Das Autoradio wurde immer leiser, wurde übertönt von dem mächtigen Platzregen, der von allen Seiten auf die Karosserie prasselte. Ich saß auf dem Hintersitz unseres Passats. Zwei, drei Tropfen drangen durch die Gummidichtung und liefen in unebenen Bahnen die Windschutzscheibe hinab.

Vater fuhr im Schrittempo weiter. Man hörte ein leises Zischen, ein Mann mit Blaumann umrundete mit einem Hochdruckstrahler unser Auto und entfernte den hartnäckigen Dreck der Reifen.

Dann überließen wir unser Schicksal einem Laufband, das uns durch das Hauptprogramm führte. Bunte Bürsten näherten sich bedrohlich, schäumten es ein. Gleich dem Murmeln der Erwachsenen, bevor man in einen tiefen Schlaf sank, verströmten sie Geborgenheit. Wir waren wasserdicht umhüllt. Nach der Waschstraßenfahrt wurde kurz inspiziert, ob noch alles dran war: Seitenspiegel und Radioantenne waren unversehrt, unser Passat strahlte in sattem Blau und duftete nach frischer Wäsche. Die Welt war in Ordnung.

Sie ist es nicht mehr. Die Autowäsche werde stark vernachlässigt, der Samstag als Pflichtwaschtag sei passé, sagte kürzlich Sigrid Pook, Geschäftsführerin des Bundesverbands Tankstellen und gewerbliche Autowäsche. Sie zog den schrecklichen Schluss: Das Auto ist den Deutschen nicht mehr das liebste Kind. Die Leute haben nicht mehr das Geld zum Waschen. Waschstraßen mussten allein im letzten Jahr einen Umsatzverlust von 15 Prozent verkraften.

Nun lässt sich der Verfall der deutschen Autowaschkultur nicht mit der schleppenden Binnennachfrage erklären - sie zog 2004, wenn auch nur um magere 0,3 Prozent, an. Auch die Vermutung, die Deutschen legten wieder selbst Hand an ihr Auto, ist wenig plausibel, die Wäsche in der Garagenauffahrt ist in den meisten Gemeinden des Grundwassers wegen untersagt. So liegt ein anderer Verdacht nahe: Ist unsere Passion zum Automobil abgeklungen? Gefällt es uns nicht mehr? Oder mögen wir es neuerdings dreckig?

Seit jeher war der Wagen mehr als ein schnödes Transportmittel, er war Prestigeobjekt, signalisierte den individuellen Lifestyle. Er symbolisierte das Versprechen des Aufbruchs in eine bessere Welt, das Gefühl grenzenloser Verfügungsmacht und Freiheit. Im Wirtschaftswunderland avancierte das Auto zum Konsumobjekt für die Massen und wurde zum Fetisch seines Besitzers. 1948 schrieb die ADAC-Motorwelt: Unser Automobil ist ein kleines Haus auf Rädern, es ist ein Heim, in dem wir uns viele Stunden des Tages aufhalten. Wer kennt nicht die Häkelhaube auf der Heckablage, die eine Klopapierrolle zierte? Oder die Lammfellschonbezüge, die über kahle Sitze und Lenkrad gespannt wurden?

Der Trend zur Verkleidung hält an, das Auto als Wohnzimmer kommt nun allerdings vom Fließband: Sitze und Bänke sind längst nicht mehr Funktions-, sondern Polstermöbel, Gummimatten sind dicken, grauen Teppichen gewichen, und lange schon wird das nackte Blech des Interieurs von einem sanften Kunststoffbezug verdeckt.