Titus hat im September Geburtstag. Das ist kein Zufall. Eigentlich haben in seiner Krippe alle Kinder im September Geburtstag. Oder im August. Vielleicht noch im Oktober. Das ist nicht nur Familienplanung, sondern auch Karriereplanung. In diesem Fall von Titus’ Mutter. Denn Kinder von Münchner Studenten dürfen nur in eine Krippe der Universität, wenn sie zu Beginn des Wintersemesters, also im Oktober, mindestens ein Jahr alt sind. Titus’ Mutter, die Medizinstudentin Ayse Kurt, konnte wegen ihres zweiten Kindes kein Semester lang zu Hause bleiben. Das wäre schlecht für die Karriere. Mit dem Kinderkriegen bis nach dem Studium zu warten aber auch, sagt sie. »Es ist einfacher, jetzt ein kleines Kind zu haben und beim Berufseinstieg ein fast schulpflichtiges Kind.«

Laut der 17. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) in Berlin haben sieben Prozent der Studentinnen an deutschen Hochschulen Kinder – 15 Prozent von ihnen sind alleinerziehend. Und auch wenn im Augenblick viel von kinderlosen Akademikerinnen die Rede ist: Experten zufolge ist Studieren mit Kind eine gute Karrierestrategie – eine, die auch Personalchefs zu schätzen wissen sollten, sagt Jutta Allmendinger, Leiterin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. »Wer mit Kind in relativ kurzer Zeit zu einem guten Studienabschluss gekommen ist, der hat Belastbarkeit bewiesen.«

Es gibt sie, die Erfolgsgeschichten. Die von Christine Bortenlänger zum Beispiel. Sie ist Vorstand der Münchner Börse und bekam ihren Sohn mit 21. Sie hat promoviert und ist heute die einzige Frau, die die Geschäfte einer deutschen Börse führt. »Einiges ist im Berufsleben mit Kind besser gelaufen, als es ohne die frühe Schwangerschaft möglich gewesen wäre«, sagt die 38-Jährige. Ihren zeitraubenden Job hätte sie nicht ausüben können, wäre sie mit 31 Mutter geworden, da ist sie sich sicher: »Mein Kind wäre dann noch sehr viel jünger und weniger selbstständig. Außerdem wäre das schlechte Gewissen einer berufstätigen Karrieremutter wohl noch schlechter, als ich es in den frühen Jahren ohnehin schon hatte.« Bortenlänger sieht in ihrer frühen Schwangerschaft einen Vorteil, der sogar Personalchefs gefallen müsste: »Das Übernehmen von Verantwortung in so frühen Jahren hat mich sehr geprägt und war die beste Voraussetzung für eine Führungsposition!«

Freisemester und Krippenplätze

Hört sich toll an. Doch das Zeug zur Führungskraft hat nicht jede studierende Mutter. »In der Wissenschaft werden Kinder als Studienrisiko bezeichnet«, sagt Jutta Allmendinger, Studenten mit Kindern sind im Schnitt zehn Jahre älter als ihre Kommilitonen ohne Nachwuchs. Das liegt zum einen an den Freisemestern, die sich 47 Prozent der studierenden Eltern laut DSW nehmen. Zum anderen daran, dass viele studierende Eltern promovieren. Jahrzehntelang wurde der klassische Lebensentwurf, Ende 20 oder Anfang 30 Mutter zu werden, zudem über die Erziehungszeiten subventioniert. Dabei hat er in den Augen der Soziologin Allmendinger einen entscheidenden Nachteil: »Wir verknappen Zeit künstlich. Wenn wir in den Arbeitsmarkt eintreten, beginnt die Zeit, in der man Kinder bekommt.« Um im Beruf voranzukommen, müssten Frauen gerade in der Zeit, in der die meisten Mutter werden, viel Energie in den Job stecken. Keine besonders guten Aussichten für den Karriereaufstieg.

Die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität versucht deshalb mittlerweile wie viele andere deutsche Hochschulen, das Studieren mit Kind attraktiver zu machen. Zum Beispiel, indem sie studierenden Müttern mit Freisemester-Regelungen entgegenkommt. Je nach Fachrichtung können sie Vorlesungen besuchen und Scheine machen, obwohl sie ein Urlaubssemester einlegen. Auf diese Weise entstehen keine Probleme mit der maximal erlaubten Anzahl von Semestern. Steht jedoch eine Änderung der Studienordnung in dem Fach einer Studentin mit Kind bevor, zum Beispiel durch die Umstellung auf Bachelor und Master, sind Pausen nicht mehr möglich. Die Mütter sind gezwungen, zügig ihre Scheine zu machen oder Prüfungen abzuschließen.

Auch Ayse Kurt konnte wegen eines Scheins nicht pausieren. Das Zeitfenster zwischen 8 und 15 Uhr, in dem ihre Kinder im Kindergarten und in der Krippe betreut werden, nutzte die Medizinstudentin deshalb von Anfang an diszipliniert. Sie lernt, besucht Seminare und Vorlesungen. Hat sie ein Seminar am Nachmittag oder eins weit weg vom Kindergarten und von der Krippe, muss Ayse mit Kommilitonen tauschen. Initiative braucht sie auch im Umgang mit Professoren. Wird eines der Kinder krank, und sie kann nicht ins Seminar kommen, sagt Ayse dem Professor die Wahrheit. Auch als sie deshalb einmal zu oft fehlen musste, zeigte der Professor für die junge Mutter Verständnis. Den guten Draht zu ihren Professoren hält die Medizinstudentin deshalb für unerlässlich. »Sie sind flexibel, wenn man ehrlich ist«, sagt sie. Mit den zumeist männlichen Professoren hat sie kaum schlechte Erfahrungen gemacht. Und so wird sie trotz zweier Schwangerschaften lediglich drei Semester über der Regelstudienzeit in Medizin liegen, wenn sie nächstes Jahr mit 28 ihr Staatsexamen schreibt.