das Bombardement der Junkers-Werke vom 30. Mai 1944 kostete 52 Menschen das Leben; darunter waren viele Zwangsarbeiter, vornehmlich Italiener. Der Angriff vom 22. Februar 1945 verwüstete den Bahnhof. 172 Menschen kamen um, sehr viele davon in der Wehrstedter Kirche. 15 kriegsgefangene Engländer und zwei Amerikaner, auf Transport ins Gefangenenlager Fallingbostel, starben zwischen Halberstadt und Wegeleben durch Bordwaffenbeschuss.

Am frühen Nachmittag des 7. April erschienen einige Jagdbomber über der Stadt. Sie warfen Stabbrandbomben; größerer Schaden entstand nicht. Im Bahnhof wartete ein Munitionszug, beladen mit Seeminen. Die Zugflak feuerte, das zog die Bomber an. Der Munitionszug explodierte, das Gleisbett war ein Krater, 280 Meter lang, 4 Meter tief. Die Reihendetonation, erinnert sich Ingeborg Bachmann, schleuderte Waggonachsen über Hunderte von Metern. In der ganzen Wegeleber Siedlung deckte sie die Dächer ab. Horst Zilling hatte damals Dienst als Hitlerjugend-Pimpf. Er wurde zum Rundbunker am Bahnhofsvorplatz beordert. Der Bunker stand unversehrt, weiß Zilling, aber die Insassen kamen nicht heraus. Sie waren alle tot, die Lungen waren geplatzt. Bis zum Abend musste ich Leichen bergen helfen. Ich heulte. Ich war elf.

Mit Pappe und Wellblech flickten die Siedlungsbewohner ihre demolierten Häuser. Die ideologische Instandsetzung oblag frischen Farbparolen: SIEGEN TUN WIR TROTZDEM! WIR KAPITULIEREN NIE! Tage zuvor hatte im Rathaus eine dramatische Besprechung stattgefunden. NS-Kreisleiter Detering verlangte die Verteidigung der Stadt. Der Oberbürgermeister lehnte ab, Halberstadts kulturhistorischer Bedeutung wegen und weil es angefüllt war mit Flüchtlingen und Verletzten. An die 70.000 Menschen barg die Stadt (bei 57.000 Einwohnern zu Kriegsbeginn), davon drei- bis viertausend Verwundete, verteilt auf 14 Lazarette. Die lokalen Wehrmachtgrößen sprangen dem Bürgermeister bei; ohnehin standen keine Truppen zur Verfügung. Die erregte Debatte endete mit einem Kompromiss. Der Volkssturm sollte täglich einberufen werden. Panzersperren waren zu schanzen, die den Halberstädtern freilich wenig Zuversicht eingaben. Zwei Stunden und zwei Minuten, versprach der Volkswitz, würden die Sperren halten. Zwei Minuten brauche der Ami, sie zu überwinden, zwei Stunden lache er sich darüber schlapp.

Denn dies war die Lage: Die Panzerspitzen der 9. amerikanischen Armee befanden sich 60 Kilometer vor Halberstadt. Am 8. April erreichten sie den Nordwestrand des Harzes und näherten sich Seesen. Den Südharz umgriff die 1. US- Armee. Nachdem Ende März die "Schlacht um den Rhein" entschieden war, hatten sich die Amerikaner zum Vorstoß auf die Elbe formiert. Die versprengten deutschen Truppen waren nicht mehr fähig, eine Abwehrfront zu bilden. Das Oberkommando der Wehrmacht stellte zwei neue Großverbände zusammen, die 11. und 12.Armee, und erklärte am 8. April den Harz zur "Festung". Das Kommando übernahm der Oberbefehlshaber West Generalfeldmarschall Kesselring, der unweit des Brockens quartierte, in einem Eisenbahnwaggon auf dem Abstellgleis des Bahnhofs Drei Annen Hohne. Geografisch bildete der Harz das letzte Bollwerk vor Berlin. Das Hitler-Regime hatte etliche Dienststellen von Reichsministerien dorthin ausgelagert. Vor allem deckte das Mittelgebirge eine Anzahl unterirdischer Rüstungsbetriebe, so auch die Produktion der Halberstädter Junkers-Werke, in Malachithöhlen, die von den grausam geschundenen Häftlingen des Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge ausgebaut werden mussten. Am kriegswichtigsten waren die V1- und V2-Produktionsstätten im KZ Dora-Mittelbau vor den Toren von Nordhausen. Die Stadt wurde am 3. und 4. April zerbombt. Von 35.000 Einwohnern starb mehr als ein Viertel.

Am 8. April liegt der Soldat Gerhard Heine mit seiner Einheit in Thale. Was er sieht und fühlt, hat er genau ein Jahr danach notiert: "11.20 Uhr tauchen, ziemlich niedrig fliegend, starke Bomberverbände auf. Sie funkeln wie Quecksilbertropfen in der Sonne. Es werden immer mehr, klar zu erkennen am leuchtend blauen Himmel. Wir zählen einen Verband mit 40Maschinen, zwei, drei, vier Verbände. 11.28 Uhr. Ich sehe plötzlich, wie der erste Verband Rauchzeichen setzt. […] Zurufe ›ANGRIFF AUF HALBERSTADT!‹ Mir fließt alles Blut zum Herzen. Es ist vielleicht der fünfzigste Bombenangriff, den ich miterlebe. Aber diesmal ist es Halberstadt. Meine Hände zittern, meine Stimme will nicht mehr recht gehorchen, als ich zu meinem Kameraden neben mir halblaut sage: ›Da machen sie meine Vaterstadt flach, meine ganze Familie ist drin!‹"