Er lebt im grauen Pariser Vorort Alfortville in einem winzigen Reihenhaus. Sein Zimmer ist eine Mönchszelle, in der Schreibtisch und Bett nur durch einen Vorhang getrennt sind. Dieser Woche wurde der ehemalige Kapuziner-Mönch Abbé Pierre zu einem der drei bedeutendsten Franzosen aller Zeiten gewählt. 1954 schreckte er in einem Radio-Appell sein Land auf: „Zu Hilfe, meine Freunde. Heute Nacht um drei Uhr ist eine Frau auf dem Boulevard Sébastopol erfroren, weil sie aus ihrer Wohnung hinausgeworfen wurde.“ Seitdem hat der 1912 in Lyon geborene Pater die Obdachlosenorganisation „Emmaus“ aufgebaut, die in Frankreich und international zu einem der bedeutendsten Hilfswerke für Menschen in Not geworden ist. Mit Papst Johannes Paul II. verbindet ihn eine lange, nicht immer konflitktfreie Geschichte. Mit dem 93 Jahre alten Abbé Pierre sprach Michael Mönninger.

ZEIT: Was war Ihre erste Reaktion auf den Tod des Papstes ?

Abbé Pierre: Mein ganzes Leben hatte ich dafür gebetet, jung zu sterben, weil das Alter ein fortwährender Schiffbruch ist - und jetzt habe ich den Papst überlebt. Als ich Johannes Paul II. einmal in seiner Sommerresidenz Castelgandolfo traf, fragte er mich, wie alt ich sei. Ich war damals achtzig geworden und lebte bereits seit zehn Jahren zurückgezogen bei den Benediktinern. Ich erzählte ihm davon, dass für mich der Tod der Höhepunkt des Lebens ist, die lang erwartete Begegnung mit einem Freund. Jetzt bin ich ein wenig traurig darüber, dass mir der Papst zuvorgekommen ist.

ZEIT: Sie haben Johannes Paul II. mehrfach getroffen. Was ist Ihr bleibender Eindruck?

Abbé Pierre: Zum ersten Mal begegnete ich ihm 1978 unmittelbar nach seiner Amtsübernahme. Ich war damals in Rom und traf eine Delegation lateinamerikanischer Bischöfe und Kardinäle, die auf dem Weg zu einer Audienz waren. Der Kardinal von Lima nahm meine Hand und zog mich einfach mit. Der überwältigende erste Eindruck war dieses Lachen, dieser Optimismus, den Johannes Paul ausstrahlte. Ich dachte mir sofort: Mit diesem Mann kann man alle Probleme angehen und ganz neue Ufer erreichen.

ZEIT: Doch später haben Sie begonnen, den Papst offen zu kritisieren.

Abbé Pierre: Vor gut zehn Jahren berichteten mir Kardinale und Bischöfe, dass es zunehmend Themen gibt, über die man mit dem Papst nicht mehr reden kann. Johannes Paul hatte sich abgeschottet. Da beschloss ich, ihm einen ersten Brief zu schreiben.