Bundeskanzler Gerhard Schröder sieht im Erinnern an die Verbrechen des Nationalsozialismus eine bleibende moralische Verpflichtung Deutschlands. "Wir wollen und wir werden nicht zulassen, dass Unrecht und Gewalt, dass Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wieder eine Chance bekommen", sagte er am Sonntag im Nationaltheater Weimar bei der zentralen Gedenkfeier zur Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager vor 60 Jahren.Mehr als 500 ehemalige Häftlinge aus 26 Ländern kamen zu der Feier. Unter den 1200 Gästen waren auch Veteranen der US-Armee, die vor 60 Jahren zahlreiche Konzentrationslager befreit hatte. Schröder sagte: "Ich verneige mich vor den Opfern und ihren Angehörigen." Sie hätten in den Konzentrationslagern die Hölle erlitten. Buchenwald stehe für geistige Finsternis und Barbarei. "Aber aus der Geschichte, aus der tiefsten Schande unseres Landes können wir lernen."Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, warnte vor einem Vorstoß rechtsextremer Parteien in die Mitte der Gesellschaft. Nach dem Einzug in die Landtage von Sachsen und Brandenburg sei es ihr Ziel, zum "normalen, selbstverständlichen Bestandteil der politischen und gesellschaftlichen Kultur in Deutschland zu werden", sagte Spiegel. "Das muss uns alarmieren." Dass die rechte Szene keine Probleme habe, Nachwuchs zu rekrutieren, müsse weitaus mehr beunruhigen als die skandalösen Reden von NPD-Abgeordneten. "Vor unseren Augen wachsen Überzeugungstäter heran." Spiegel rief dazu auf, den "Staffelstab der Erinnerung" weiterzugeben. Nur das garantiere, dass das Leiden aller ermordeten und überlebenden Opfer der Kriegskatastrophe nicht gänzlich umsonst gewesen sei. Zugleich betonte er die herausragende Bedeutung der KZ-Gedenkstätten. "Das Konzentrationslager Buchenwald gibt es nicht mehr", sagte er. Die Erde dieses Geländes werde aber für alle Zeit getränkt sein mit den Tränen der Verzweifelten und dem Blut der hier Ermordeten.Auch Thüringens CDU-Ministerpräsident Dieter Althaus rief zu mehr Wachsamkeit gegen Rechtsextremismus auf. "Wir müssen uns mehr Mühe geben, als immer nur "Nie wieder!" zu sagen." Der Präsident des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, wandte sich gegen eine Relativierung der NS-Verbrechen. Die Aussage, dass der Völkermord an Sinti und Roma mit dem gleichen Willen zur Vernichtung durchgeführt worden sei wie der an den Juden, dürfe nicht in Frage gestellt werden. Der Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora, Bertrand Herz, forderte die Jugend zum Kampf gegen jegliche Ausgrenzung von Menschen auf. "Das aus den Ruinen des Naziregimes hervorgegangene Europa wird nicht überleben können, wenn die Vergangenheit vergessen wird", sagte er.Bei der Rede des spanischen Schriftstellers und ehemaligen KZ- Häftlings Jorge Semprún gab es empörte Zwischenrufe, als er darauf verwies, dass es bei der nächsten Gedenkfeier 2015 keine Überlebenden mehr gebe. "Es wird keine unmittelbare Erinnerung mehr geben. Es wird nur noch Romanciers geben."Im Anschluss an die Gedenkfeier in Weimar war eine Kranzniederlegung auf dem Appellplatz des nahe gelegenen ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald geplant. Allein in diesem KZ starben mehr als 56 000 Häftlinge.