Ich habe kurz und schlecht geschlafen. Um drei Uhr nachts hatte ich noch telefoniert, hatte im Eifer eines unschönen Gesprächs, das sich sehr in die Länge zog, dem Wein zugesprochen, und als der Radiowecker klingelte, da war es sieben. Und um sieben hörte ich dann von Otto Schilys neuesten Plänen zur Verbrechensbekämpfung. Es hätte schlimmer nicht kommen können. Schily verfolgt mich, Schily ist hinter meinen dunklen Geheimnissen her.

Er verhandelt mit deutschen Telekommunikationsunternehmen, um meine Telefon-, Internet-, SMS- und E-Mail-Verbindungsdaten eines gesamten Jahres auszuspionieren. Auch möchte er noch mehr Gespräche abhören und E-Mails abfangen - künftig nämlich nicht nur zur Verfolgung, sondern auch umfassend zur Vorbeugung von Verbrechen.

Verkatert lagen mir die letzten zwölf Monate vor Augen, und ich schämte mich.

Vor Schily. Denn Schily wüsste alles. Er wüsste, dass ich den gesamten Juli über, statt zu arbeiten, eine Nummer wählte, die notorisch besetzt war und die es dann auf einmal nicht mehr gab. Hätte er Mitleid? Und dann erst diese E-Mail im September. Im September verwechselte ich die Weiterleiten- mit der Antwort-Funktion von Outlook Express, was dazu führte, dass Antje erfuhr, was Klaus über sie hätte wissen sollen. Würde Schily über mein Missgeschick lachen? Gar hämisch? Im Oktober jedenfalls wüsste er, dass Klaus und Antje, trotz meiner fremdgegangenen E-Mail, verdammt oft telefonierten.

Mit meinen Internet- und Telefondaten hätte Schily ein präzises Lebensprofil, meine Geheimnisse wären gelüftet. Doch eine Welt ohne Geheimnisse wäre Terror. Man denke nur an die Liebe. Wenn Liebende sich ihrer Absichten vom ersten Blick an sicher wären, kein Blumenstrauß wanderte über die Ladentheke, keine Anspannung läge in der Luft beim flüchtigen Tête-à-tête, kein Schlückchen Wein flösse nervös durch die Kehlen der sich Begehrenden. Wir würden mit dem Geheimnis, wie der Soziologe Georg Simmel bemerkte, eine der >größten Errungenschaften der Menschheit< verlieren. Offenkundig bedürfen wir in allem, was wir tun, eines Restes an Ungewissheit, der uns das allmorgendliche Aufstehen lohnenswert macht.