Ihre drei Söhne haben die Stegners für die Dauer der Osterferien zu den Großeltern gebracht, weil die Situation zu Hause unhaltbar wurde. Seit der schleswig-holsteinische Finanzminister Ralf Stegner, 45, verdächtigt wird, in geheimer Abstimmung die Wiederwahl von Heide Simonis zur Ministerpräsidentin vereitelt zu haben, sieht er sich mit einer Woge von hasserfüllten E-Mails, Briefen, Faxen und Anrufen konfrontiert. Und natürlich gehen auch die Kinder ans Telefon.

Am Fall Stegner lässt sich die zerstörerische Wirkung eines Gerüchts beobachten: Es gibt Leute, viele Leute, sowohl in der SPD als auch beim politischen Gegner, die den promovierten Politologen nicht mögen. Die ihn arrogant finden, kalt, berechnend, unnahbar; die ihm seinen steilen Aufstieg – vom Pressesprecher des im Zusammenhang mit der "Schubladenaffäre" gestürzten Sozialministers Günther Jansen über Abteilungsleiter- und Staatssekretärsposten direkt ins Landeskabinett – neiden und seine bisherige Kronprinzenrolle bei Heide Simonis. Leute, die sich fragen, warum Stegner so jung Karriere machte – Staatssekretär wurde er mit 35 Jahren –, während sie selbst immer noch einfache Landtagsabgeordnete sind. Leute, die nach dem Wahldebakel durchs Kieler Landeshaus schlichen und flüsterten: Zuzutrauen wäre es ihm. Aus diesem Satz wurde schnell: Der hat die Nerven dazu. Ein FAZ- Korrespondent fragte am Abend der gescheiterten Wahl in der SPD-Pressekonferenz nach, ob die Parteispitze ausschließen könne, dass Minister Stegner sich der Stimme enthalten habe. Nun wusste buchstäblich jeder: Der könnte es gewesen sein.

Ralf Stegner, der sich durchaus Hoffnungen machen durfte, nach etwa der Hälfte der Legislaturperiode Nachfolger von Heide Simonis zu werden, sagt, dass ihn das Maß an Charakterlosigkeit bekümmere, das ihm unterstellt werde. Das Maß an Dummheit aber rege ihn auf. Unermesslich sei schließlich der Schaden, den der Abweichler Heide Simonis, der Partei und den jetzt Verdächtigten zugefügt habe. Also auch ihm.

Der Finanzminister ist bisher weniger durch Tücke als durch einen konfrontativen, manchmal brüsken Politikstil aufgefallen. Über Heide Simonis hat Stegner niemals ein kritisches Wort gesagt – und sich durch diese Loyalität das Vertrauen der Ministerpräsidentin erkämpft. So dementiert Simonis denn auch, was FAZ und Focus indirekt andeuteten: Sie selbst habe Ralf Stegner verdächtigt.

An Mut und Direktheit schien es dem Mann bisher nicht zu fehlen. Auf dem Höhepunkt der "Schubladenaffäre" 1993 trat er im Wahlkreis spontan gegen den populären Kieler Bundestagsabgeordneten Norbert Gansel an, der das parteiinterne Lager der Aufklärer anführte. Ein ganzer Saal voller Gansel-Anhänger hasste ihn dafür. Sollte jemand, der das aushält, nicht auch in der Lage sein, gegebenenfalls seine Meinung zur bestmöglichen Regierungsbildung rechtzeitig und öffentlich zu sagen?

Gleichwohl ist Stegner der Druck des auf ihm lastenden Verdachts anzumerken. Er überkompensiert sein erkennbar schlechtes Gewissen darüber, dass er, im Gegensatz zu anderen SPD-Granden, nicht ständig in Tränen ausbricht, wenn von der Niederlage die Rede ist. Und er weiß, dass er (wenn das Gerücht ihn nicht zuvor erledigt) das geschrumpfte Königreich der Heide Simonis erben wird. Außer dem ausgeschiedenen Wirtschaftsminister Bernd Rohwer, den Stegner in letzter Zeit für allzu unternehmerfreundlich hielt, gibt es in Kiel gegenwärtig kaum einen Sozialdemokraten von vergleichbarem Kaliber. Um ganz klar zu machen, dass all diese Umstände noch lange keine Schuld begründen, schrieb Stegner einen überscharfen "offenen Brief" an den anonymen Abweichler – und betont sehr angelegentlich, er habe am Freitagmorgen, als er ihn aufsetzte, noch nichts von dem Verdacht gegen sich selbst gewusst.