dolf Hitler sieht in die Zukunft. "Was das zu erhoffende Auseinanderbrechen der feindlichen Koalitionen betrifft, so glaubt der Führer, daß es eher von Stalin als von Churchill und Roosevelt ausgeht", notiert Propagandachef Joseph Goebbels am 22. März 1945 nach einem zweistündigen Gespräch mit Hitler in sein Tagebuch. Beide bewegen sich, zweifelnd und hoffend, im Dienst einer doppelten Illusion: Man müsse die Front um jeden Preis halten, um mit der Feindseite ins Gespräch kommen zu können. Offensichtlich glauben beide noch, ein begrenzter militärischer Erfolg der Wehrmacht werde die Alliierten von ihrer Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation des Reiches abbringen können.

Gegen Ende der Unterredung erscheint Rüstungschef Albert Speer. Er erzählt, wie Goebbels notiert, "schaurige Dinge" aus dem Westen. Dort sei es nicht mehr möglich, über die Landstraßen zu fahren, ohne von Jagdbombern angegriffen zu werden. Während der Unterredung bemerkt der Propagandaminister, dass wieder britische Mosquito-Bomber über der Reichshauptstadt kreisen…

Während der "größte Feldherr aller Zeiten" und sein Prophet ein Wunder beschworen und der ehemalige Parteitagsarchitekt Speer den "Endkampf" organisierte, bereiteten sich US General Dwight D. Eisenhower und der britische Feldmarschall Bernard Montgomery auf die lange geplante Großoffensive über den Rhein bei Wesel vor. Nachdem es den Amerikanern bereits am 8. März gelungen war, über die unzerstört gebliebene Brücke bei Remagen ans östliche Ufer zu gelangen, zeichnete sich damit die Möglichkeit ab, die gesamte deutsche Heeresgruppe B (die 7. und 15. Armee und die 5. Panzerarmee) unter Generalfeldmarschall Walter Model zu umfassen, die etwa zwischen Köln und dem niederrheinischen, rechts des Stromes gelegenen Wesel stand.

Ihre Kampfkraft war begrenzt. Zwischen Januar und der ersten Märzwoche musste der Oberbefehlshaber West (OB West) 14 Divisionen an die Heeresgruppe Weichsel und die Heeresgruppe Süd in Ungarn abgeben. Im Februar wurden den Divisionen im Osten über 1.500 Sturmgeschütze zugeführt, die Verbände des OB West erhielten ganze 67, obwohl Models Heeresgruppe während der Ardennenoffensive im Dezember 1944 nahezu die gesamte Panzerausstattung eingebüßt hatte. Die Rheinstellung besaß keine Tiefe, wie der Wehrmachtführungsstab feststellen musste. Ausbildungseinheiten sollten hinter der Front Halt geben. Munition war knapp.

Mit anderen Worten: Die Lage für die Wehrmacht konnte aussichtsloser nicht sein, schon bevor der "Ruhrkessel" sich schloss. Am 6. März erlosch der Widerstand in Kölns Innenstadt, nur der Dom ragte noch wundersamerweise aus dem endlosen Ruinenfeld. Bei der 15. Armee existierte keine einheitliche Führung mehr. Die am 17. März in Erwartung des alliierten Angriffs in den Raum Wesel verlegte 15. Panzer-Grenadier- und Panzer-Lehr-Division hatte, wie das Lagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) festhält, "im wesentlichen keine Panzer mehr".

In der Nacht zum 24. März setzte der Großangriff der Briten und Amerikaner bei Wesel ein, getragen von Montgomerys 21. Heeresgruppe und der ihr unterstellten 9. US-Armee. Hier standen 85 Divisionen und Luftlandeeinheiten bereit. Großbritanniens Premier Winston Churchill, der britische Generalstabschef Alan Francis Brooke und Eisenhower fanden sich bei Montgomery ein, um die Operation zu verfolgen, die von einem gewaltigen Luftbombardement begleitet wurde.

Der Rheinübergang verlief glatt, nur die bei Bocholt am westlichen Rand des Münsterlandes niedergegangenen Luftlandetruppen hatten hohe Verluste hinnehmen müssen. Etliche rechtsrheinische Städte und Städtchen – Rees, Wesel, Bocholt selbst – waren total zerstört, auch Emmerich, das bereits im Herbst 1944 stark unter den Bomben gelitten hatte.