Nun geht der Kampf in seine letzte große Runde. Der Oberste Gerichtshof in Washington wird in den kommenden Wochen über einen Fall entscheiden, der die digitale Zukunft maßgeblich prägen könnte. Bis Juni soll geklärt werden, welches Recht höher zu bewerten ist: der Schutz geistigen Eigentums oder die Freiheit technischer Innovationen.

Das Hollywoodstudio MGM hat sich mit über zwei Dutzend Film- und Musikkonzernen zu einer Klägergemeinschaft zusammengeschlossen, darunter Walt Disney, Time Warner und die Bertelsmann-Tochter BMG. Die Rolle des klagenden Staatsanwalts spielt kein Geringerer als Kenneth Starr, der sich die Vertreibung Bill Clintons aus dem Weißen Haus zu seiner (misslungenen) Lebensbeschäftigung in den Neunzigern gemacht hatte. Künstler wie Tom Jones und Avril Lavigne sind auf Seiten der Film- und Musikindustrie aufgestellt.

Das gegnerische Team stellen die kostenlosen Internetbörsen Grokster und StreamCast Networks (Morpheus). Sie werden von der Musik- und Filmindustrie verklagt, weil sie "eine der größten Plünderungen von Privateigentum in der Geschichte" ermöglichten. Entsprechend zahlreich ist auch ihr Aufgebot an Interessenvertretern: Branchengrößen wie Intel und Sun Microsystems, diverse Verbände, Verbraucherschützer und Bürgerrechtsgruppen rüsten sich zum großen Gefecht um die Zukunft des Informationstausches.

Grokster und StreamCast vertreiben so genannte Peer-to-Peer-Software (P2P), mit der Internetnutzer Informationen aller Art, also auch Film- und Musikdateien auf ihren Rechnern tauschen können. Hier sieht die Musik- und Filmindustrie das Problem: Nach Erhebungen verstoßen etwa 90 Prozent der über das Internet getauschten Dateien gegen Urheberrechtsbestimmungen. Fast zwei Milliarden Dateien sind das pro Monat. Damit ist der Schuldige für die Unterhaltungsindustrie klar: Die Tauschbörsen sind für die hohen Gewinneinbußen verantwortlich. Die Softwareanbieter wiederum verweisen auf die Rechtmäßigkeit ihres Schaffens: Sie stellten lediglich die Programme zum Datentausch zur Verfügung. Was der Nutzer damit anstelle, liege in seiner eigenen Verantwortung.

Der Prozess, der schon seit einigen Jahren durch die Instanzen des US-Rechtssystems mäandert, soll nun endlich die Schuldfrage lösen: Haben die Entwickler von P2P-Software eine Verantwortung für das illegale Verhalten ihrer Nutzer? Denn die Softwarehersteller am Kragen zu packen, verspricht den Unterhaltungskonzernen die wirksamste Methode, den Internettausch auszutrocknen. Klagen gegen die offensichtlich Hauptverantwortlichen, die Nutzer, kamen bisher nur zu dürftigen Ergebnissen. So hat der Musikverband RIAA bereits 7.700 Klagen wegen Copyrightverletzungen geführt, mit größtenteils magerem Erfolg. Ohnehin galten diese Prozesse eher als Abschreckungsmaßnahme.

Doch den Tausch von Dateien hat dies nur wenig gehemmt. Zwar stagnierte nach den Prozessen der ungebremste Boom des Herunterladens, doch das Saugen von Musik und Filmen reißt deswegen nicht ab. So hat das Pew Internet and American Life Institute in den USA erhoben, dass die Zahl der Datentauscher in den letzten Jahren konstant blieb. Es werden einfach neue Übertragungswege gefunden. iPods und ähnliche Technologien werden verwendet, um direkt vom Rechner von Bekannten ganze Musikarchive herunterzuladen.

Die Debatte, die von beiden Parteien geführt wird, zeichnet sich kaum durch Ehrlichkeit aus. Natürlich ist den P2P-Anbietern klar, dass Verstöße gegen Lizenzrechte auf ihren Portalen eher die absolute Regel darstellen. Genauso wenig sollte die Industrie die alleinige Schuld bei den Nutzern und den Herstellern von Tauschplattformen suchen: Zu allfällig ist die Kritik an ihrer fehlgeleiteten Produkt- und Preispolitik, zu unklar die tatsächlichen Verluste der Industrie durch den Datentausch. 15 Prozent ihres Marktes seien weggebrochen, heißt es von Seiten der Musikkonzerne. Doch wie viele Menschen sich jetzt Musik herunterladen, die sie sonst auch nicht gekauft hätten, bleibt unklar.