Verschleiert bis zum Unterlid, steht die Anwältin Nabila al-Mofti im Gerichtssaal. Eine schwarze Erscheinung mit Augenschlitz, so hält die Verteidigerin ihr Plädoyer. Jedes Wort muss durch zwei Lagen Stoff hindurch, getrieben von einem starken Willen und von präzisem Atem. Nicht aus Scham verbirgt die Rechtsanwältin ihr Gesicht, und nicht der Religion wegen. Die Verhüllung ist ihr Tribut an die Tradition, eine Rüstung aus zarter Kunstfaser.

Schauplatz Jemen im Südwesten der Arabischen Halbinsel. Hier ist die Demokratie noch jung und das Geschlechterverhältnis archaisch. Die Straßen von Sanaa, der Hauptstadt im gebirgigen Norden, werden von malerischen Männergestalten beherrscht; sie könnten für ein Skizzenbuch Alt-Arabiens posieren. Der Krummdolch im bestickten Gürtel, um die Köpfe verwegen geschlungene Tücher. Und eine Backe kugeldick gestopft mit zerkautem Qat, einer milden Droge.

Der Jemen war bis Mai 1990 zweigeteilt. Hier, im konservativen Norden, regierten jahrhundertelang muslimische Religionsführer; bis vor wenigen Jahrzehnten blieb das Land von der Außenwelt isoliert, unberührt von der Moderne. Anders der Süden: Dort war die Hafenstadt Aden britische Kronkolonie; nach dem Abzug der Engländer 1967 wurde der Südjemen Arabiens einziger sozialistischer Staat.

Als der Ost-West-Konflikt endete und die sowjetische Hilfe für den Süden versiegte, vereinigten sich die beiden ungleichen Brüder – fünf Monate vor der deutschen Vereinigung. So begann ausgerechnet im armen und unterentwickelten Jemen, fern von den schimmernden Glasfassaden der reicheren arabischen Nachbarn, ein politisches Pilotprojekt der Halbinsel. Die neue Republik gab sich ein pluralistisches System und eine Verfassung mit demokratischen Grundrechten. Bei den Männern kann nur jeder Zweite sie lesen, bei den Frauen sind es noch weniger, darum muss man auf die Frauen blicken, um zu sehen, wo die Anfänge beginnen. Als die Anwältin Nabila al-Mofti vor ein paar Jahren mit zwei Kolleginnen Jemens erste Frauen-Kanzlei gründete, hängten sie an die Tür das Schild: "Die Pionierinnen". Alle hatten abgeraten: Frauen würden keine Mandanten finden. Nach zwei Wochen hatten sie genügend Fälle, sogar ungebildete Männer vertrauten sich ihnen an. Spott und Beleidigungen kamen hingegen von Richtern und Anwälten. "Wenn ich im Gefängnis einen Mandanten besuchte, dann höhnten sie: Was hat eine Frau da unter all den Männer zu suchen?"

Die 33-jährige al-Mofti ist heute eine gefragte Verteidigerin. Beim abendlichen Gespräch in ihrer Kanzlei massiert sie sich erschöpft die Schläfen, der Erfolg hat seinen Preis. Anwältin zu werden, davon träumte sie schon als Mädchen. Weil es keine Anwältinnen gab. Und weil sie, eine Tochter liberaler Eltern, sich zutraute, anderen zu ihrem Recht zu verhelfen. Nun inspiziert sie Gefängnisse, wo manche Frauen nach Verbüßen ihrer Strafe einfach weiter inhaftiert bleiben – weil die männlichen Angehörigen ihnen die Rückkehr in die Familie verweigern. Sie verteidigt junge Mädchen, die unter der leichtfertigen Anschuldigung verhaftet wurden, sie hätten verbotenen außerehelichen Geschlechtsverkehr gehabt. Die Rechtsanwältin ist geschieden. Auf die Frage, ob sie noch einmal heiraten wolle, antwortet Nabila: "Diese Chance gibt es für mich nicht mehr." Ihr Ton verrät kein Selbstmitleid. "Frauen wie ich stellen für Männer ein rotes Tuch dar." Und doch bleibt sie beruflich verwundbar, nur weil sie Frau ist. Sorgsam wägt sie ab, bevor sie einen Fall übernimmt, der ihr den Hass mächtiger Gegner eintragen kann.

Wie eine trübe Wolke folgen Männer-Fantasien den Jemenitinnen bei ihrem Aufbruch ins öffentliche Leben. Berufstätigkeit und demokratische Mitsprache durchbrechen zwangsläufig die strikte Trennung der Geschlechter. Aber immer noch hängen die meisten Männer ihre Ehre an die Schamhaftigkeit ihrer Frau, ihrer Schwestern. Allzeit sprungbereit das männliche Misstrauen.

Fahmia al-Fotih, eine 27-jährige Journalistin, erinnert sich, welche Überwindung es sie kostete, als sie zum ersten Mal eine Pressekonferenz in einem Hotel besuchte. Eine anständige Frau geht nicht in ein Hotel! Al-Fotih führt keine längeren Interviews mit Männern, das wäre zu viel kompromittierende Nähe, und sie nimmt nie Termine nach Einbruch der Dunkelheit wahr.