Wer von uns jungen – inzwischen alten – Journalisten in Rom hätte einst gedacht, dass ein Papst je mit sich reden, ja plaudern ließe? Und wer wäre 1978 überhaupt auf den Gedanken gekommen, dass ein Pontifex aus Polen stammen würde? Der Wiener Kardinal Franz König verriet mir Jahre später, dass er vor der damaligen Konklave zum Warschauer Kardinal-Primas Stefan Wyszyºski sagte: "Wählen wir doch einen Polen!" – "Ach", rief Wyszyºski, der streitbare Kirchenfürst, "das würde die Kommunisten sehr freuen, wenn ich im Vatikan verschwände!" Als ihm König daraufhin entgegnete, dass er eigentlich nicht ihn, sondern den Krakauer Erzbischof Karol Wojty¬a meine, kam die Antwort: "Aber den kennt doch niemand!"

Bald aber kannte ihn die ganze Welt. Schon als ich 1979 Johannes Paul II. beim ersten seiner acht Polen-Besuche begleitete, hörte ich auf der Pressetribüne eine leise Stimme: "Von diesem Augenblick an wird hier nichts mehr so sein, wie es war!" Der das flüsterte, war damals noch Chefredakteur der Wochenzeitung Polityka und hieß Mieczys¬aw Rakowski. Er erwies sich als Prophet. Der Papstreise folgten 1980 die Streiks der Danziger Werftarbeiter und die Gründung der freien Gewerkschaft Solidarno™ƒ. Polen wurde zum Vorreiter der Wende von 1989 – und Rakowski am Ende der letzte kommunistische Parteichef in Warschau.

Doch nicht nur den politischen, auch den protokollarischen "Eisernen Vorhang" durchbrach dieser Papst. Seinen Vorgänger Paul VI. durften wir Journalisten im Flugzeug nicht ansprechen. Johannes PaulII. aber plauderte mit uns, manchmal eine Stunde lang, und schaute unbekümmert vorbei an den Mikrofonen, die auf ihn zielten. Einmal, auf dem Flug nach Irland, fragte ihn ein deutscher Kollege, ob diese Reise "dem Ökumenismus nützt". Johannes Paul II. hob die Hände und rief verwundert auf Deutsch: "Mein Gott! Ich bin doch kein Ideologe, ich bin doch der Papst!" Durch den Fluglärm hatte er "Kommunismus" statt "Ökumenismus" verstanden.

In den ersten Reisejahren kam es zu peinlichen Szenen, wenn rüde Reporter schreiend ihre Ellbogen und Kameras wie Brecheisen benutzten, um dem Papst beim Gang durch das Flugzeug nahe zu bleiben. "Mit all diesen verrückten Journalisten – wie kann man sich da schonen?", sagte er, milde lächelnd. Immer mehr erlebte ich ihn als leutseligen Heiligen Vater, der – auch wenn seine Redetexte oft dogmatisch waren – nicht als monarchischer Würdenträger, sondern als Mensch auftrat. So rief er, als er bei einem Flug, gestützt auf meine Rückenlehne, über schneebedeckte Berge blickte, spontan und auch etwas melancholisch: "Das wären Pisten zum Skifahren!" Auch sein Entspannungsbedürfnis nach strapaziösen Reisen verbarg er schon als "junger" Papst nicht: Auf dem Rückflug von Mexiko 1979 hörte ich, wie er beim Frühstück eine Stewardess mit der Bitte um Wodka mit ein bisschen Pfeffer überraschte: "Das hilft, wenn Sie sehr erschöpft sind, liebes Fräulein", sagte er und fügte hinzu: "Natürlich nur ein ganz kleines Gläschen!"

Immer wieder gab er bei seinem rastlosen Reisen und Reden zu verstehen, dass er am liebsten alles Papier hinter sich lassen und nur aus dem Herzen sprechen würde. Da er weder ein Reformer noch ein Fundamentalist sein wollte, verstand er die ökumenische Annäherung an andere christliche Konfessionen nicht so sehr als theologische Aufgabe, sondern vertraute auf eine Art mystische Zeichensetzung. Das wurde besonders offenbar, wenn er als erster Papst eine Synagoge, eine Moschee, eine protestantische oder orthodoxe Kirche betrat und Würdenträger aller Bekenntnisse umarmte. Zu seiner Lieblingslektüre gehörte deshalb das Werk des evangelischen Theologen Oscar Cullmann, der "alle Kirchen, so wie sie sind" vereinen wollte. Also auch einen Papst mit all seinen amtlichen Ansprüchen?

"Die Frage ist nicht, ob und wie – mein Vorgänger Paul VI. hat einmal gesagt: Das größte Hindernis bin ich…" So antwortete Johannes Paul II. wieder etwas melancholisch, als ich ihn 1987 auf Cullmanns Buch Einheit in der Vielfalt ansprach, das er im Flugzeug las. Das persönliche Amtsverständnis blieb stets ein Problem des Papstes, der lieber fromm die Augen schloss, als sich in die Akten von neun Kongregationen und zwölf Räten zu vertiefen – der lieber meditierte als regierte. Ebendas – Stärke und Schwäche zugleich in diesem Pontifikat – führte zu jener viel beredeten Krise der römischen Kirche, die ich freilich nur relativiert erkennen kann.

Wer in der weiten Welt wusste vor dem Medien-Zeitalter überhaupt, wie der Papst aussieht und was er lehrt? Und doch war jeder der Millionen Katholiken stets auf seine Weise gläubig – auch im nahen Umfeld Roms. Dort lernte ich, warum südlich der Alpen kein Reformator je eine Chance hatte: weil diese menschliche, nicht immer heilige Kirche so oder so, mit oder ohne Reformen, zu überleben verstand. Ganz besonders galt das einem politischen Papst, von dem mir ein Schlüsselerlebnis im Gedächtnis bleibt: In einem südamerikanischen Land, wo Johannes Paul II. von Hunderttausenden umjubelt wurde, musste sich ein Bischof schon vor der großen Feier von ihm verabschieden. Ich frage ihn, warum er es so eilig habe. Er müsse, verriet er, dringend in den Hochland-Urwald, um einen Indianer-Häuptling "mit der dritten Frau kirchlich zu trauen". War der schon zweimal zum Witwer geworden? Nein, sagte der Bischof, ein Häuptling müsse seit Jahrhunderten stets drei Frauen haben bei diesen Indianern, den "frömmsten meines Bistums". Deshalb könne er ihnen diese Trauung auch nicht verweigern. Mit vatikanischer Genehmigung? Der Bischof lächelte: "Ach, Rom ist weit weg, und unser Heiliger Vater hat ein so gutes Herz…"

Zum Thema:
Anteil der Katholiken in der Weltbevölkerung (pdf, ZEIT-Grafik)