Wie er am Ende war, so steht er uns vor Augen, alt, krank, zitternd, nuschelnd, schließlich, an Ostern, stumm und gepeinigt. Auch die späten Jahre waren noch einmal ein Wunder: das weltöffentliche Bekenntnis zur Gebrechlichkeit als conditio humana, ein Greis in einer jugendbesessenen Gegenwart als zeitlose moralische Autorität, bis hin zu seinem letzten großen politischen Auftritt, dem Protest gegen den Irak-Krieg. Und doch muss man sich von den Bildern des Schmerzensmanns frei machen, um ihn in den Blick zu bekommen, denn eigentlich war Papst Johannes Paul II., am 18. Mai 1920 im polnischen Wadowice als Karol Wojtyla geboren, ein Kämpfer, eine Kraft- und Löwennatur.

Wer ihn mit seinem Widerstand gegen Pille, Abtreibung und Schwulenehe als Leib- und Sinnenfeind sah, der kannte ihn schlecht – ein Liebhaber der Natur und der Kunst ist Wojtyla gewesen, Ski- und Kajakfahrer, Fremdsprachengenie, ein halb professioneller Schauspieler, Verfasser von Lyrik und Theaterstücken. 2003, nach einem Vierteljahrhundert Pause, hat er noch einmal Gedichte veröffentlicht, das Römische Triptychon" ein metaphysisches Poem, inspiriert von den Wald- und Berglandschaften seiner südpolnischen Heimat und von Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kapelle: Natur und Kunst. Es war so gar nichts klerikal Schmales, Blasses und Dünnlippiges an ihm, nichts vom Ressentiment des Zukurzgekommenen, womit Nietzsche das Christentum und seine Moral wegerklären wollte. Er hätte, hat ein Schulfreund über den Papst gesagt, auch Chef von General Motors werden können.

Für den Priesterberuf entschied er sich 1942, unter deutscher Besatzung, und trat im Untergrund ins Seminar ein – die Nazis wollten keine polnische Geistlichkeit mehr nachwachsen lassen, sie wollten die gesamte polnische Kultur auslöschen. Die Krakauer Universität, an der Karol Wojtyla zunächst mit Philologie begonnen hatte, wurde geschlossen, auf dem Wawel, der alten Königsburg, zog der Generalgouverneur Hans Frank ein, Wojtyla arbeitete im Steinbruch und im Klärwerk. Weltkrieg, Totalitarismus, Völkermord standen an der Wiege seines Priestertums, und so ist Johannes Paul II. der Papst des 20. Jahrhunderts geworden, mit einem Leben und Schicksal, wie keiner seiner Vorgänger es gehabt hat. Pius XII., Hochhuths "Stellvertreter", der zum Holocaust schwieg, hatte vor Hitler versagt, weil er Bosheit und Gewalt gar nicht wirklich begriff, weil er eingesponnen blieb in den Kokon kirchendiplomatischer Konvention. Johannes Paul II. sollte von den "Höllen" der Lager und Kriege sprechen, die es den Zeitgenossen fast unmöglich machten, noch an eine jenseitige Hölle zu glauben, an irgendetwas, das schrecklicher sein könnte als diese irdische Geschichte.

Sein Thema war der Mensch mit Gott als Gegenüber

Natürlich, Theologie und Kirche handeln von Gott; Karol Wojtylas eigentliches, unverwechselbares Thema aber ist der Mensch gewesen, seine Abgründigkeit, sein Reichtum, sein Geheimnis. Der Mensch ist "Person", kein Etwas, sondern ein Jemand, wie auch Gott kein Ding, keine Sache ist – man kann ihn nicht zu fassen bekommen wie einen Erkenntnisgegenstand, man muss ihm begegnen wie einem anderen Menschen.

Das war der Kern von Wojtylas Denken, das er als Priester, Philosophieprofessor und Bischof im Nachkriegspolen entwickelte und der kommunistischen Parteidoktrin entgegenstellte: dass Gott und Mensch sich gewissermaßen gegenseitig stützen und schützen, dass die Religion nicht irgendein Überbau ist, sondern die Bastion der menschlichen Freiheit, weil sie das Geheimnis des Menschen gegen die Ideologien verteidigt, die ihn restlos erklären und damit beherrschen wollen. Vom 2. Vatikanischen Konzil von 1962 bis 1965, der Gründungsversammlung eines modernen Katholizismus, brachte er sein eigenes Stück Moderne mit nach Hause, nach Polen, die Lehre von der Religionsfreiheit als Menschenrecht, um dem Regime Kirchenneubauten oder die Erlaubnis für öffentliche Prozessionen abzutrotzen.

Als der Erzbischof von Krakau im Herbst 1978 zum Papst gewählt wurde, war es ein Paukenschlag, aber von ungewisser Bedeutung. Der erste Nicht-Italiener seit Jahrhunderten, das war eine Sensation, doch die Welt kannte ihn nicht. In Warschau und Moskau allerdings hatten die Mächtigen sofort Angst. Nichts, was im Ostblock im nächsten Jahrzehnt geschah und was in die Revolution von 1989 mündete, nichts davon, sollte Michail Gorbatschow später bemerken, wäre ohne diesen Papst möglich gewesen. Seine Pilgerreise 1979 in die polnische Heimat hat ein neues Selbstbewusstsein des Volkes entbunden, ein Wir-Gefühl im Nein zur Herrschaft der Lüge. Viele, die meisten, waren immer dagegen gewesen, aber jetzt, in den riesigen Messen unter freiem Himmel, erlebten sie sich als Gemeinschaft, vereint gegen die Herrschenden, und der Papst gab ihnen Stimme und Sprache: seine Botschaft von den unveräußerlichen Menschenrechten, von der Glaubens- und Gewissensfreiheit, von der Würde und Selbstbestimmung der Nation.

Es ist auf den Spuren dieses Erweckungsaugenblicks gewesen, dass im Jahr darauf die unabhängige Gewerkschaft Solidarno™ƒ ("Solidarität") ins Leben trat, in ihren Bedrängnis- und Verbotszeiten immer wieder getröstet und inspiriert von Johannes Paul II. und am Ende siegreich. Die Bilder des Papstes waren überall, auf den Demonstrationen, am Tor der von Streikenden besetzten Danziger Lenin-Werft, sogar auf dem Kugelschreiber, mit dem der Gewerkschaftsführer Lech Wa¬Ωsa den politischen Waffenstillstand mit der Staatsmacht unterzeichnete. Von der "Solidarität" führte der Weg über Gorbatschows Reformen zum Fall der Berliner Mauer.