Der vorgesehene Operateur kannte den Patienten, war aber verhindert; der einbestellte Ersatzchirurg wusste von nichts. Den Unterschenkel, der amputiert werden sollte, verhüllten aus Versehen Abdecktücher; die gesunde Extremität lag offen im Schein der OP-Lampe. Und dann war es eben geschehen – der Chirurg sägte den falschen Unterschenkel ab. Auf diese Weise widerfuhr 1996 durch die Verkettung von Zufällen und mangelhafter Organisation einem Patienten im Städtischen Klinikum Bamberg der GAU.

Primum nil nocere, zuerst einmal nicht schaden, lernt der Arzt im Studium. Und dass diese lateinische Devise schon seit der Antike gilt, zeigt, dass Behandlungsfehler zu den ältesten medizinischen Problemen gehören. Gerne verdrängt die Ärzteschaft diesen Umstand. Erst seit ein paar Jahren wird das Thema neu verhandelt. Zweimal steht die Patientensicherheit im Mittelpunkt von Veranstaltungen: auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, der diese Woche in München stattfindet, und auf dem Deutschen Ärztetag Anfang Mai in Berlin.

Mehr Selbstkritik ist überfällig. Fehler im Krankenhaus gehören zu den zehn häufigsten Todesursachen. Sie rangierten damit vor Brustkrebs, Aids und Verkehrsunfällen, klagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und geht dafür mit seinen Kollegen hart ins Gericht (siehe S. 34). Im Februar verpflanzten Chirurgen Organe von einer toten Tollwutkranken; einige Transplantatempfänger starben. Bis vor kurzem verschrieben Ärzte Frauen in den Wechseljahren Hormone, die Brustkrebs verursachen können. Sie verordneten den Cholesterinsenker Lipobay, der mitunter Muskeln auflöst. Und sie empfahlen das Schmerzmittel Vioxx, das manch einen tödlichen Herzinfarkt bescherte. Zwar standen die Pharmafirmen für viele dieser Zwischenfälle am Pranger, beklagt wurde aber auch die unkritische Verschreibungspraxis der Mediziner.

Neben den spektakulären Fällen, die an die Öffentlichkeit gelangen, kann fast jeder einen Verwandten, Freund oder Nachbarn nennen, bei dem etwas schief gelaufen ist: Ein verlorenes OP-Tuch schwärte lange im Bauchraum; die Betäubung wirkte nicht; Ärzte verschleppten die richtige Diagnose.

Das Vertrauen in die medizinische Kunst lässt nach. Immer mehr Betroffene und Angehörige setzen den Rechtsanwalt in Marsch. Im Jahr 1981 wurden nur 2258 Anträge bei den ärztlichen Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen in Deutschland gestellt, im Jahr 2002 waren es schon 10887. Tendenz weiter steigend.

Die Streitlust ist allerdings kein sicheres Indiz dafür, dass in den Krankenhäusern und Praxen neuerdings sorglos drauflosgepfuscht wird. Günther Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer und seit zehn Jahren für die Patientensicherheit aktiv, macht drei Trends verantwortlich: den medizinischen Fortschritt, die alternde Gesellschaft und den Sparzwang. Die Ärzte wagen therapeutisch heute mehr, was häufiger zu Komplikationen führt. Die Menschen werden immer älter, tragen dadurch ein höheres Behandlungsrisiko, und als aufgeklärte Patienten sind sie anspruchsvoller denn je. Gleichzeitig steigt der Effizienz- und Kostendruck im Gesundheitswesen, und wie überall, wo rabiat gespart würde, sagt Jonitz, komme es häufiger zu Fehlern.

Kunstfehlerprozesse gab es auch früher. Der Hamburger Orthopäde Rupprecht Bernbeck produzierte im Krankenhaus Barmbek bis 1982 serienweise grobe Schnitzer, die Patienten schwer behindert zurückließen. Vor zwei Jahren wurde der Fall des Freiburger Unfallchirurgen Hans Peter Friedl vor Gericht verhandelt. Er hatte unter anderem ein OP-Tuch in der Bauchhöhle vergessen und bei einer Schulter-OP eine Bohrerspitze abgebrochen.

Meist aber dauerte es Jahre, bis das Ausmaß einer Tragödie offenbar wurde. Und die Ärzte konnten mit milden Urteilen rechnen. Bernbecks Treiben wurde erst zwei Jahre nach seiner Pensionierung ruchbar. Inzwischen ist der Ton schärfer, die Medien verfolgen Pannen unnachgiebig, die gerichtlich zugestandenen Schadenssummen steigen. Zahlten Versicherungen bis Ende der achtziger Jahre etwa eine Million Mark für einen schweren Geburtsschaden, kann die Summe heute im Einzelfall auf drei Millionen Euro hochschnellen. Die Deckungssumme, die die Winterthur-Versicherung lange Zeit in der Arzthaftpflicht vorsah, wurde mit Einführung des Euro von maximal drei Millionen Mark auf fünf Millionen Euro hochgesetzt.