Ondárroa, Getxo

Sonntagmorgen in Hernani, einem Dorf südlich von San Sebastián: Mitglieder einer Spezialeinheit der Polizei, alle mit Gesichtsmaske, stürmen eine Wohnung der Eta. Wieder finden die Beamten alles, was ein Terrorist für sein Mordhandwerk braucht: Sprengstoff (50 Kilo), Zündschnüre (42 Meter), elektronische Zündvorrichtungen (14 Stück), Maschinenpistolen (zwei).

Erfolgsmeldungen wie diese mehren sich. Verhaftungen von Eta-Kommandos, die Aushebung konspirativer Wohnungen, Entdeckung von Waffenlagern: Die spanischen Sicherheitskräfte schneiden tiefer hinein ins baskische Terrornetz. Sie wissen heute offenkundig mehr als je zuvor über das Innenleben dieser Organisation, die sich zur Zeit Francos unter dem Namen Baskenland und Freiheit (baskische Abkürzung: Eta) gegründet hatte. An die 850 Menschen sind der Eta seit dem ersten Mordanschlag im Jahr 1968 zum Opfer gefallen, mehr als tausend wurden verletzt.

Selbst Sozialisten räumen ein: Noch nie war die Eta so sehr in Bedrängnis, das hat erst die konservative Regierung des früheren Ministerpräsidenten José María Aznar geschafft. Jetzt allerdings käme es darauf an, das zu tun, wozu der Polarisierer Aznar nicht imstande war, nämlich die Polizeierfolge mit einer vernünftigen, auf Aussöhnung gerichteten politischen Strategie zu ergänzen.

Ob die Basken dazu bereit sind, werden sie am Sonntag in der Wahl zu ihrem Landesparlament zeigen. Bestätigen oder bremsen sie den zunehmend separatistischen Kurs der Nationalen Baskenpartei (PNV)?  Sie regiert derzeit mit dem ebenso populistischen wie opportunistischen Juan José Ibarretxe - er ist der Chef einer Dreiparteienkoalition. Die Alternative, ein Bündnis der in Madrid völlig zerstrittenen Sozialisten und der Volkspartei (PP), ist wenig wahrscheinlich. Doch schon ein Zugewinn gäbe den Separatisten einen Dämpfer.

Entscheidend aber wird sein, wie die Extremisten abschneiden. Seit zwei Jahren ist die Eta-nahe Herri Batasuna, die zwischendurch auch anders hieß, verboten. Mit allen Tricks hat sie versucht, für den 17. April zu kandidieren - vergebens. Die Verbindungen der Batasuna-Führung zur Eta waren zu deutlich. Das klarste Indiz: ihre Weigerung, den Terrorismus der Eta zu verurteilen. Nun haben die Extremisten in letzter Minute unter dem Dach der linksradikalen Liste Kommunisten der baskischen Länder Unterschlupf gefunden. Für ein paar Sitze (auf Kosten der PNV) könnte das gut sein. In den ländlichen Hochburgen von Eta und Batasuna wird im Befehlston für sie geworben.

Doch könnte eine politische Offensive überhaupt die Extremisten erreichen? In den Tagen vor der Wahl blickte Spanien aufmerksam auf Irland, auf Gerry Adams’ Appell an die IRA, die Waffen niederzulegen. Die Batasuna-Führer wurden aufgefordert, Gleiches von der Eta zu verlangen. Aber Spanien ist anders: Die Chefs der Batasuna geben den Gewaltkadern keine Befehle. Kenner des Eta-Komplexes sagen, das Sagen hätten allein die Etarras selbst, ob sie im Untergrund agieren, auf der Flucht sind oder in Zellen sitzen. Ortegi, der großsprecherische Batasuna-Chef, sei in Wahrheit ein kleiner Fisch. Kein baskischer Gerry Adams.

So kann es lange dauern, bis das Land zur Ruhe kommt – erst recht, wenn jüngste Umfragen Recht behalten und die von der PNV angeführte Koalition eine absolute Mehrheit erhält. All jenen, die sich offen gegen den baskischen Separatismus wenden, droht weiterhin Gefahr. Mag der Eta das Reservoir an erprobten Terroristen für spektakuläre Aktionen knapp werden - der Vorrat an fanatischem Nachwuchs, an Munition für Genickschüsse und Sprengstoff für Autobomben reicht allemal.

Mehr als zweitausend Menschen leben zurzeit unter Polizeischutz, Beamte, Universitätsprofessoren, Gewerkschafter, Lokalpolitiker aus den so genannten spanischen Parteien (Sozialisten und Volkspartei), Journalisten. Das freie Wort kann im Baskenland, einer wirtschaftlich blühenden Provinz des demokratischen EU-Mitglieds Spanien, lebensgefährlich sein.

Angst ist die schärfste Waffe der baskischen Terroristen in ihrem Kampf für ein "Großbaskenland", das die baskischen Provinzen in Südfrankreich und die (zur Hälfte von Basken bewohnten) spanische Provinz Navarra einschließen soll. Der nationale Traum des baskischen Sinnstifters Sabino Arana im 19. Jahrhundert hat inzwischen wahnhafte Züge angenommen: eine Utopie, die die Rückkehr in eine autoritäre, womöglich totalitäre Vormoderne verlangt. Dazu gehört der Mythos vom jahrhundertelangen, blutigen Freiheitskampf der Basken gegen alle Welt, die Römer, die Vandalen, die Goten, die Mauren und vor allem und immer wieder die Spanier.

Fast alles Legende, amüsiert sich Joseba Arregi, Sozialwissenschaftler und Historiker an der Universität Bilbao. Früher war er selbst eine führende Figur in der PNV, Kulturminister und Regierungssprecher, ehe er, wie seine Freunde sagen würden, zur Vernunft kam. Heute tritt er öffentlich gegen den Nationalismus auf, hat eine Bürgerinitiative für den "Wechsel im Baskenland" gegründet. Über die Heldenlegenden der Nationalisten sagt er, die Basken hätten immer auf beiden Seiten gekämpft, ihre "Freiheitskriege" seien in Wahrheit Bürgerkriege gewesen. Und die Eta, die Ende der fünfziger Jahre antrat, den Kampf gegen die Franco-Diktatur aufzunehmen, sei mit dem Segen militanter Jesuiten und einem verschwurbelten marxistisch-leninistischen Programm gegründet worden, sagt Arregi, der selbst einmal in Münster Theologie studiert hat: Ein Bündnis zum Kampf für die Demokratie konnte daraus nicht werden.

Den Nationalisten vom PNV wirft Arregi heute vor, sie seien, statt sich klar vom Terror zu distanzieren, mit einer Light-Version der kruden und krausen Thesen der Extremisten auf Stimmenfang gegangen. Lautstark vertraten sie die (wissenschaftlich unhaltbare, um nicht zu sagen: rassistische) Theorie der genetischen Besonderheit der Basken und ihrer Ursprache. Von Herri Batasuna, dem politischen Arm der Eta, ließen sie sich gängeln, und gegen die alltägliche Gewalt wagten sie allenfalls leise zu protestieren. Der Zweck dieser opportunistischen Strategie – die Madrider Volksparteien dauerhaft von der Macht in den drei baskischen Provinzen fern zu halten – wurde jedenfalls voll erreicht. Wenn auch um den Preis der Kollaboration mit dem Terror. Diese Allianz im Schatten der Gewalt ließ ein System von Loyalitäten und Gegenseitigkeiten entstehen – einen baskischen Filz –, der der Region sogar eine gewisse Stabilität verlieh.

Arregi, der Intellektuelle, umgeben von Bücherstapeln in seiner eleganten Stadtwohnung, sieht auch das Absurde an dieser tragischen Verstrickung. Man könnte lachen, ja. "Wenn wir nicht die vielen Toten hätten", fügt er hinzu. Und wenn die Angst nicht wäre. Auch Arregi steht längst auf der schwarzen Liste der Eta. Das bedeutet Personenschutz, rund um die Uhr.

Und wo leben die, von denen die Angst ausgeht? Besuch in Ondárroa, einem Fischerdorf an der kantabrischen Küste, auf halbem Weg zwischen San Sebastián und Bilbao. Hier produziert das Unternehmen Ortiz Thunfischkonserven, die mit spanischer Aufschrift in die ganze Welt exportiert werden.

Sonst aber ist Ondárroa alles andere als spanisch. Ondárroa ist so baskisch, wie’s nur geht. Von den zwei Millionen Bewohnern der Baskenprovinzen sprechen weniger als zehn Prozent im Alltag Baskisch (nur etwa 25 Prozent, so schätzt man, haben passive Kenntnisse). Hier aber, am Sonntagnachmittag in den Kneipen am Hafen, ist das Verhältnis in etwa umgekehrt. Das Dorf, so schrieb neulich eine spanische Zeitung, sei ein Eckpfeiler für den "Aufbau der baskischen Nation". Einige gehen weiter: Es sei eine Brutstätte der Eta.

Vielleicht ist das übertrieben. Jedenfalls wirkt Ondárroa feindselig auf jeden, der nicht dazugehört: Die Hauswände sind eine einzige Fläche für Plakate und Graffiti von Batasuna. Sie fordern "Kampf gegen den Faschismus" (lies: Madrid) und Stimmenabgabe für die neue kommunistische Liste am 17. April. Vor allem aber geht es um die Zusammenlegung der Eta-Gefangenen: Sie sollen aus den Gefängnissen in allen Teilen Spaniens ins Baskenland heimgebracht werden. Ein Solidarisierungsthema, gerade in Ondárroa. Aus dem Ort kommen 14 Häftlinge, darunter ein besonders berüchtigter Gewalttäter, der hier ein Lokalheld ist.

Ganz anders  - aber nicht weniger bedrohlich - ist es in Getxo, der wohlhabenden Vorstadt im Westen von Bilbao, einer großen Gemeinde mit schmucken Häusern, in denen man Besserverdienende vermuten darf, sofern sie nicht schon nach Madrid gezogen sind, um "Revolutionssteuer" zu sparen. Die, die geblieben sind, zahlen, zähneknirschend. Aber die Angst bleibt: Hier hat es besonders viele Anschläge gegeben.

In Getxo lebt die sozialistische Universitätsprofessorin Gotzone Mora mit ihrer Familie. Sie ist Mitglied des Gemeinderats und dort in der Opposition, ein undankbarer Job. Mora ist eine streitbare Person Anfang 50 und weit über die Grenzen ihrer Gemeinde bekannt. Nicht zuletzt, weil sie als Politikwissenschaftlerin an der baskischen Universität in erbitterte Kämpfe mit radikalen Kollegen verwickelt war.

Kämpfe? Das Wort Krieg träfe es eher. Auch die Professorin Mora hat Personenschutz. Und sie fragt sich am Ende eines langen Gesprächs, wie lange sie dieses Leben noch führen kann. Das Mobbing an der Uni. Die Feindseligkeit im Gemeinderat. Die ständige Vorsicht, wenn man aus dem Haus geht. Sie weiß, dass sie auf der Hass-Liste der Eta ganz oben steht. In Papieren, die jüngst in Eta-Wohnungen beschlagnahmt wurden, fanden sich Fotos der Polizeiautos, in denen sie gefahren wird, Namenslisten ihrer Sicherheitsbeamten, Karten der täglichen Fahrroute zur Universität.

Die Regierung hat ihr angeboten, sie könne in einer anderen spanischen Universität lehren, außerhalb des Baskenlandes. In Frankreich. In Amerika. Aber sie will bleiben. Vielleicht gegen jede Vernunft. Dass sie geht, diesen Triumph will sie der Eta nicht gönnen.

Gotzone Mora ist eine tapfere Frau. Man merkt ihr an, wie der Alltag im Baskenland diejenigen Menschen, die sich dem Druck nicht unterwerfen, allmählich kaputtmacht. Und wie viel Kraft sie brauchen, die Hoffnung auf den Erfolg neuer politischer Strategien nicht zu verlieren.