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Hass, Begierde, Unwissenheit. Die Gebetsmühlen drehen sich, drehen sich, drehen sich, und bei jeder Umdrehung bimmelt ein Glöckchen. In einer Ecke liest ein Greis murmelnd aus einem langen, schmalen Schriftenbuch. Hass, Begierde, Unwissenheit. Süßlich-scharf riecht es nach Räucherwerk. Die Gebetsmühlen, übermannshoch und bunt bemalt, drehen sich unermüdlich. Die Glöckchen bimmeln. Hass, Begierde, Unwissenheit gilt es zu besiegen, um aus dem Kreislauf der Wiedergeburt auszutreten, und jede Umdrehung der Gebetsmühlen soll die Gläubigen ein Stück näher zu ihrem Ziel hinführen.

Man muss nicht Buddhist sein, um die Sehnsucht nach Erlösung zu verstehen. Auf Pappstücken und Jutesäcken hocken acht Greise im Gebetsmühlenbüdchen, das neben dem Tor zum Erinnerungs-Chörten von Thimpu steht. Sie hocken jeden Tag hier, drehen die Mühlen, um das Karma der Menschen zu verbessern, und leben von Spenden der Chörten-Pilger.

Heute umrunden besonders viele Pilger, abgegriffene Gebetsketten in der Hand, die große weiße Reliquien-Kapelle, die mitten in der Hauptstadt an einer belebten Kreuzung liegt. Heute ist ein besonderer Tag, der Tag der alljährlichen Jub-Chen-Feier. Bis zum Abend werden Gläubige im Garten rund um die Kapelle hocken, die 1974 zum Gedenken an den zwei Jahre zuvor verstorbenen Herrscher Jigme Dorje Wangchuck errichtet wurde; sie werden unter Zeltdächern picknicken und den nach draußen übertragenen Gebeten der Mönche lauschen, die für das Wohlergehen des Landes und aller seiner Kreaturen beten.

Und das ist nötig, denn Bhutan, das buddhistische Königreich im östlichen Himalaya, muss seinen Weg in eine Zukunft finden, in der das Bimmeln der Gebetsmühlen neben dem Geplärr von Handys und dem Klacken der Computer steht.

Hass, Begierde, Unwissenheit. Wer nach Bhutan fährt, der hofft insgeheim darauf, den vielleicht einzigen Ort auf der Welt zu finden, an dem diese drei Flüche der Menschheit nicht regieren, einen Ort der Unverdorbenheit, der überlieferten Weisheit, einen Ort vor dem Sündenfall. Denn Bhutan, das lange für die Außenwelt verschlossen war, hat den Ruf einer spirituellen Oase, in der die Menschen bis heute in Eintracht mit sich und ihrer Umwelt leben. Wer nach Bhutan fährt, der ersehnt wohl auch seine eigene Erlösung vom irdischen Ballast, selbst wenn sie nur vorübergehend sein mag. Bhutan, das ist eine Verheißung, weniger ein Staat denn ein Seelenzustand.

Wie weiße Vogelschwärme sitzen die Magnolienblüten auf den Ästen der knorrigen, noch unbelaubten Bäume, und es wirkt, als würden sie sich jeden Moment in die dunstige Luft emporschwingen, hinauf zu den schneebestäubten Siebentausendern im Norden. Sie sind die Frühlingsboten zwischen düsteren Tränenkiefern, Fichten, Eichen, Hemlocktannen und Lärchen. Immer wieder windet sich die einzige Straße, die Bhutan quer durchschneidet, östlich der Hauptstadt Thimpu aus den Bergtälern mit ihren Reis- und Weizenterrassen hoch zu Pässen, auf denen Europäern die Luft knapp wird. Auf dem schmalen Stück Asphalt, das sich zwischen schroffe Abhänge und steile, dicht bewaldete Schluchten schmiegt, können sich zwei Laster kaum aneinander vorbeizwängen. An einer Kehre mitten im Nirgendwo steht dann unverhofft eine Horde amerikanischer Hobbyornithologen, die Kameras und Ferngläser gezückt, und starrt gebannt ins Unterholz.

Bhutan bewahrt seine Natur, Vögel und andere Tierarten ebenso wie die Pflanzenvielfalt. Es gibt große Naturschutzgebiete, und mindestens zwei Drittel des Landes sollen laut Gesetz als Wald erhalten bleiben. Die Himalayagipfel dürfen seit Mitte der neunziger Jahre nicht mehr erklommen werden. Am Raubbau, den Länder wie Nepal seit langem betreiben, haben die Bhutaner gesehen, wie sie es nicht machen wollen: An die Stelle von Begierde und Unwissenheit setzen sie Umweltschutz. In dieser Hinsicht ist Druk Yul, das Land des Donnerdrachens, wie die Bhutaner ihre Heimat nennen, wirklich eine unverfälschte Idylle.

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Beim Blick über die wilde, archaische Landschaft kann man sich leicht zurückversetzen in die gar nicht so ferne Zeit, als Bhutan noch eine abgeschottete bäuerliche Feudalgesellschaft war. Erst der Schock, das nördliche Nachbarland Tibet vom Giganten China besetzt zu sehen, hatte Jigme Dorje Wangchuck 1961 veranlasst, sein Land zu öffnen und eine neuzeitliche Infrastruktur aufzubauen. In den vergangenen vier Jahrzehnten entstanden so ein Straßennetz, öffentliche Schulen, eine eigene Währung, die Post und ein kostenloses Gesundheitswesen. In einem Punkt ist Bhutan inzwischen gar Vorreiter: Als erstes Land der Erde hat es gerade den Tabakverkauf und das Rauchen in der Öffentlichkeit verboten.

Ein Rabe flattert durch den ersten Hof der Klosterfestung von Punakha und landet krächzend auf einer der geschnitzten Brüstungen. Es ist mild und verhangen, die Luft duftet nach den Eukalyptusbäumen, die draußen vor den hohen, weiß getünchten Festungsmauern wachsen. Wie ein würdevoll gestrandeter Dampfer liegt die 1637 erbaute Burg am Zusammenfluss des Mo und des Pho mitten im weiten, von runden Vorgebirgsrücken eingefassten Tal.

Hier, im ersten Hof, ist die Verwaltung des Bezirks Punakha angesiedelt, und in den Ecken warten Bhutaner betelkauend darauf, zu den Beamten vorgelassen zu werden. Die Männer, im traditionellen Gho gekleidet, einem geschürzten, knielangen Gewand, haben für die Visite breite Schärpen über ihre linke Schulter geschlungen. Die Farben verkünden ihren Status: Weiß für normale Bürger, Rotweißgestreift für Offizielle – je breiter der Streifen, desto höher der Rang.

Der zweite Innenhof des Dzong, wie solche Klosterfestungen genannt werden, gehört dem Klerus. Ein Mönchlein, höchstens zehn Jahre alt, rutscht verstohlen ein Treppengeländer hinunter, aber ansonsten geht es gemessen zu. Bis heute zieht das Oberhaupt des bhutanischen Staatsklerus, der Je Kempo, mit seinem Mönchstross jedes Jahr von der Hauptstadt hierher ins Winterquartier: Das Wetter im Punakha-Tal, fast 1000 Meter tiefer als das benachbarte Thimpu-Tal gelegen, ist so mild, dass hier Bananen, Papayas und Orangen wachsen.

Schuhe aus und eingetreten ins Halbdunkel der großen Versammlungshalle im Punakha-Dzong. Jedes Wort hallt in der Leere. Tausend Betende finden hier Platz, doch an diesem Morgen verlieren sich nur wenige Mönche in den einschüchternd prunkvollen Tempel. In einer einzigen geschmeidigen Bewegung heben sie die gefalteten Hände erst über den Kopf, dann vor die Kehle, dann vor die Brust, ehe sie sich hinwerfen und mit der Stirn den Boden berühren. Einmal, zweimal, dreimal, in höchster Konzentration zum turmhohen Buddha gewandt, der hinter 54 goldenen Säulen an der Stirnwand thront.

Er wird flankiert von den beiden wichtigsten Figuren der Geschichte Bhutans: dem Guru Rinpoche, der im 8. Jahrhundert das Land zum tantrischen Buddhismus bekehrte, und dem Shabdrung Ngawang Namgyel, der im 17. Jahrhundert aus versprengten Fürstentümern einen Staat formte. Der Shabdrung (wörtlich: "derjenige, dem man sich zu Füßen wirft") ließ die meisten der Dzongs errichten, in denen die weltliche wie geistliche Führung in allen 20 Verwaltungsbezirken Bhutans residiert. Jedes Jahr werden hier auch die Tsechus gefeiert, prunkvolle Klosterfeste, die inzwischen Touristen aus aller Welt anlocken.

Plötzlich braust auf der menschenleeren Landstraße im Punakha-Tal ein Landcruiser vorbei, dann ein zweiter und ein dritter, so schnell, dass die grasenden Yaks die Häupter heben. "Bhutan 7" steht auf dem Nummernschild des mittleren Wagens, ein Kennzeichen, das der Königsfamilie vorbehalten ist. Ashi Tshering Yangdön Wangchuck, die jüngste Gattin des Herrschers, winkt huldvoll aus dem Fond. Vier Schwestern hat der gegenwärtige König, Jigme Singye Wangchuck, der 1972 nach dem Tod seines Vaters mit 17 Jahren den Thron übernahm, einst auf einen Schlag geheiratet – und ist nun Vater von zwölf Kindern.

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Der Potentat hat für sein Land die Losung ausgegeben, dass das Bruttonationalglück, die "gross national happiness", wichtiger sei als das Bruttoinlandsprodukt: kein Ausschlachten der Ressourcen, kein fanatisches Streben nach Wohlstand, kein Fortschritt, der nur den Westen kopiert. Stattdessen hat der Staat die Pflicht, allen Bürgern die Chance zu einem erfüllten Leben auf Grundlage der traditionellen buddhistischen Werte zu bieten. Wie sich das Land entwickeln soll, wird in Fünfjahresplänen festgelegt.

Ein Foto des Herrschers hängt in fast jedem Haus, auch in dem des Bauern Gyelzen, der mit Frau, Töchtern und Enkelkindern im Punakha-Tal lebt, wo leuchtend violett die Indigopflanze blüht. Eine Eingangstür gibt es nicht, vom Hof führt eine steile, abgewetzte Holzstiege direkt hinauf ins Wohnstockwerk. Die Zimmer sind dunkel, niedrig und viel enger, als es die Größe des trutzigen Fachwerkgehöfts von außen erwarten ließe. An der Wand des Besucherzimmers, das von einer nackten Glühbirne beleuchtet wird, klebt ein verblichenes Poster der London Bridge. Fliegen schwirren umher. Gyelzen, 61 Jahre alt, hoch gewachsen und verwittert, bietet lächelnd den Getreideschnaps Ara in Trinkschälchen an. "Telefon haben wir nicht, es wäre zu teuer, die Leitung hierher zu legen", sagt er. Auch das Fernsehen, 1999 offiziell im Land eingeführt, hat es noch nicht ins Haus geschafft, dafür ein Videorekorder.

Der Tag der Großfamilie beginnt früh mit einer Opfergabe am Hausaltar, dann zünden die Frauen den Ofen an, und Gyelzen versorgt die Kühe. Nach dem Frühstück bestellt er die Felder, von Hand oder mit Ochsen, die Frauen sammeln Brennholz. Auf gut anderthalb Hektar baut die Familie Reis, Kartoffeln, Tomaten und Chili an. Die Enkel gehen zur Schule; am Nachmittag beugen sie sich im Hof über Hefte, in denen Aufgaben in der Landessprache Dzongkha stehen, aber auch in Englisch, das von Anfang an gelehrt wird. "What is your name?", können sie schon fragen.

Noch leben neun Zehntel aller Bhutaner zwischen ihren Äckern. Aber die Landflucht hat begonnen, Thimpu ist innerhalb weniger Jahre von 50000 auf rund 70000 Einwohner angewachsen. Es gibt erstmals Arbeitslosigkeit und Gewaltverbrechen, und es gibt die ersten Aids-Fälle.

Wohl auch darum hat ein touristischer Run nach der Devise "Bhutan sehen, ehe es verdorben ist" auf das Land eingesetzt. Seit es Mitte der siebziger Jahre die ersten Touristen empfing, hat Bhutan seine Besucherzahlen dadurch kontrolliert, dass Reisen nur über registrierte Veranstalter zu einem Satz von rund 200 Dollar pro Aufenthaltstag für Unterkunft, Verpflegung und Transport gebucht werden können. Doch von 2003 auf 2004 schnellte die Touristenzahl um fast ein Drittel in die Höhe, auf insgesamt 9200, und für das laufende Jahr werden um die 12000 Besucher erwartet. Zwei asiatische Hotelkonzerne haben begonnen, im ganzen Land Luxusanlagen zu bauen, mit Zimmerpreisen bis zu 1000 Dollar pro Nacht, die Trendsetter aus den USA anziehen. Eine Touristenschwemme allerdings will die Regierung verhindern, indem sie notfalls die Tagesgebühr anhebt.

Auf einer Tigerin, so will es die Legende, ist Guru Rinpoche, der Begründer des Buddhismus in Bhutan, einst in den Bergen des Paro-Tals, ganz im Westen Bhutans, zu einem Felsvorsprung geflogen. Wer an einem klaren Tag hochblickt zum berühmten Tigernest-Tempel, wünscht sich ebenfalls ein derart komfortables Transporttier. Schritt für Schritt wird der Aufstieg über staubigen ockergelben Boden beschwerlicher. An Wegbiegungen sind Steinhäufchen aufgeschichtet, kleine Altäre für die Geister, die hier hausen könnten. Auf halber Strecke hat ein kluger Mann ein Teehaus gebaut, Plastikstühle reihen sich auf vor einem Panoramablick hinüber zum Tempel, der sich grüßend über den Abgrund zu neigen scheint.

Von hier aus ist nicht zu erkennen, dass das Tigernest nur eine Rekonstruktion des ursprünglichen Tempels ist, der 1998 abbrannte. Das Alte darf nicht vergehen in Bhutan, auch wenn man es ganz neu aufbauen muss. Doch wie konserviert man eine Kultur? Und zu welchen Kosten? So erschreckend der kapitalistische Wildwuchs und die Verelendung in anderen Entwicklungsländern wirken, die Bhutan so dringend vermeiden will, so unbehaglich ist der Gedanke daran, dass die idyllisch-einheitliche Traditionalität des Landes autokratisch verfügt wird.

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Wer durch Bhutans Täler fährt, sieht Menschen in fein gewebten Trachten, aber nicht, dass deren Tragen in der Öffentlichkeit Pflicht ist. Der sieht Fachwerkgehöft um Fachwerkgehöft vorbeiziehen, zum Schutz bemalt mit großen Phallussymbolen, aber nicht, dass der traditionelle Baustil Vorschrift ist. Der kann auch nicht sehen, dass der König 1989 unter dem Motto "Eine Nation, ein Volk" eine bhutanische Leitkultur definierte, nämlich die der dominanten Drukpa-Bevölkerungsgruppe, und dass die Traditionen, auch Sprachen, anderer ethnischer Gruppen im Land aussterben.

Am schlimmsten traf die Reinheitspolitik die im Laufe der vergangenen 100 Jahre aus Nepal eingewanderten Bauern im Süden des Landes, von denen Anfang der Neunziger um die 100000 flohen oder vertrieben wurden. Fast alle warten bis heute in nepalesischen Lagern darauf, dass Bhutan sie als Staatsbürger anerkennt und wieder aufnimmt.

Hass, Begierde, Unwissenheit. Auch Bhutan ist nicht frei davon. Doch bis jetzt hat das Königreich, verglichen mit anderen Ländern, weitaus mehr richtig als falsch gemacht auf dem stolpersteinreichen Weg in die Zukunft. Demnächst soll es eine Verfassung geben, welche die Macht des Königs erheblich einschränken wird, und endlich auch die Freiheit, Parteien, Verbände und Gewerkschaften zu gründen. Wer hinfährt, sollte den Bhutanern nicht die eigene Unschuldssehnsucht auferlegen.

Auf der Anhöhe beim Tigernest-Tempel wehen wie Geisterscharen die weißen, an langen Stangen aufgezogenen Gebetsfahnen, die an die Toten erinnern. Sie scheinen in den Himmel über Bhutan zu streben, und der wirkt plötzlich ganz nah.

INFORMATION

Veranstalter : Gruppenreisen nach Bhutan bietet Studiosus an, www.studiosus.de : Die 15-tägige Studienfahrt "Bhutan-Klosterfeste" kostet inklusive Linienflug ab und bis Deutschland, Visagebühren, Unterkunft, Eintrittsgelder, Rundreiseprogramm je nach Abflugtermin ab 4.370 Euro. Es gibt verschiedene weitere Veranstalter mit Bhutan-Gruppenreisen im Programm, unter anderem Auf und Davon Reisen ( www.auf-und-davon-reisen.de ), Marco Polo ( www.marco-polo-reisen.com ), Ikarus Tours ( www.ikarus-tours.de ) und world insight ( www.world-insight.de )

Einige Veranstalter, etwa East Asia Tours ( www.eastasiatours.de ), Jeroma Tours ( www.jeroma-tours.com ), German Travel Network ( www.g-t-n.de ), comtour communication & tourism ( www.comtour.de ) und Himatrek ( www.bhutan4u.de ) bieten organisierte Einzelreisen, meist ab zwei Personen, zu individuellen Terminen an

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Wer will, kann die Anreise auch selbst organisieren und seine Tour direkt mit einem bhutanischen Veranstalter planen. Eine Liste findet sich unter www.tourism.gov.bt/tourco.html

Einreise : Besucher brauchen ein Visum. Es wird vom Reiseveranstalter beantragt, was mehrere Wochen in Anspruch nimmt. Bei der Ankunft am Flughafen muss eine Visumgebühr von 20 US-Dollar gezahlt werden, bei der Ausreise eine Flughafensteuer von 15 US-Dollar

Reisezeit : Als beste Reisezeit gelten die Monate März/April und September/Oktober