Joseph Ratzinger ist das neue Oberhaupt der katholischen Weltkirche. Der erste deutsche Papst seit 480 Jahren trat am Dienstag in Rom als Benedikt XVI. die Nachfolge von Johannes Paul II. an. Nach seiner Wahl im Konklave der Kardinäle zeigte sich der 78-Jährige strahlend vor mehr als 100 000 begeisterten Menschen auf dem Petersplatz und spendete ihnen den päpstlichen Segen Urbi et Orbi (der Stadt und dem Erdkreis)."Liebe Schwestern und Brüder, nach dem großartigen Papst Johannes Paul II. haben mich die Herren Kardinäle als einfachen Arbeiter im Weinberg des Herrn zum Diener der Kirche gewählt", sagte Ratzinger auf dem Balkon des Petersdoms. Er bat die Gläubigen um ihr Gebet und äußerte die Zuversicht, dass ihm Maria zur Seite stehen werde.In Deutschland löste die Wahl Ratzingers Stolz und Freude bei Kirchenführern und Politikern aus. Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach von einer "großen Ehre für Deutschland". Benedikt XVI. sei ein würdiger Nachfolger des vor 17 Tagen gestorbenen Johannes Paul. "Ich gratuliere ihm im Namen der Bundesregierung und aller Bundesbürger", sagte Schröder in Berlin. Er freue sich schon jetzt, das neue Kirchenoberhaupt beim Weltjugendtag in Köln im August willkommen zu heißen. Reformkräfte der katholischen Kirche in Deutschland und evangelische Kirchenführer äußerten Skepsis, ob es innerkirchliche Reformen und Fortschritte in der Ökumene geben werde. Nach Ansicht des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick wird Ratzinger das Erbe seines Vorgängers, Papst Johannes Paul II. aufgreifen und weiterführen. Es gebe kaum jemand, der mit dem verstorbenen Papst so vertraut war, sagte Schick der dpa. "Ich freue mich, dass er zum Papst gewählt wurde." Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, gratulierte dem neuen Papst: "Ich bin sicher, dass er den von Papst Johannes Paul II. eingeschlagenen erfolgreichen Weg der Verständigung zwischen Christen und Juden zum Wohl beider Religionen intensivieren wird", sagte Spiegel dem "Mannheimer Morgen" (Mittwochausgabe).In Lateinamerika, wo knapp die Hälfte der 1,1 Milliarden Katholiken lebt, reagierten dagegen viele enttäuscht. Mehrere lateinamerikanischen Kardinäle hatten ebenfalls als "papabile" gegolten.Die im Konklave versammelten 115 Kardinäle entschieden sich für den deutschen Kurienkardinal, der im bayerischen Marktl am Inn geboren wurde, vermutlich im vierten Wahlgang. Notwendig war eine Zweidrittelmehrheit, also mindestens 77 Stimmen. Die Entscheidung fiel nur 26 Stunden, nachdem die Papstwähler in die Sixtinische Kapelle eingezogen waren. Es war eines der kürzesten Konklaves in der Kirchengeschichte.Um 17.50 Uhr stieg zunächst grauer, dann weißer Rauch aus dem Schornstein der Kapelle - die Entscheidung war gefallen, aber zunächst unklar. Die Verwirrung wurde erst durch das Glockengeläut vom Petersdom beendet. Tausende Menschen strömten im Laufschritt zum Petersplatz, um die Worte "Habemus papam" zu hören und das Oberhaupt zu begrüßen. In den Straßen ertönte ein Hupkonzert. Der Verkehr brach streckenweise zusammen.Ratzinger hatte bis zuletzt als Favorit gegolten. Der frühere Erzbischof von München und Freising ist der 265. Papst in der Kirchengeschichte und der achte Deutsche auf dem Stuhle Petri. Ratzinger gilt wegen seiner theologischen Ansichten als konservativ, der die Linie von Johannes Paul II. fortsetzen dürfte. Viele Jahre leitete er im Vatikan die wichtige Glaubenskongregation. In der Messe vor der Eröffnung des Konklaves hatte er einer Anpassung des Glaubens an den Zeitgeist eine deutliche Absage erteilt und die "Diktatur des Relativismus" verurteilt.Der evangelische Landesbischof Ulrich Fischer sagte in Freiburg der dpa: "So glücklich sind wir über die Wahl nicht." Ratzinger habe als Leiter der Glaubenskongregation dem ökumenischen Gedanken keine Chance gegeben. Ein Papst aus Lateinamerika wäre jedoch die bessere Wahl gewesen.