Gallipoli/Westtürkei

Wo das Mittelmeer schmal wie ein Fluss wird, da öffnet sich die Türkei. Pinar Soysal steht auf dem Sonnendeck einer Fähre mitten in der Meerenge der Dardanellen. Da drüben, eine 500 Jahre alte Festung! "Sie heißt Kilitbahir – Schlüssel des Meeres", erklärt die 25-jährige Türkin. Wer diese Festung in vergangenen Jahrhunderten erobern konnte, für den lag Istanbul nur noch einen Tagesmarsch entfernt. Heute ist alles etwas undramatischer. Man verlässt einfach die Fähre und setzt seinen Turnschuh auf den zerfurchten Boden der Halbinsel Gallipoli.

Schön ist es hier, sonnig, saftig grün, die Obstblüte ist fast vorbei. "Auf diesen Hügeln fand 1915 eine der furchtbarsten Materialschlachten des Ersten Weltkriegs statt", erzählt Pinar. Winston Churchill, Erster Lord der britischen Admiralität, gedachte damals, erst die Dardanellen zu nehmen, dann Istanbul und so den Krieg gegen die Deutschen und ihre Verbündeten früh zu entscheiden. Hunderttausende Soldaten stürzten sich in die Schlacht, britische, französische, australische, neuseeländische. Das Unternehmen scheiterte nach acht Monaten qualvollen Stellungskriegs. Die Türken siegten, deutsche Generäle halfen dabei. Churchill musste seinen Hut nehmen, nicht mehr. Doch insgesamt hatte es eine halbe Million Soldaten das Leben oder die Gesundheit gekostet.

Pinar Soysal hat 2003 sechs Monate lang in London gearbeitet. "Ohne schlechte Gefühle", lacht sie und klemmt ihre schwer zu bändigenden dunklen Locken mit der rosa Sonnenbrille hinter die Ohren. Sie ist Bauingenieurin. Im zweiten Beruf führt sie Besucher von Gallipoli über die Kriegsgräber. Damit verdient sie mittlerweile mehr als mit Bauaufträgen.

Dieser April ist für die Türken der Monat der Erinnerung. Vor 90 Jahren landeten die Alliierten schwerbewehrt auf Gallipoli, vor 90 Jahren begannen jungtürkische Beamte und Militärs, Armenier zu Hunderttausenden auf Todesmärsche zu schicken, um sie schließlich in der Syrischen Wüste zu massakrieren oder im Schwarzen Meer zu ertränken. Der Unterschied zwischen beiden Ereignissen? An die gefallenen Türken, Briten, Australier gemahnen Ehrenmäler und Friedhöfe, verstreut über Gallipoli. Über den Knochen der Armenier, da steht kein Grabstein in der ganzen Türkei. Manche Türken finden das empörend und sagen dies mittlerweile auch laut. Andere wollen sich daran gar nicht erinnern, sie verweigern jede Trauer, bestreiten alles.

In den Schulbüchern der Türkei ist vom Schicksal der Armenier nichts zu lesen. An Gallipoli erinnern Lehrfibeln und Bildbände, ein brandneuer Kinofilm eines türkischen Regisseurs, Fähnchen, Fotos, Schlüsselanhänger. All das missbrauchen türkische Nationalisten als Rüstzeug. Sie wenden das Gedenken gegen die ihnen verhasste Regierung von Premier Tayyip Erdo˘gan, gegen die global vernetzten Unternehmer und Liberalen in Istanbul. "Verrat!", schreien diese Patrioten und schimpfen auf die EU, die Amerikaner, die Kurden. Der Streit um die Erinnerung wird zum Kampf um die Orientierung der Türkei: Westwärts, ostwärts oder doch besser allein gegen alle?

Pinar spricht am Mobiltelefon und füllt ihren Kalender mit Terminen auf. Von nächster Woche an werden sie kommen: Briten, Australier, Neuseeländer mit ihren Fahnen, Orden und Gebetsbüchern, aber eben auch viele Türken. "Für uns ist Gallipoli eine Sache der persönlichen Trauer und vor allem des nationalen Stolzes", sagt sie. Auf diesem Schlachtfeld ist ein Mann berühmt geworden, dessen Bild im Büro und im Wohnzimmer der jungen Türkin hängt. "Mustafa Kemal hat hier die türkische Nation geformt – er wurde zum Wunder von Gallipoli", sagt sie. Fast wäre er als Unbekannter auf dem Schlachtfeld gestorben. Seine Taschenuhr fing die Kugel auf.

Nevzat Yalçintas˛ besaß ein Haus unweit der Strände, an denen die britischen Truppen landeten. Seine Familie stammt von dort. Im vorigen Jahr ließ der Staat das Haus abreißen, weil die Gegend zum Nationalpark erklärt wurde. Das ist bemerkenswert, denn Yalçintas˛ ist Abgeordneter der Regierungspartei AKP. Er sichert in der bunten Volkspartei den rechten Rand ab und zeigt, dass islamischer Glauben und nationales Denken durchaus unter eine Schädeldecke passen. Libertärer Eigennutz ist nichts für ihn. Yalçintas˛ war für den Nationalpark, auch wenn er dafür sein Haus opfern musste. Gallipoli ist für ihn ein Symbol des "unbeugsamen türkischen Überlebenswillens". "Auch wenn das 90 Jahre her ist", warnt er mit rauer Stimme, "der Wille ist nicht erlahmt." Das will er notiert haben, jetzt, da die kurdische Terrororganisation PKK wieder türkische Soldaten überfällt, da die Kurden im Irak mit Hilfe der USA ihren Staat bauen und da im Osten der Türkei sinistre Kräfte kurdische Kinder anstiften, die türkische Flagge zu schänden. "Wir ehren unsere Flagge", sagt Yalçintas˛, "ihre rote Farbe ist den gefallenen Soldaten gewidmet, dem Blut der Märtyrer."

Gallipoli ist eine Ansammlung von durchlöcherten Hügeln – mit unterirdischen Nachschubgängen, Provianthöhlen, Schützengräben. Shrapnel Valley heißt ein Tal, in dem die Briten besonders ungastlich empfangen wurden. In einem Museum zeigt Pinar Soysal, was die Schatzsuche dort hervorgebracht hat: vermooste Granaten, Magazine, verrostete Tobakdosen und Gürtelschnallen, britische Prothesen, osmanische Ohrringe, ein Schädel mit einer Patrone in der Stirn, ein halb verbrannter Koran. Wo Restaurants an der türkischen Westküste gewöhnlich mit pseudoantiken Vasen dekoriert sind, füllen auf Gallipoli eingefettete Geschosshülsen die ästhetische Lücke.