Ganz merkwürdig berührt einen die Nachricht vom Tod des Papstes. So lange schon war damit zu rechnen – und so wenig hat man wirklich noch damit gerechnet. Die Krankheit hätte ihn eigentlich schon vor Jahren dahinraffen müssen. Aber etwas an diesem Mann war eben nicht gewöhnlich, etwas ließ ihn weiterleben. Nur die Kraft des Glaubens, nur sein Gottvertrauen schienen ihn in der letzten Zeit noch am Leben gehalten zu haben. Und so avancierte seine Krankheit zu einem Glaubensbeweis, für viele sogar zu einem kleinen Gottesbeweis: Wer so gegen alle Wahrscheinlichkeit weiterlebt, wer dabei noch reist und predigt und Audienzen hält, wer noch so ausstrahlt, wer die jungen Menschen anzieht wie sonst nur Popstars, den muss eine Kraft tragen, die nicht von dieser Welt ist.

Noch ein Zweites, etwas Profaneres berührt einen in diesen Stunden nach seinem Tod: Man hat das Gefühl, er sei schon immer da gewesen, man wird verlassen von einem, der einfach dazugehörte zu dieser Welt. So lange dauerte seine Amtszeit, dass er fast alle Staatsoberhäupter überlebte, die damals mit ihm antraten. Johannes Paul überdauerte nicht zuletzt das System, das er jahrzehntelang bekämpfte – den Kommunismus. Zu dessen Sturz hat er einiges beigetragen, keine Bataillone, nur Gebete, aber sehr wirkungsvolle.

Einen anderen Glaubenskampf konnte er nicht gewinnen, den gegen die, wie er es sah, wachsende Macht des Todes, gegen die immer schrankenlosere Verfügbarkeit des menschlichen Lebens, gegen Krieg, Abtreibung und Euthanasie. Der Papst konnte diesen Kampf nicht gewinnen, weil die Gefahr, dem Tod zu viel Macht über das Leben zu geben, in den Menschen eingeschrieben ist, eine nicht enden wollende Versuchung. Immerhin hat man auf ihn, den Idealisten, geachtet in diesen Fragen, nicht nur die Katholiken, auch Andersgläubige und Atheisten.

Natürlich, unfehlbar war der Papst nicht, unüberhörbar schon. Nicht weil er seine Stimme erhoben hätte, sondern weil eine so große Kraft von ihm ausging und weil er unbestechlich war, weil er, der antikapitalistische Antikommunist, sich keinem Lager zuschreiben ließ. Mit dieser unabhängigen Position bildete er einen starken Pol in der Weltöffentlichkeit, stärker als fast alle anderen Kräfte in der globalisierten Welt. Der kranke, fromme Papst war ein Global Player, ein ernster Spieler auf der Weltbühne.

Nicht zuletzt hat er die katholische Kirche zusammengehalten, weniger durch die Macht seines Amtes und durch seine Rolle in der Hierarchie als durch seine Spiritualität. Die fortschrittlichen Kräfte in der Kirche, die Europäer und Amerikaner zumal, vergraulte Johannes Paul II. oft mit dem, was er sagte. Aber er versöhnte sie dadurch, wie er lebte. Die Gläubigen in Asien, in Afrika und Lateinamerika wiederum, denen vielerlei Liberalismus der westlichen Gemeinden, denen auch die Duldsamkeit mit Abweichung innerhalb der Kirche aufstieß, die versöhnte er durch seine innere Festigkeit.

Nein, Johannes Paul wollte kein Reformpapst werden, es genügte ihm, Glaubenspapst zu sein. Nun, nach seinem Tod, wird die größte und älteste Gemeinschaft, die es auf der Erde gibt, schmerzlich zu spüren bekommen, wie wichtig Johannes Paul für sie war. Denn es gibt weit und breit niemanden, der auch nur annähernd so wie er die tiefen Widersprüche zwischen einem liberalen, zuweilen schon häretischen und einem fundamentalen, oft schon fundamentalistischen Katholizismus überbrücken könnte. Der Kirche steht eine Zerreißprobe bevor, unabhängig davon, ob der nächste Papst aus Afrika kommt oder aus Rom, ob er als liberal gilt oder als dogmatisch.

Die Tiefe seines Glaubens hat es Johannes Paul II. auch ermöglicht, eine ökumenische Offensive zu betreiben, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Sein Vertrauen auf Christus ließ ihn auf Protestanten ebenso zugehen wie auf orthodoxe Christen, auf Juden und immer mehr: auf Muslime. Er versuchte rastlos, aber innerlich ruhig seinen Beitrag dazu zu leisten, dass diese groß gewordene, eng aufeinander hockende und sich dabei sehr gegen einander abgrenzende Menschheit zusammenhielt. Es wird viele brauchen, um den Zusammenhalt, den dieser eine stiftete, zu bewahren. Johannes Paul ist tot, das ist wahrlich ein Grund zu trauern. Dass er ewig weiterlebt, das war sein Glaube. Wenn er damit Recht behielte, so wäre das ein Grund zur Hoffnung.