Am Ende der Welt, in einem dieser namenlosen Hochhäuser St. Petersburgs, starb vor zehn Jahren der Ingenieur und Lyriker Jurij Ljuba, den hierzulande niemand kennt, denn der Arm der stalinistischen Zensur reicht weit. Fast die Hälfte seines Lebens hatte Ljuba in Straflagern zugebracht, und dieses Ausgeliefertsein wurde sein Thema, in das er sich eingrub wie in ein Bergwerk: Mit der Ausdauer eines Solschenizyn, mit der Todesverachtung eines Jessenin förderte er Hunderte Gedichte zutage, doch nur ein Bruchteil wurde seit der Perestrojka gedruckt. Den Rest hütet seine Frau, die jetzt 90 Jahre alt ist und wohl keinen Erben mehr für die kostbaren Stapel vergilbter Blätter findet.

Denn im postkommunistischen Russland fehlt der politische Wille, sich den Nachlass des Totalitarismus anzueignen. Die privat finanzierte Stiftung Memorial ist hauptsächlich mit dem Zählen von Leichen beschäftigt, und es gibt keine staatliche Institution wie die Berliner Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die jetzt eines ihrer wichtigsten Förderprojekte öffentlich macht: das "Archiv unterdrückter Literatur in der DDR". Dort sind mehr als hundert Schriftsteller versammelt, die aus politischen Gründen unveröffentlicht blieben und deren Namen wir bis heute kaum gehört haben: Radjo Monk, Heidemarie Härtl, Peter Voß… "Totschweigen", schrieb Horst Drescher 1987, "ist eine der mörderischsten Vokabeln. Es ist übrigens ein Tätigkeitswort."

Um die Totgeschwiegenen dem Vergessen zu entreißen, haben die Germanisten Ines Geipel und Joachim Walther neben literarischen Texten auch biografisches Material zusammengetragen, wovon ein Teil jetzt in der Edition Büchergilde erscheint. Der erste Band der Reihe, Edeltraud Eckerts Jahr ohne Frühling (siehe S. 60), deutet den ganzen Reichtum dieser bibliotheca non grata an. Es handelt sich um die Gefängnisgedichte und Schmerzensbriefe einer jungen Frau, die 1950 aus nichtigem Anlass zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und nun auf knapp bemessenem Gefängnispapier, in abgezählten Zeilen, unter der Fuchtel der Postzensur den Horror des Staatssozialismus beschreibt. Sie darf die schikanösen Zustände im Frauengefängnis Hoheneck, die heute gut dokumentiert sind, nicht ausmalen, und so leistet sie etwas, was kein Historiker kann: die Beschwörung des verzweifelten Mutes, durch den allein der Mensch die Unfreiheit erträgt.

Die Gefangene Eckert, der schließlich bei einem Arbeitsunfall die Kopfhaut abgerissen wurde, woran sie mit 25 Jahren elend starb, gewährt uns posthum einen tiefen Einblick in das destruktive Wesen der Gesinnungsdiktatur. Ihr Schicksal führt uns noch einmal die Verlogenheit des sozialistischen Humanismus vor Augen, aber ihre Gedichte erneuern unseren Glauben an Güte und Schönheit und die Unüberwindlichkeit der Poesie. "Ich bin so eingesponnen in meine Verse, Melodien und Sätze", schreibt Edeltraud Eckert 1952 an ihre Eltern. Ein halbes Jahrhundert später bekommt sie endlich den ihr gebührenden Platz in der Heldengalerie jener Dichter, die unter den Bedingungen der Gewaltherrschaft die Literatur als letztes Refugium der Freiheit verteidigten.