Wer war Harald Juhnke? Ein Schauspieler, der als Säufer brillierte, oder ein Säufer, der als Schauspieler triumphierte? Ein schlechter Sänger, der Frank Sinatra bewunderte, oder ein guter Sänger, der ihn schlecht imitierte? Ein Hochstapler oder ein Stehaufmännchen, das schließlich für immer umfiel und die letzten Jahre seines Lebens in der Heilanstalt verdämmerte? Juhnkes zweite Frau soll gesagt haben: "Ich weiß nicht genau, ob er überhaupt weiß, wer er eigentlich ist. Er spielt immer eine Rolle."

Das war aber nicht die wechselnde Rolle, die er als Schauspieler in ungezählten Filmen oder Bühnenproduktionen einnahm. Die Rolle, in der Harald Juhnke sich schließlich selbst abhanden kam, war Harald Juhnke. Er selbst hat sich nicht anders als in der Tautologie beschreiben können. Als ein Arzt ihm sagte, die Medizin könne ihn von der Sucht nicht heilen, den Krieg gegen den Alkohol müsse er selbst gewinnen, antwortete Juhnke: "Der Juhnke gewinnt den Krieg, sonst wäre er nicht der Juhnke."

Nun hat er den Krieg doch verloren und ist an seiner Sucht gestorben. Aber er hat ihn erst mit 75 Jahren verloren, also in einem Alter, in dem auch für nüchternere Zeitgenossen absehbar ist, dass der Tod nicht zu besiegen ist. Und schon gar nicht hat er die Liebe seines Publikums verloren. Wenn der Begriff des Stars Sinn hat, dann war Juhnke ein Star, unabhängig davon, ob er auf der Bühne stand oder in Alkoholexzessen verdämmerte. Harald Juhnke war auch als Trinker ein Star. Mit seinen Abstürzen und grandios inszenierten Neuanfängen litt und triumphierte über Jahrzehnte das deutsche Publikum, er war der stellvertretende Trinker der Nation.

Juhnke war groß, weil er klein und schwach war und sich in ihm jeder wiederfinden konnte. Den Hauptmann von Köpenick haben vielleicht andere brillanter gegeben, aber niemals war die Rührung größer als bei Juhnkes spätem Rollendebüt 1997 im Berliner Gorki-Theater, mit dem er nach fast fünfzig Jahren an die Bühne seiner Anfänge zurückkehrte. Der arbeitslose Schuster in der gestohlenen Offiziersuniform – das war nichts anderes als der Säufer Juhnke im Smoking auf einer Fernsehgala. Juhnke, der "blaue Bengel", war längst selbst zum Inbegriff des aus der Not geborenen Hochstaplers geworden.

Diesem Rollenbild haben fraglos die Medien vorgearbeitet, die Privatleben und öffentliche Auftritte, Alkohol und Kunst zum unentwirrbaren Geflecht verknotet hatten. Aber die Fäden zu diesem Stoff haben sie nicht erfunden. Unvergesslich der Auftritt Juhnkes in einer jener Fernsehshows, die mit versteckter Kamera prominente Opfer in peinlichen Situationen beobachten. Ein Stehgeiger sollte die Gäste in einem Restaurant beim Essen stören und sich weder durch Geld noch gute Worte vertreiben lassen. Die meisten Opfer, denen der Musiker in die Ohren spielte, bekamen schließlich einen Wutanfall, worauf sich der Geiger trollte. Nicht so Juhnke. Er versuchte es zunächst mit Haltung, zunehmend liebenswürdigen Schmeicheleien, angedeutetem Desinteresse, schließlich immer größeren Geldscheinen. Dem Geiger etwas Böses zu sagen brachte er nicht übers Herz.

Die Szene musste schließlich abgebrochen werden; sonst wäre Juhnke wahrscheinlich bis zu seinem Tode dort sitzen geblieben, wenn nicht der Geiger seinerseits aus Erschöpfung… Was für jedermann mit einem Zorneswort zu lösen wäre, das war für Juhnke eine Falle, vielleicht nicht unähnlich jener Lebensfalle, in der ihn die Öffentlichkeit über Jahrzehnte zappeln sah.

Ein Mensch, der zur geselligen Oberfläche geworden ist

Der Anstand, die Feinfühligkeit und die Willensschwäche, die der Szene ihre Fatalität gaben, sind Charakterzüge, die den Weg in den Alkohol erleichtern. Etwas ergreifend Lebens-untüchtiges, etwas Altmodisches, aber auch großartig Stolzes lagen in der Haltung Juhnkes. Er hat sie niemals aufgegeben; jedenfalls nicht, ehe der Alkohol die endgültige Regie übernahm. Es ist die Haltung eines Edelmanns aus dem Volke.