Am 16. April 1945 um 5 Uhr früh bebt in Eberswalde die Erde. Ein gewaltiges Donnergrollen von der Oder her reißt die 37.000 Bewohner aus dem Schlaf. Den Menschen in dem Städtchen 50 Kilometer nördlich von Berlin wird sofort klar, was die Stunde geschlagen hat. Seit Wochen wissen sie, dass die Russen an der Oder aufmarschiert sind. Sie wissen, dass jetzt die Offensive der Roten Armee begonnen hat, die letzte große Schlacht, die Schlacht um die Reichshauptstadt.

Das Feuer, das die Artillerie der 1.Weißrussischen Front unter Sowjetmarschall Georgij Schukow und, weiter südlich, der 1. Ukrainischen Front unter Marschall Iwan Konjew an diesem frühen Aprilmorgen entfesselt, ist ohne Beispiel in der Militärgeschichte. Schukows Heeresgruppe allein stehen 14.600 Geschütze mit 7 Millionen Granaten, dazu 57 Divisionen, 3.155 Panzer und 1.530 Raketenwerfer, die gefürchteten "Stalinorgeln", zur Verfügung. Tausende Kanonen aller Kaliber beschießen in dieser Stunde gleichzeitig die deutschen Verteidigungslinien. Die Erschütterungen sind so groß, dass selbst in den östlichen Vororten von Berlin Telefonhörer aus den Gabeln rutschen, Bilder von der Wand fallen. Nach der halbstündigen Kanonade greifen über 700 sowjetische Bomber Städte und Dörfer westlich der Oder an. Eine wahre Feuerwalze soll den Weg nach Berlin ebnen.

Diese allerletzte Etappe des Zweiten Weltkriegs in Europa ist die blutigste überhaupt. Als über Sieg und Niederlage längst entschieden ist, erreicht der Krieg seinen mörderischen Zenit. Inden letzten beiden Wochen, vom Beginn der sowjetischen Offensive am 16. April bis zum 2. Mai 1945, dem Tag, an dem Berlin kapituliert, sterben noch Hunderttausende, Soldaten wie Zivilisten. Allein in der Schlacht um die Seelower Höhen am 16. und 17. April fallen 12.000 deutsche und 33.000 sowjetische Soldaten. Danach verliert die 9. Armee der Wehrmacht in sechs Tagen schweren Abwehrkampfes südlich von Berlin rund 80.000 Mann.

In Eberswalde indes fällt in diesen ersten Stunden der sowjetischen Offensive kein einziger Schuss, keine einzige Bombe. Nachdem das Schlachtengetöse im Oderbruch verstummt ist, beginnt ein fast normaler Tag. Die Busse fahren pünktlich. In den Rüstungsbetrieben rund um die Stadt läuft die Produktion weiter; Zwangsarbeiter aus Belgien, Frankreich, Polen und Holland schuften hier wie jeden Tag um ihr Leben. Die Geschäfte sind geöffnet. Drei Kinos zeigen Wochenschau und Ufa-Filme. Der Märkische Stadt- und Landbote meldet Erfolge im heroischen Abwehrkampf deutscher Verbände gegen die "bolschewistischen Horden".

In den meisten Schulen der Stadt sind Lazaretts eingerichtet worden. Anfang März wird Eberswalde zum "Brückenkopf" erklärt und erhält damit quasi Festungsstatus. Frauen, Jugendliche, selbst Kinder werden "dienstverpflichtet", hinzu kommen Häftlinge, Frauen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück. Sie alle müssen Panzersperren errichten und Schützengräben ausheben.

Weiterhin herrscht relative Ruhe. Hin und wieder ist Geschützdonner zu hören, von Zeit zu Zeit sind Tiefflieger zu beobachten, deutsche und sowjetische. Im Süden von Eberswalde erobern Schukows Einheiten das Oderbruch, schließlich unter dramatischen Verlusten die Seelower Höhen. Sie stoßen bis Wriezen, Strausberg und Müncheberg vor. Nördlich von Eberswalde stehen noch deutsche Truppen. Die Stadt liegt – glücklicherweise – in einem toten Winkel der Fronten.

Am 19. April, drei Tage nach Beginn der sowjetischen Offensive und am Vorabend von Hitlers 56. Geburtstag, ist der 12-jährige Gymnasiast Siegfried Ploschenz mit dem Fähnlein 3 des Deutschen Jungvolks auf einem Sportplatz zum Appell angetreten. Markige Worte vom nahen Endsieg, Beförderungen zu Hitlers Geburtstag. Plötzlich ertönt das Kommando "Fliegeralarm". "Da lagen alle Pimpfe schnell am Boden, im nahen Wald oder in den vielen Gräben, die die Gegend um die Stadt durchzogen", erinnert sich Ploschenz, heute ein pensionierter Lehrer. "In Sichtweite spielte sich ein Luftkampf zwischen drei oder vier russischen und deutschen Flugzeugen ab, Sowjetjäger gegen Messerschmitt."

Der Flugplatz in Finow, nur wenige Kilometer westlich von Eberswalde entfernt, ist noch in deutscher Hand. Er dient als technische Basis für das Luftwaffen-Kampfgeschwader KG200, das in den letzten Kriegsmonaten spezielle Aufträge zu erfüllen hat, zum Beispiel die Zerstörung aller Oderbrücken und Eisenbahnknotenpunkte. Wie von vielen anderen Fliegerhorsten in der Region startet die Luftwaffe trotz akuten Treibstoffmangels von hier aus noch täglich zu Einsätzen.