Eine Viertelstunde würde reichen, dieses Büro zu räumen. An der Wand hängen weder Bilder noch Fotos. Auch auf dem Schreibtisch kein persönliches Zeichen. Statt Pflanzen steht ein mit Zahlen und Pfeilen übersätes Clipboard in der Ecke. Zwei Gründe kann jemand haben, seinen Arbeitsplatz so einzurichten. Entweder geht der Besitzer davon aus, dass er bald wieder weg ist. Oder für Persönliches fehlte bislang die Zeit. Möglichkeit eins entfällt. Jörg Dräger bestimmt von diesem Büro aus seit dreieinhalb Jahren die Hamburger Hochschulpolitik, und es sieht nicht so aus, als ob er seinen Posten bald verlassen müsste.

Also, möglichkeit zwei, keine Zeit. Was angesichts seiner politischen Bilanz durchaus plausibel sein könnte. Dräger hat in seiner bisherigen Amtszeit mehr Spuren hinterlassen als die meisten Wissenschaftssenatoren vor ihm. Er lässt eine Hamburger Hochschule schließen, eine andere bekommt eine grundlegend neue Struktur verpasst. Traditionsreiche Fächer sehen drastischen Kürzungen entgegen. Hamburger Studenten müssen sich auf Studiengebühren und Auswahlkommissionen gefasst machen.

Dabei verfügt der Reformsenator weder über eine lange politische Erfahrung noch über Hilfstruppen. Jörg Dräger (37) ist der jüngste aller deutschen Wissenschaftsminister, parteilos – und so umstritten wie kein anderer. Kahlschlagsanierer und geistlose Krämerseele ist der ehemalige Unternehmensberater, der stets im Dreiteiler auftritt, für die einen. Dieser Ruf hat ihm Tortenwürfe eingebracht, die Bekanntschaft mit stinkenden Fischköpfen, böse Artikel im deutschen Feuilleton und sogar eine Morddrohung. Die andere Position, die ebenso zahlreiche Anhänger hat, formuliert der Philosoph Jürgen Mittelstrass, selbst Mitglied unzähliger Reformkommissionen: Er habe in drei Jahrzehnten nur ganz wenige Fachminister erlebt, die so "kundig und zielstrebig" zur Sache gingen wie Dräger. "Er ist ein Glücksfall für Hamburg und für die Wissenschaft."

Genau das dürfte sich Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust vor einem Jahr gewünscht haben, als er Jörg Dräger im Amt beließ – und ihm neben dem Wissenschafts- auch noch das Gesundheitsressort anvertraute. In der vorangegangenen Chaoskoalition aus CDU, Schill-Partei und FDP hatte der Youngster, der von den Liberalen ins Amt gebracht wurde, im Senat mit die beste Figur gemacht. Für einen, der "zum Amtseid zum ersten Mal im Rathaus war", hatte sich Dräger überraschend schnell einen Ruf als kompetenter und ungeheuer fleißiger Hochschulpolitiker erworben. Das mussten sogar die oppositionellen Sozialdemokraten einräumen, für die Dräger – ein Kuriosum – ebenso als Wissenschaftssenator im Gespräch war.

In den USA war man auf die Uni stolz, in Hamburg herrschte Gleichgültigkeit

Dabei wollte Jörg Dräger nie wieder an eine deutsche Hochschule zurück, und erst recht nicht nach Hamburg. "Große Vorlesungen", "distanzierte Professoren", eine "Uni, die sich wenig für den Studenten interessiert": Diese Erinnerungen verbindet Dräger mit seinem Physikstudium an der Hamburger Universität noch heute. Nach drei Jahren hatte er genug und ging mit einem Stipendium an die feine Cornell University im US-Staat New York. Der Wechsel traf ihn wie ein "positiver Kulturschock". Hier war er nicht mehr einer unter vielen, sondern ein junger Forscher mit einem eigenen Büro, der seine Professoren sogar am Wochenende anrufen konnte. "Ihr Studenten und Doktoranden seid das Wertvollste, was wir haben", sagte der Dekan seines Fachbereichs zur Begrüßung. Während in Hamburg Studenten wie Professoren vor allem Gleichgültigkeit für ihre Universität empfanden, waren "in Cornell alle stolz, an solch einem Ort arbeiten zu dürfen".

Lähmende Tristesse in Hamburg, das Aufblühen eines schnell denkenden und vor Energie vibrierenden jungen Mannes in den USA: Diese Lebenserfahrung prägt seine Einstellung zu Zustand und Zukunft der deutschen Hochschule bis heute. Nun hat Dräger mit der Universität Hamburg einen der schwereren Fälle zu bearbeiten. In den siebziger Jahren wurden hier viele falsche Personalentscheidungen getroffen, die sich – besonders in den Geisteswissenschaften – bis heute rächen. Dass die Universität in den Rankings nicht ganz unten landet, hat sie fast allein ihrer Größe zu verdanken. Auch haben sich die Hamburger Kaufmannsleute nie besonders für die Wissenschaften interessiert. Obwohl im Zentrum gelegen, spielt die Universität im Stadtleben kaum eine Rolle.

Lässt sich Cornell gerade hierher importieren? "Natürlich nicht", sagt Dräger. Im Department of Physics in Cornell betreuen 50 Professoren rund 250 Studenten und Doktoranden, in Hamburg müssen sich 1000 Studenten 40 Professoren teilen. Zudem verfügt die amerikanische Universität über mehr zusätzliche Mittel von Studenten, Alumni, Sponsoren und Forschungsorganisationen als mehrere deutsche Hochschulen zusammen. "Aber es ist nicht nur das Geld", sagt Dräger, "das viele amerikanische Institutionen so gut macht." Genauso wichtig sei die Identifikation von Professoren und Studenten mit ihrer Universität, die Außenorientierung der Wissenschaft. Das fehle den deutschen Hochschulen, sagt Dräger, sie hätten sich von "Gesellschaft und Politik abgekoppelt". In den USA sei es dagegen selbstverständlich, dass ein Politiker sich von einer Universität Rat hole, schwärmt Dräger. Mehr Einfluss und Relevanz, das wünscht er sich von der Wissenschaft auch in Deutschland. Und sieht es als seine Aufgabe an, dabei zu helfen. Besser gesagt, nachzuhelfen.

Wissenschaftspolitisch hat er bereits einiges erreicht: Ob die Klage gegen das Studiengebühren-Verbot oder die Neuordnung des Hochschulzugangs, das die umstrittene Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen entmachtete – der Hamburger Senator hat einigen Anteil daran, dass auf diesen wichtigen Feldern der Hochschulpolitik sich der Reformstau aufzulösen beginnt.

Auch der Hamburger Wissenschaft möchte Dräger mit einer Radikalkur mehr Profil verleihen. Das Studium soll straff organisiert und stärker auf den Beruf ausgerichtet werden. Nicht jeder Student soll zum weiterführenden Master-Studium zugelassen werden, nicht jeder Professor wie bisher die gleiche Zahl von Stunden unterrichten. Außerdem wünscht sich der Wissenschaftssenator, dass sich die Hamburger Universitäten künftig enger an den wirtschaftlichen Bedarf der Region anpassen.

Sechs Disziplinen hat Dräger dabei festgelegt, in denen die Hochschulen der Stadt nutzen sollen. Neben den drei üblichen Verdächtigen "Bio, Nano, Info" hat er die Logistik, die Luftfahrt und die Gesundheitswissenschaften ausgemacht. "Cluster" nennt er diese Felder, wo sich Wissenschaft und Wirtschaft zusammenballen sollen. Geistes- und Sozialwissenschaften finden sich in diesem Konzept nur am Rand wieder. Dass die Hamburger Geistesarbeiter nicht überall zur Spitze ihrer Disziplin gehören, ist bekannt. Dennoch machten gerade sie Schlagzeilen. Die Meldung, dass die Hamburger Uni auf Geheiß ihres Senators die Hälfte ihrer Historiker, Philosophen oder Romanisten einsparen solle, entfachte einen Proteststurm, der bis in die USA reichte. Dräger musste zurückrudern, die Kürzungen fallen jetzt weniger drastisch aus, streichen muss die Uni dennoch.

Unter seinen Gegnern firmiert der Hamburger Reformator seitdem als Totengräber der Geisteswissenschaften. Er selbst findet das Etikett selbstredend unpassend. Hat er in seinem Studium in den USA nicht fast ebenso viele Philosophieveranstaltungen besucht wie Physikkurse? Und half er nicht später, als Geschäftsführer am Northern Institute of Technology in Hamburg-Harburg, dabei mit, den Ingenieursstudenten Kurse in Ethik und Kunst ins Curriculum zu schreiben? Nur, schränkt Dräger ein, produziere Deutschland im Vergleich zu Frankreich, Skandinavien oder England eben zu viele Kultur- und zu wenige Naturwissenschaftler. Das sei nun einmal eine Tatsache. Punkt.

Eine Ampel auf dem Tisch soll den Redefluss der Dekane bremsen

Von Tatsachen spricht Dräger gern, ebenso von Zahlen. Am meisten Spaß macht ihm, beides am Computer vorzuführen. Dräger ist ein Virtuose der PowerPoint-Präsentation. Die Hamburger Senatskollegen sollen von den bunten Balkendiagrammen und Grafiken so beeindruckt gewesen sein, dass sie seinen Etatforderungen ohne großen Widerspruch zustimmten. "Ich bin ein rationaler Mensch", sagt Dräger. Er mache sich eben gern einen Plan, mit Zielen und Zeitvorgaben, die zwischendurch "evaluiert werden". Auch mit seiner Zeit geht er rational um und hält sich nicht mit Fußnoten oder Festvorträgen auf. Als er die Dekane der Hamburger Universität einlud, ihre Disziplin vorzustellen, stellte er eine Ampel auf den Tisch, die nach zehn Minuten auf Rot sprang. Dann war der Vortrag zu Ende und der nächste Professor dran. Jörg Dräger betreibt Politik wie ein Physiker: als Kunst, komplexe Systeme zu verstehen und zu verändern. Wenn er von seinen Vorhaben spricht, erinnert das mitunter an einen Versuchsaufbau, und das nicht nur, weil er von "verifizieren" und "falsifizieren" spricht. Problem analysieren, Expertenrat einholen, Gesetz schreiben, Gesetz umsetzen.

Nun ist die Politik alles andere als rational, und eine Hochschule ist nicht unbedingt ein Hort der Vernunft, zumindest dann nicht, wenn es um sie selbst geht. Kopfmenschen wie Dräger fällt es nicht leicht, sich darauf einzustellen. Er wundere sich manchmal über "die Verständnisdefizite" in der Öffentlichkeit und bei den Professoren, sagt er. Auch er selbst sei daran anfangs nicht ganz unschuldig gewesen. Als Neupolitiker habe er früher "zu wenig kommuniziert", das sei jetzt anders.

In der Tat: Ob Historikertag oder Studentengremium, Dräger scheut keine Versammlung, auch wenn er weiß, dass von den Anwesenden im Saal niemand seine Meinung teilt. Nach dem Mund reden tut er dennoch nicht. Freundlich, ja jungenhaft charmant im Auftreten, hart in der Sache: Kein Zweifel, der Mann meint es ernst. Vielleicht sind deshalb viele Hochschulreformer so begeistert von Dräger – und viele Professoren so entgeistert. Ihm geht es nicht um Parteiinteressen – er hat ja keine – oder seine Person ("Ich brauche kein Lob"). Dräger ist ein Überzeugungstäter.

Nicht immer jedoch reichen Überzeugung und Fleiß, um politisch erfolgreich zu sein. Drägers Gesetz, von auswärtigen Studenten 500 Euro zu verlangen, wurde vom Verwaltungsgericht kassiert. Seine weitreichenden Gebührenpläne stecken fest, weil es bislang an Darlehen und Stipendien für Bedürftige fehlt. Und in der vorvergangenen Woche sind seine Bemühungen gescheitert, ein Konzept der Lehrerausbildung zu finden, das alle Kultusminister mittragen können – trotz vieler Gespräche und PowerPoint-Präsentation. Für ihn sind das nur Etappenniederlagen. Er sei mit wenigen Erwartungen in die Politik gegangen. Heute überrasche ihn am meisten, wie viel sich doch bewegen lasse. "Ich habe meinen Traumjob", sagt Dräger. Für sein Büro hat er kürzlich vier Bilder ausgesucht. Man darf es als Verheißung verstehen. Oder als Drohung.