Als John F. Kennedy erschossen wurde, war ich noch klein, aber ich erinnere mich an die Bestürzung meiner Eltern. Die Welt hatte Abgründe, die ich nicht kannte. Beim Begräbnis von Lady Di machte ich Urlaub in einem Hotel auf einer winzigen Insel im Indischen Ozean, unter Briten, die vor dem Fernseher schluchzten, während ich ihre Gurkensandwiches aufaß. Das lange Sterben des Papstes verfolgte ich gleichsam aus den Augenwinkeln. Ich war mit anderen Dingen beschäftigt, aber der tapfer ertragene körperliche Verfall des Mannes rührte mich. Ich empfand auch nicht als unwürdig, dass er sich dabei zeigte. So ist das, wenn einer stirbt, und es ist das Recht des Pontifex vorzuführen, dass das Amt größer ist als der Mensch, der es innehat.

Interessanterweise fühlten sich weder die Älteren noch die ganz Jungen von der Zurschaustellung dieses Todes belästigt. Es waren eher die Dreißig- bis Vierzigjährigen, die ahnen, dass es Zeit wird, sich mit der eigenen Sterblichkeit zu befreunden. Manchmal zeigt sich eben der Tod, und sobald sie einen Angehörigen beim Sterben begleiten, werden sie anders darüber denken. Leicht, das österliche Röcheln des Papstes als Propaganda abzutun, aber genauso einfach ist es, sich von der eigenen Begeisterung forttragen zu lassen und nun einen Heiligen in ihm zu sehen. Denn hat es wirklich mit Glauben, mit Spiritualität zu tun, wenn man Johannes Paul II. zu einem Mann verklärt, der gegen all das steht, was einen in der heutigen Welt stört oder ängstigt? Macht man ihn damit in Wahrheit nicht klein und weltlich?

Die Sicherheit im Glauben ist nämlich von anderer Art als die Überzeugung, Globalisierung sei schlimm und vieles laufe schief in der Welt. "Man hat gern Gewissheit, man möchte gern, dass der Papst in Glaubenssachen unfehlbar sei und dass die ehrwürdigen Doktoren es in Sittlichkeitsfragen seien, damit man seine Sicherheit hat", schrieb Blaise Pascal. Auch das 17. Jahrhundert nahm den Papst als Figur der weltlichen Beruhigung in Beschlag, als Wahrheitsonkel und Moralopa. Den kann man auch gut finden, wenn einem das Christliche ansonsten zu anstrengend ist.

Jemand wie ich, der zwar gelernter Katholik ist, sich heute aber eher als einen liberalen Ironiker bezeichnen würde, schreckt daher auch nicht so sehr bei der öffentlichen Wallung der Gefühle auf, sondern durch die Bewegung, die der Papst in meinem Inneren auslöste. Wäre es möglich, dass da noch etwas auf mich wartet, jenseits der überschaubaren Ordnung der Dinge, in der ich mich eingerichtet habe? Und was könnte das sein, etwas Gutes oder doch etwas Ungutes? Meine Illusion der Beruhigung im Sinne Pascals besteht in der Überzeugung, dass wir bei der Lösung unserer Probleme nicht notwendigerweise auf die Empfehlungen einer Religion Rücksicht nehmen müssen – es aus historischen Erfahrungen vielleicht auch gar nicht tun sollten. Davon unberührt bleibt der Satz, dass jeder nach seiner Façon selig werden kann.

Unsere Kultur hat bisher treuherzig zwischen der weltlichen, neutralen Politik und der persönlichen Freiheit zur Ausübung jedweder Religion unterschieden. Das ist klug, so zu trennen, solange die Religion privat bleibt und nicht auf die Sphäre der öffentlichen Dinge übergreift. Aber leider tut sie das seit einiger Zeit, massiv und unbekümmert, nicht nur in den islamischen Ländern, sondern auch im Westen. Da passiert im Namen des Glaubens vieles, das wir nicht wollen und unter dem klassischen Begriff des "Fanatismus" fassen. Es reicht vom Krieg, der mit fadenscheinigen Glaubensinhalten angeschoben wird, bis hin zum Mord an der Schwester, nur weil die den von der Familie ausgesuchten Bräutigam verschmäht. Der Staat soll den Fanatismus verbieten, aber er darf mit seinen Gesetzen nicht persönliche Überzeugungen regeln. Soll er die Religion ganz aus der Öffentlichkeit verbannen, nur weil mit dem Glauben schlimme Dinge gerechtfertigt werden? Was ist dann mit den USA, wo konservative Evangelikale längst die Politik gekapert haben? Sind die USA deswegen eine fanatische Nation?

Falls Johannes Paul II. ein Heiliger sein soll, dann ist er weltlich, denn der Heilige ist eine öffentliche Figur. Es stellt sich die Frage, ob sein Talent zur medialen Selbstinszenierung und sein Konservatismus in Fragen der Dogmatik dem Fanatismus – also dem Machtanspruch des Religiösen in der Öffentlichkeit – Anknüpfungspunkte eröffnet haben. Dass sich so viele Menschen mit ihm identifizieren, liegt auch daran, dass die katholische Kirche heute als die einzige "saubere" globale Institution da steht. Johannes Paul II. hat geschickt ein Bild der Kirche als eine über allem stehende, universelle Instanz entworfen, mit der Lizenz zum letztgültigen moralischen Urteil, ganz frei von Verwicklungen in politische Interessen. Aber darin besteht wohl die Beruhigungsillusion der jungen Leute. Bei genauerem Hinsehen ist die Kirche nämlich tief in politische Netze verstrickt und nimmt ihre Interessen wahr. Der verstorbene Papst hat beim Kampf gegen den Kommunismus kräftig mitgemischt, und man wird das nicht Fanatismus nennen. Die befreiungstheologisch inspirierte Kirche in Lateinamerika pfiff er zurück, aber US-Bischöfe, die zur Wahl Bushs aufriefen, weil sie dessen Position in der Abtreibungsfrage näher standen, ließ er gewähren.

Heute Papst, morgen Dalai Lama – mit Glauben hat das nichts zu tun

Ein Vexierbild – die bedingungslose Bejahung ist eine ebenso simple Lösung wie die Verneinung. Ich frage mich, wie eine anspruchsvollere Lösung aussehen könnte. Wenn sich die richtige oder die falsche Haltung zum Religiösen kaum mehr ausmachen lässt, bröselt dann auch die Trennung zwischen liberalem Ironiker und potenziellem Katholiken in einem selbst? Das Gleichgewicht, das man zwischen Weltzugewandtheit und religiöser Vorprägung für sich hergestellt hat, muss ja nicht für alle Ewigkeit bestehen. "Wenn unsere Lage wirklich glücklich wäre", schreibt Pascal, "müssten wir unsere Gedanken nicht durch Zerstreuungen davon ablenken, um uns glücklich zu machen."