Von Thomas Mann stammt das Motiv. In den Buddenbrooks wird das Lebensgesetz der großen Familien entfaltet: Es beginnt mit der ebenso gottesfürchtigen wie geschäftstüchtigen Gestalt des Konsuls und endet mit dem liebessehnsüchtigen und kunstverträumten Hanno. Die Energie ist verbraucht und die Familie erloschen.

Dabei spielen die Frauen eine bestimmte Rolle: Sie führen die Gesellschaft des Hauses, sie sorgen für den Nachwuchs, sie verlieren sie aber auch an Liebhaber und durchtränken den letzten Sprössling mit ihrer schwermütigen Musikalität. Sie sind alles andere als Randfiguren, aber sie bilden keinen Neuanfang, sondern vollbringen das Schicksal. Was hat dieses spätromantische Verfallsidyll mit der Wirklichkeit der großen Familien von heute zu tun?

Neuerdings werden die großen Familien wieder mit besonderem Interesse beobachtet, schließlich verstehen viele die Familie wieder als eine Institution, die, anders als der Staat, soziale Sicherung verspricht. Es gibt sie nach wie vor, die Familien mit den beträchtlichen Vermögen und den verzweigten Netzwerken. Sie verfügen über wesentliche Teile unserer Wirtschaft und besetzen wichtige Stellen unserer Gesellschaft. Sie stehen nur nicht mehr im Rampenlicht wie einst die Stinnes, die Klöckners und die Krupps. Während die Einkommensverhältnisse von Michael Schumacher oder Heidi Klum die Schlagzeilen beherrschen, bleiben die Geschäfte und Verbindungen der großen Familien im Dunkeln. Man fragt nach dem Grund dieser Zurückhaltung. Wie vermehren sie den Besitz, wie verstärken sie ihren Einfluss, wie reproduziert sich die deutsche Bourgeoisie? Wie verbünden sich im Familienkapitalismus die Gesetze der Männer mit den Missionen der Frauen?

Die Haniels sind vor allem ein Aktionärsverband

Nehmen wir zum Beispiel die Haniels, die seit bald 250 Jahren als Familienunternehmen existieren und heute einen Weltkonzern mit einem Umsatz von 23 Milliarden Euro und 54000 Angestellten besitzen. Wir wissen über diese Familie so gut wie nichts. Der Name steht für kein spezifisches Produkt oder Geschäft. Die Haniels betreiben Apotheken, verleihen Berufskleidung, liefern Hygieneartikel, verschrotten Stahl. Noch undurchsichtiger ist die innere Hierarchie des Clans. 540 Abkömmlinge halten Anteile an der Unternehmensgruppe, aber keiner davon besitzt mehr als fünf Prozent. Die Presseabteilung der Holding mit Sitz in Duisburg sorgt dafür, dass niemand aus der Familie ein Gesicht bekommt. Das ginge auch gar nicht, weil nach einem Übereinkommen innerhalb der Familie kein Haniel bei den Haniels eine leitende Position einnehmen darf. Man ist fest davon überzeugt, dass die Trennung von Management und Kapital eine Ursache für den nachhaltigen Erfolg des Mischkonzerns ist. Worin sich die Familie überhaupt als Familie darstellt, das ist an den jährlichen, an geheimem Ort und unter fingiertem Namen stattfindenden Familienzusammenkünften, die vor allem der Streitvermeidung durch Sozialisation des Nachwuchses dienen. Es gibt ein Family Office, das den Erben in allen Belangen zur Seite steht. Wer die Familie führt, ist zweitrangig. Denn die Führung des Unternehmens liegt in den Händen familienfremder Manager. Denen ist nur aufgegeben, dass die Verzinsung des von der Familie eingesetzten Kapitals deutlich über der durchschnittlichen Rendite des Marktes liegt. Ansonsten bekennt man sich ohne allen Anspruch auf einen gehobenen Lebensstil zur Sozialverpflichtung des Eigentums. Eigentlich ist das gar keine Familie mit Spitze und Zentrum, sondern eine Ansammlung von kleinfamilialen Geldvermögensbesitzern. Es handelt sich anscheinend um Menschen wie du und ich. Hier nährt nichts unsere Fantasien über verborgene Macht und geheimen Einfluss.

Ein anderer Typ des deutschen Familienkapitalismus kommt ganz ohne den Part der Frauen aus. Er wird von den Gebrüdern Albrecht dargestellt, die aus kleinen Verhältnissen stammen. Der Vater war Bergarbeiter in Essen, musste sich dann wegen einer Staublunge bei schlechter Bezahlung in einer Brotfabrik verdingen, und die Mutter eröffnete daraufhin einen Lebensmittelladen, um die Familie durchzubringen. Sie nahmen beide als junge Soldaten des Zweiten Weltkriegs am Ostfeldzug der deutschen Wehrmacht teil. Das ist auch schon wieder fast alles, was über die Hintergründe der Albrechts bekannt ist. Das Demonstrationsverbot für Macht und Reichtum gilt auch für sie. Sie repräsentieren die Scheu und das Misstrauen des neuen Geldes. Wir wissen von der strukturierten Konkurrenz zwischen den beiden Brüdern Karl und Theo, die sich ihre Einflusssphären in Aldi-Süd und Aldi-Nord aufgeteilt haben, und hören, dass sie ihr Leben so einfach und unaufwändig führen. Anders als die Haniels stehen sie für etwas: Sie verkörpern die Idee des sachlichen Konsums ohne Feintuerei und Extragenuss. Das ist Ausdruck eines Lebenszuschnitts, der durch seine Kargheit und Glanzlosigkeit unter Beweis stellt, dass die sozialen Unterschiede, die einmal unabänderlich schienen, dem Streben nach allgemeiner Wohlfahrt weichen mussten. Die Albrechts haben sich mit der Konsummacht der kleinen Leute verbündet und den "feinen Unterschieden" den Kampf angesagt. Insofern ist das Prinzip Aldi unser aller Prinzip auf dem Wege zur unerbittlichen Demokratie des Massenkonsums. Das hat freilich seinen Preis. Wenn wir uns in deren Familiengeschichte spiegeln, sehen wir nur uns selbst: nicht das Netzwerk einer Familie, sondern zwei Brüder, die genau rechnen. Die Albrechts verkörpern das Schicksal des neuen Geldes der Bundesrepublik. Die Familie ist zentriert auf die Gründer und vernachlässigt die Erben. Eine Dynastie ist von Aldi nicht zu erwarten. Die Albrechts werden mit den Helden ihres Aufstiegs untergehen.

Wie schwierig sich die Kontinuitätssicherung in der Generationenfolge auch bei den alteingesessenen Familien gestalten kann, zeigen die Fälle von Springer und Bertelsmann, wo mit Friede Springer und Liz Mohn zwei Frauen an die Stelle ihrer Männer getreten sind. Friede Springer kam als Kinderpflegerin ins Haus Springer, Liz Mohn als Telefonistin ins Unternehmen Bertelsmann, und beide beherrschen jetzt jeweils einen Medienkonzern. Liz Mohn verdrängte die erste Frau Reinhard Mohns, mit der er immerhin 33 Jahre verheiratet war, und entliess Thomas Middelhoff nach dem Platzen der Dotcom-Blase, um mit ihren Getreuen selbst die Macht zu übernehmen. Friede Springer ist die fünfte Frau von Axel Cäsar Springer und hat sich mit einem alerten Durchstarter zusammengetan, der bei der Konkurrenz gelernt und sich im Hause durchgeboxt hat. Mathias Döpfner hat sich als der, der das Ohr der Inhaberin besitzt, bei Springer festgesetzt. Bei beiden Frauen steht offenkundig der persönliche Ehrgeiz über der Verpflichtung zum Erbe der Familie. Sie wollen aus dem Schatten ihrer Männer treten. Es ist das tief sitzende Familienmotiv, das sie dazu treibt, in langen Zyklen zu denken und strategische Entscheidungen zu treffen. Sie glauben, dass es allein an ihnen hängt, ob ihre Dynastien weiterexistieren.