In den 1980er Jahren arbeitete Wolfgang Mattheuer an seiner Plastik Der Jahrhundertschritt. Sie zeigt das Ebenbild des einfachen, nach besseren Lebensbedingungen strebenden Deutschen: kaum Rumpf, kaum Hirn, nur eine weit ausholende Bewegung. Nackt der Fuß des rechten, weit vorgestreckten Beins. Es gehört einem Menschen, der sich Schuhe nicht leisten kann, und ist scharf zum Hakenkreuzstummel abgewinkelt. Der Fuß des linken, in Knie und Ferse ebenfalls überstark geknickten Standbeins steckt im gewichsten Soldatenstiefel. Der rechte Arm weist nach oben, die Hand zur Kommunistenfaust geballt.

Seinen winzigen, noch ungebildeten, doch für Beglückungsideologien jeder Art zugänglichen Kopf trägt der Jahrhundertschrittler tief in den Uniformkragen gezogen, so, als wolle er nicht gesehen werden. Die eigenen Taten und Absichten sind ihm offenkundig nicht geheuer. Er zeigt sich entschlossen und ängstlich zugleich, tatendurstig, scheinbar zielbewusst und dennoch desorientiert. Es erscheint ungewiss, ob er, dessen linker, zum Hitlergruß gereckter Arm ins Nichts weist, die Spannung hält, den beabsichtigten Riesenschritt schafft oder nicht doch im nächsten Moment in sich zusammensackt, den Zusammenbruch erleidet und die Gründe dafür rasch vergisst.

In der wenig sympathischen Fortschrittsgestalt erkannte Mattheuer den Archetyp des deutschen Volksgenossen im 20. Jahrhundert. Dieser Ahnherr unserer Gegenwart bildet den Mittelpunkt meines Buches Hitlers Volksstaat, das davon handelt, in welchem – lange gut verdrängten – Ausmaß sich die NS-Führer als Sachwalter der kleinen Leute verstanden. Der Perspektivwechsel von der Elitenverantwortung zum Nutznießertum des Volkes hat erwartungsgemäß nicht nur Zustimmung gefunden, nach dem britischen Wirtschaftshistoriker J. Adam Tooze in der taz (12./13., 15., 16. März) hat zuletzt der prominente Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler im Spiegel (14/05) energisch widersprochen.

Das Unbehagen an meiner These mag damit zusammenhängen, dass ich in der Struktur der nationalsozialistischen Steuer- und Sozialpolitik ein linkssozialdemokratisches Grundmuster erkenne. Das unterschied den Zweiten Weltkrieg vom Ersten. Mit Hilfe der populären Nichtbelastung der deutschen Arbeiter und Bauern, der kleinen Handwerker, Angestellten und Beamten und der deutlichen und weithin sichtbaren Belastung der Besserverdienenden konnten sich die Stimmungspolitiker der NS-Zeit das hohe Maß an innerer Integration jeden Tag neu erkaufen. Während beispielsweise die Unternehmen massiv besteuert wurden und die Körperschaftsteuer von 20 Prozent im Jahr 1933 auf 40 Prozent (1940) und schließlich auf 55 Prozent stieg, hatten die deutschen Durchschnittsverdiener zwischen 1939 und 1945 keinerlei direkte Kriegssteuern zu bezahlen. Neben der ausgesprochen volkstümlichen klassenbewussten Verteilung der Kriegslasten beschaffte sich Nazideutschland einen wesentlichen Teil der materiellen Ressourcen auf der Basis von Erobern und Vernichten.

Gestützt auf glänzend ausgebildete Experten, transformierte die Regierung Hitler den Staat im Großen in eine Raubmaschinerie ohnegleichen. Im Kleinen verwandelte sie die Masse der Deutschen in eine gedankenlose, mit sich selbst beschäftigte Horde von Vorteilsnehmern und Bestochenen. Diese Politik des gemeinnützigen Ausraubens fremder Länder, so genannter minderwertiger Rassen und Zwangsarbeiter, bildet den empirischen Kern meiner Studie über Hitlers Volksstaat.

Dabei geht es nicht um das Verschieben der Schuld von einer sozialen Klasse auf die andere. Auch ist es nicht das Ziel des Buches, die abgestandene These von der Kollektivschuld neu zu beleben, wie einige Rezensenten befürchten. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie das NS-Regime sich trotz seiner – aus heutiger Sicht – offensichtlich halsbrecherischen und selbstzerstörerischen Politik so lange halten konnte. Das Ergebnis ist bedrückend, aber es führt zu einem missing link, das die politische Dynamik der Nazizeit meines Erachtens besser erklärt als die bisherigen Versuche: Eben weil fast alle Deutschen – die vielen Millionen Nicht- und Antinazis eingeschlossen – von den Raubzügen profitierten, zu Nutznießern beispielloser Verbrechen wurden, entwickelte sich nur marginaler Widerstand.

Göring sprach zum "Herzen und zum Magen" der Deutschen

Als im Sommer 1942 die auskömmliche Ernährung der deutschen Bevölkerung ernsthaft gefährdet war, verlangte Göring von den für die besetzten Länder Europas verantwortlichen, wegen des Partisanenkrieges zum Teil zögerlichen Kommissaren und Militärbefehlshabern die drastische Erhöhung der Lebensmittelexporte in das Reich: "Es ist mir dabei gleichgültig, ob Sie sagen, daß Ihre Leute wegen Hungers umfallen. Mögen sie das tun, solange nur ein Deutscher nicht wegen Hungers umfällt." Die deutsche Besatzungsregierung in Polen fasste daraufhin den Beschluss, die Ermordung der Juden massiv zu beschleunigen: "Die Versorgung der bisher mit 1,5 Millionen Juden angenommenen Bevölkerungsmenge fällt weg, und zwar bis zu einer angenommenen Menge von 300000 Juden, die noch im deutschen Interesse als Handwerker oder sonst wie arbeiten. Die anderen Juden, insgesamt 1,2 Millionen, werden nicht mehr mit Lebensmitteln versorgt." Bereits vier Monate später waren mehr als eine Million polnischer Juden ermordet. In seiner am 4. Oktober 1942 gehaltenen, im ganzen Reich ausgestrahlten "Erntedank-Rede" versprach Göring "Sonderzuteilungen" zu Weihnachten und verkündete: "Von heute ab wird es dauernd besser werden; denn die Gebiete fruchtbarster Erde besitzen wir. Eier, Butter, Mehl, das gibt es dort in einem Ausmaß, wie Sie es sich nicht vorstellen können." Er habe "zum Herzen und zum Magen gesprochen", kommentierten die Volksgenossinnen an der Heimatfront. Genauso verbanden sich Volkswohl und Verbrechen in zahlreichen, bisher kaum diskutierten Hitler-Entscheidungen.

Solche Befunde kritisiert Hans-Ulrich Wehler als "engstirnigen Materialismus" und erhebt den Vorwurf, mein Buch vernachlässige den "radikalisierten Antisemitismus". Nun ist der Antisemitismus nicht Thema meines Buches, vielmehr handelt es, wie der Untertitel ankündigt, von dem Beziehungsdreieck Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Es geht mir um die Frage, warum sich die Deutschen immer wieder neu für die Nazipolitik mobilisieren ließen, obwohl sie in ihrer übergroßen Mehrheit keine aktiven Antisemiten waren, wie auch Wehler in seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte zutreffend feststellt.

Wenn also die Integrationskraft des Nationalsozialismus nicht auf der radikalisierten antisemitischen Ideologie basierte, worauf gründete sie sich dann? Wer sich für eine Antwort interessiert, sollte sich auch in der Analyse der nationalsozialistischen Judenpolitik den politischen Faktoren zuwenden, die Wehler auf jenen immerhin 300 Seiten seiner Gesellschaftsgeschichte, die von der NS-Zeit handeln, auslässt, weil er – gegen alle von ihm sonst mit Erfolg genutzten sozialhistorischen Erkenntnismöglichkeiten – die "charismatische Herrschaft" Hitlers zur wichtigsten Triebkraft erklärt.

Wehler will nichts davon wissen, dass die staatlichen Zusatzeinnahmen aus der Arisierung im Haushaltsjahr 1938/39 knapp zehn Prozent der laufenden Reichseinnahmen betrugen. Da er sich in seiner Gesellschaftsgeschichte lieber auf den gewiss kritikwürdigen Arisierungsvorteil der Deutschen Bank kapriziert, entgeht ihm, dass sich der deutsche Geldmarkt 1938 nicht mehr bereitfand, die ständig wachsende Flut der staatlichen Schuldverschreibungen aufzunehmen. Die Börsen misstrauten Hitler. Eben deshalb wurden vom Sommer 1938 an mehrere Milliarden Reichsmark aus den Vermögenswerten deutscher Juden in Zwangsanleihen umgewandelt. Nachdem die Juden zunächst zur Auswanderung getrieben und die noch verbliebenen später deportiert worden waren, verfügte der Reichsfinanzminister 1942, die ihnen zuvor aufgezwungenen Schuldtitel der öffentlichen Hand seien "ohne Angabe des Namens" aus dem Schuldbuch des Reiches zu streichen, und schuf so Platz für neue Kriegsschulden. Wer sich auf Wehlers Gesamtdarstellung verlässt, erfährt kein Wort darüber, dass ausgerechnet im November 1938 – als den Juden wenige Tage nach dem Pogrom die "Bußzahlung" von einer Milliarde Reichsmark (heute etwa zehn Milliarden Euro) abgepresst wurde – nach der Mitteilung des Finanzministeriums die Zahlungsunfähigkeit des Reiches "unmittelbar bevorstand".

Dass es für eine solche Politik auch der Propaganda bedurfte, die die Juden als Parasiten, Verräter und Untermenschen brandmarkte, ist banal. Aber es erscheint doch erstaunlich, wenn ausgerechnet ein deutscher Historiker wie Wehler den systematischen Raub des Eigentums der europäischen Juden als "sekundäre Folge", als "schauerliche Geschichte" abtut und empirisch ertragreiche Forschungen dazu in merkwürdiger Ignoranz als "Hyperrealismus" und als "anachronistischen Vulgärmaterialismus" zurückweist. Zwischendrin erklärt Wehler, ich hätte Dinge herausgefunden, die "bisher noch kein Historiker gewagt und geschafft" habe, um dann gleich wieder zu erklären, das meiste sei altbekannt. Aber warum haben sich so wenige an die systematische Ausplünderung Europas und an die materiellen Seiten der Judenverfolgung "gewagt"? Eben weil einflussreiche Leute wie Wehler solche Arbeiten lange für irrelevant erklärt und entsprechende Arbeiten nicht gefördert haben.

Was war Hitler – charismatischer Führer oder Gefälligkeitsdiktator?

Das Buch Hitlers Volksstaat versteht sich nicht als Gesamterklärung der NS-Zeit. Das wird an keiner Stelle behauptet. Doch zeigt es die Techniken, mit denen die NS-Führung ihre Macht im Inneren immer wieder stabilisierte. So breitete sich im Herbst 1940, nach dem Sieg über Frankreich, für einige Wochen eine merkwürdige Spannung in Deutschland aus, weil unklar war, wie die zur Systemerhaltung zwingend erforderliche kriegerische Expansion fortgeführt werden sollte. Das Regime vertraute aber nicht auf Propaganda, vielmehr beschenkte die NS-Regierung die deutschen Arbeiter mit einer deutlichen Lohnerhöhung in Gestalt der damals eingeführten und bis heute gültigen Steuer- und Sozialabgabenfreiheit für die Zuschläge auf Feiertags- und Nachtarbeit. Als die deutschen Armeen im Herbst 1941 vor Moskau scheiterten und die Alten in Deutschland in düsteren Worten an ihre Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg erinnerten, verfügte Hitler eine Rentenerhöhung von 15 Prozent und führte die Krankenversicherung für Rentner ein, die sich bis dahin im Krankheitsfall mehrheitlich an die Sozialfürsorge hatten wenden müssen.

Schließlich wurde um Weihnachten 1942 absehbar, dass die Feierlichkeiten zum zehnten Jahrestag der so genannten Machtergreifung mit der endgültigen Niederlage bei Stalingrad zusammenfallen würden. Hitler dachte angesichts dieser unvorteilhaften Lage keinesfalls an eine rassenideologische Großrede, sondern meinte kleinlaut zu Bormann: "Das Wirkungsvollste wäre, wenn wir dem deutschen Volk an diesem Tag erneut eine Erhöhung seiner Lebensmittelrationen und sonstigen Zuteilungen mitteilen könnten." Bezeichnend erscheint auch, wie Goebbels in seinem Tagebuch reagierte, als Italien im Sommer 1943 die Seite wechselte: "Noch sozialistischer als früher haben wir uns an das Volk anzuschließen. Das Volk muß auch immer wissen, daß wir seine gerechten und großzügigen Sachwalter sind."

Die Beispiele für solche sozialtaktischen Entscheidungen der Gefälligkeitsdiktatur sind Legion. Doch Wehler scheint entschlossen, an der von ihm behaupteten zentralen Bedeutung des Führerkults festzuhalten. Er tut sich schwer damit, politische Dynamiken adäquat zu analysieren. Aber die Historiografie einer Zeit, in der sich unvergleichlich starke Energien entluden und die durch ein extrem hohes geschichtliches Tempo gekennzeichnet ist, kann nicht so betrieben werden, als handle es sich um ein Wachsfigurenkabinett oder um das Anordnen von Zinnsoldaten. Alle Beteiligten handelten fortgesetzt und reagierten fortgesetzt aufeinander. Deshalb ist es für die innere Stabilität 1942 wenig interessant, wie die Deutschen zehn Jahre zuvor wählten. Die von Wehler behauptete konstante, allein ideologisch fundierte "freiwillige Loyalität" findet sich in den Quellen nicht, aber das Gegenstück bildet selbstverständlich auch nicht die terroristisch erzwungene Loyalität. Vielmehr musste die NS-Führung im permanenten Kampf um die öffentliche Stimmung, unter ständigem Schielen auf das innenpolitische Politbarometer die allgemeine Unterstützung immer wieder neu erringen.

Aus demselben Grund sind auch die Einwendungen unerheblich, die der britische Wirtschaftshistoriker J. Adam Tooze erhoben hat. In der mit ihm geführten, eher marginalen Auseinandersetzung geht es um die Frage der deutschen Kriegsschulden. Ich sage, die laufenden Einnahmen für den außerordentlichen Kriegshaushalt des Reiches seien zu zwei Dritteln aus den Kontributionen der eroberten Länder, den konfiszierten Löhnen der Zwangsarbeiter und dem Eigentum der europäischen Juden bezahlt worden. Demgegenüber insistiert Tooze auf den (nach der Niederlage) faktischen Kriegsausgaben, die zu rund 50 Prozent auf Kreditbasis finanziert wurden. Dadurch wird der deutsche Anteil natürlich deutlich höher. Was die Zahlen betrifft, besteht zwischen uns keine nennenswerte Differenz, ich halte aber die Einbeziehung der Reichsschuld für falsch, wenn man die Erfolge des Stimmungspolitikers Hitler analysiert. Damals wie heute interessieren sich die Leute für die Staatsschulden nur am Rande, aber sie schreien auf, wenn ihnen plötzlich die Steuern um 10 oder gar um 50 Prozent erhöht werden. Darauf kommt es in meiner Analyse an. Sie handelt vom spekulativen Zusammenspiel zwischen Volk und Führung und nicht von den nach der Niederlage fälligen Kriegskosten.

Gegen Tooze lässt sich im Übrigen gut mit Wehler argumentieren. In seiner Gesellschaftsgeschichte steht: Die deutsche Politik sei seit 1939 "ohne jede verantwortungsbewusste Kalkulation auf die fixe Idee fixiert" gewesen, "später die Lasten auf die besiegten Staaten abwälzen zu können". Genau deshalb spreche ich von den Reichsschulden unter der Kapitelüberschrift Virtuelle Kriegsschulden, schließlich erklärte die Staatsführung ihrem Volk immer wieder: Die Kriegskredite seien durch das "gewaltige Sachvermögen" gedeckt, das in Osteuropa erobert worden sei.

Gefreut hat mich der Vorwurf, den Wehler gegen mein Gesamtwerk erhebt. Alys "Interpretation des Massenmords schwankt freilich", meint er im Hinblick auf andere von mir (mit)verfasste Bücher. Das heißt aber nur: Wir arbeiten eben nach verschiedenen Prinzipien. Während Wehler meint, über eine "erklärungskräftige Interpretation" zu verfügen, bevorzuge ich den Perspektivwechsel, arbeite an einem Zyklus und lasse mich, auch das ein erheblicher Unterschied, gerne von Quellen im Archiv überraschen. Mal gilt es, die Vordenker der Vernichtung zu betrachten, dann das Schicksal eines ermordeten jüdischen Mädchens, die Politik der ethnischen Säuberung, die Deportation der ungarischen Juden oder nun die Gefälligkeitsdiktatur. Aus allem zusammen ergibt sich ein multiperspektivisches Bild. Es ist verwirrend und nicht so plakativ wie die begrifflich eindimensionalen Produktionen, die andere bevorzugen. In dieses vielschichtige Bild gehören auch die analytischen Einsichten vieler anderer, gewiss auch der "charismatische Führer", aber deutlich kleiner und nicht alles andere überblendend, wie Hans-Ulrich Wehler sich das vorstellt.

Götz Alys Buch "Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus", erschienen im März bei S. Fischer, liegt in der vierten Auflage vor und wird in fünf Sprachen übersetzt. Der Autor, 1947 in Heidelberg geboren, ist derzeit Gastprofessor am Fritz-Bauer-Institut der Universität Frankfurt am Main