Im Berliner Parlamentsalltag kommen die Arbeitsmarktexperten Klaus Brandner (SPD) und Karl-Josef Laumann (CDU) gut miteinander aus. Die politischen Gegner verbindet eine Menge: Beide gelten in ihren Parteien als Bindeglied zu den Gewerkschaften. Beide sind erst vergleichsweise spät in die Bundespolitik gekommen. Und beide stammen aus Wahlkreisen in Nordrhein-Westfalen, wo Laumann nach der Landtagswahl am 22. Mai sogar Arbeitsminister werden will.

Beide Männer sind momentan aber auch in einer komplizierten Situation: Einerseits müssen sie sich im Wahlkampf bekämpfen, andererseits sollen sie – gemeinsam mit Wirtschaftsminister Wolfgang Clement – Konsensgespräche zu einem heiklen Arbeitsmarkt-Thema führen und möglichst schnell Lösungen liefern. Das haben Angela Merkel, Edmund Stoiber, Gerhard Schröder und Joschka Fischer am vergangenen Donnerstag ausgemacht.

Alle Parteien im Bundestag sind sich darüber einig, dass ein Detail der Hartz-Reform verändert werden soll: Bisher müssen Arbeitslose, die einen Job am ersten Arbeitsmarkt annehmen und beispielsweise Briefe austragen oder stundenweise fremde Kinder hüten, einen Großteil solcher Zuverdienste mit ihrem Arbeitslosengeld verrechnen. Nur 50 Euro Zusatzeinnahmen sind anrechnungsfrei. Vom Rest bleibt für den Arbeitslosen wenig übrig: Wer 200 Euro verdient, darf beispielsweise nur 73 Euro behalten, bei 400 Euro Zuverdienst sind es 103 Euro. Das macht nicht nur Schwarzarbeit attraktiv, sondern auch die so genannten Ein-Euro-Jobs, mit denen ein Arbeitsloser oft ein höheres Zusatzeinkommen erzielen kann.

Die meisten Ökonomen fordern daher, dass Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt attraktiver sein muss als die künstlich geschaffenen Ein-Euro-Jobs. Doch mit dieser Einsicht fangen die Schwierigkeiten an. Die Union, die ursprünglich die strengen Zuverdienst-Regeln selbst im Vermittlungsausschuss durchgesetzt hatte, will eigentlich einen weitreichenderen Wechsel als die SPD: Instrumente für den Arbeitsmarkt wie Ich-AGs und Ein-Euro-Jobs sollen abgebaut und dafür die Zuverdienstmöglichkeiten ausgeweitet werden.

Auch wenn es nicht jeder so formuliert, wollen die Unionsoberen nach und nach einen echten Kombilohn einführen. Dabei macht der Staat generell gering bezahlte Jobs durch staatliche Zuschüsse attraktiver. Für diese Förderung des Niedriglohnsektors wirbt Laumann bei jeder Gelegenheit. Er glaubt, dass für viele Arbeitslose solche Jobs nur eine Zwischenetappe sein können. Brandner jedoch unterstellt das Gegenteil: "Wenn ein Bezieher von Arbeitslosengeld zum Beispiel 200 oder 300 Euro zuverdienen darf, sinkt der Anreiz enorm, an dieser Situation etwas zu verändern – das kann nicht Sinn der Sache sein."

Die einen wollen offizielle Niedriglohnarbeit fördern und erträglich gestalten, die anderen sie möglichst vermeiden. Trotz dieses prinzipiellen Unterschieds ist der Druck groß, sich zu einigen, weil die meisten Vereinbarungen des Job-Gipfels eher langfristig auf den Arbeitsmarkt wirken. Wenn zum Beispiel Mittelständler weniger Erbschaftsteuer zahlen müssen, sofern ein vererbtes Unternehmen lange im Familienbesitz bleibt, so kann das Jobs sichern – neue Stellen entstehen kurzfristig nicht.

Nur drei Vorhaben wirken direkt auf den Arbeitsmarkt: Erstens werden die geplanten Investitionen für den Bau etwa von Autobahnen der Baubranche Aufträge verschaffen. Zweitens können Arbeitgeber nach den Plänen leichter Mitarbeiter erneut einstellen, die zuvor schon einmal befristete Stellen hatten. Nur echte Kettenverträge bleiben verboten. Das dritte und letzte Instrument ist dann schon der Zuverdienst. Dafür hat sich die Öffentlichkeit bisher am meisten interessiert. Große Arbeitgeber wie die Post AG drängen auf Änderungen; und die Arbeitsagenturen fordern simplere Regeln.

Offiziell finden Mitte April die Gespräche über Zuverdienste statt. Schon vorher werden sich Brandner und Laumman im Wahlkampf sehen, und vielleicht hilft das sogar: Sie müssen sich zwar auf Podien und an Marktständen kräftig attackieren – aber davor und danach haben sie Gelegenheit, Einigungschancen zu sondieren.