Wie schön die Kinder singen, mehrstimmig, mit hellen, reinen Knabensopranen. In ihren kurzen Internatshosen stehen sie da wie friedfertig blökende Lämmchen. Sie sind, wie die Welt der Erwachsenen sich die Jugend wünscht – aufmerksam, lebensfroh und wohlgeraten. Man sieht der Jungschar in dem Kinofilm Die Kinder des Monsieur Mathieu nicht mehr an, dass sie einmal eine aggressive Meute von Halbstarken war, dass sie zu den gesellschaftlich Abgeschriebenen zählte als prügelnde und geprügelte Insassen eines Heims für schwer erziehbare Kinder.

Ihre wundersame Wandlung haben die Jugendlichen Monsieur Mathieu zu verdanken, dem knuddeligen, gutmütigen Lehrer und seiner Musik. Er hat jenseits des karzerstrengen Erziehungssystems im Heim einen Chor gegründet. Und siehe da, die Musik begann die verstockten Herzen der Zöglinge zu öffnen. Mit jedem Lied glätteten sich die Hassfalten auf ihren Stirnen. Die Prügeleien nahmen ab, und die schulischen Leistungen wurden besser. Die Musik hat den bösen Geist der Despotie vertrieben wie die Sonnenstrahlen den Vampir. Und ausgerechnet im verkorkstesten aller Heimbürschchen ist eine wahre Engelsstimme herangewachsen.

Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass die Musik den Menschen gut und schön und glücklich macht. Acht Millionen Menschen haben Die Kinder des Monsieur Mathieu gesehen. Das Kinorührstück war einer der erfolgreichsten europäischen Filme des vergangenen Jahres. In Frankreich hat er einen regelrechten Boom der Jugendchöre ausgelöst. Die erbauliche Kraft der Musik zu preisen ist jetzt wieder sehr in Mode.

Die Musik wird nur noch für ihren Nutzen gelobt

Es gibt noch einen weiteren Film, der sich mit verblüffendem Erfolg in den Kinos hält und die märchenhafte Gesundung der Jugend durch Kontakt mit dem Wahren, Guten, Schönen propagiert – Rhythm is it!, der Dokumentarfilm über ein Musik-Tanz-Projekt der Berliner Philharmoniker mit jugendlichen Hauptschülern. Er begleitet Berliner Schlüsselkinder aus sozialen Randlagen bei ihrem abenteuerlichen Sprung auf die Bühne der Hochkultur. Sie erarbeiten eine Choreografie zu Igor Strawinskys Ballett Sacre du printemps und tanzen am Ende in einer beifallumrauschten Premiere vor 2000 Zuschauern. Graffitibesprühte Wände, bröckelnde Wohnblockfassaden, Turnhallentristesse – das ist das Milieu, in dem sich der Film bewegt. Zur ersten Probe begrüßt der Tanzpädagoge Royston Maldoom einen Haufen zappeliger, muskelschlaffer, sozial entwurzelter Kids. Mit Strawinsky, Ballett und Sinfonieorchestern haben sie so viel Erfahrung wie die Bewohner in ihrer Siedlung im Umgang mit goldenen Wasserhähnen. Aber dann sieht man, wie der Tanz und die Musik die Jugendlichen aufrichten. Wie sich die teigigen Körper straffen. Wie sich die Kinnspitzen heben und die Blicke willensstärker werden.

Mit der Geste des staunenden Beobachters und mit propagandistischer Beschwörung zugleich widmet sich der Film seinem Gegenstand. Die Erwachsenen treten mit knackigen Statements regelrecht als Einpeitscher für die gute Sache der Kunst auf. "Dieser Junge hier kann in seinem Leben alles erreichen, was er will", blafft Maldoom beim Abschreiten der Tänzerreihe, "und dieser hier auch, aber er weiß es noch nicht." Die Assistentin ruft: "Jeder hat das Recht, seine Probleme hinter sich zu lassen." Und Sir Simon Rattle sagt: "Wenn es eine Religion gibt, an die ich glaube, dann ist es die, dass Musik für alle da ist." Die Predigt kommt an. Die Rhythm is it!- Fans beginnen sich zur Gemeinde zu formieren: die Enthusiasmierten, die den Film immer wieder angucken, um die frohe Botschaft zu hören, und der Unternehmer, der spontan Geld für ein Folgeprojekt zur Verfügung stellt, die Journalistenkollegen, die verlangen, dass der Film zum Pflichtstoff an den Schulen erklärt werden muss, und die Staatssekretärin der Grünen, die das Plenum des Deutschen Bundestags auffordert: "Gönnen Sie sich den Film Rhythm is it!".

Die Euphorie der interessierten Kreise baut sich in einer Phase auf, in der es um die allgemeine Wertschätzung der Musik gar nicht gut steht. Strukturell wird die Kultur achselzuckend vernachlässigt, aber ideell leuchtet sie dafür umso hochheiliger. Der musische Unterricht an den allgemeinbildenden Schulen liegt darnieder, und die Zuschüsse für Jugendmusikschulen werden gekürzt, aber sogar die Wissenschaft tritt an, um zu beweisen, wie gut die Musik doch dem Menschen tut. Wie eine Fata Morgana schimmern die Künste am fernen Horizont, und gerade der Musik werden wahre Wunderkräfte zugesprochen. Sie wird gleichermaßen gerühmt als esoterisches Allheilmittel und als Schlaumacher für die Begabten, als Ertüchtigungsprogramm im harten Karrierekampf und als Strickleiter aus dem sozialen Elend. Man muss den Eindruck gewinnen, als sei die Musik – natürlich nur die gute klassische und nicht die ohrenquälerische Avantgarde oder der vom Mammon zerfressene Pop – eine Art universal einsetzbares Therapeutikum. Es gibt Studien, die belegen wollen, dass Schüler friedliebender werden, wenn sie ordentlichen Musikunterricht erhalten. Unvergessen ist der Appell von Bundesinnenminister Otto Schily, die Auszehrung der musischen Bildung stelle eine Bedrohung für die innere Sicherheit dar. Solch penetrantes Lob vom Nutzen der Kunst und der ewige Verweis auf ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche "Umwegrentabilität" zeigen in Wirklichkeit nur, wie schwach das Bewusstsein für die Kunst selbst inzwischen ausgeprägt ist.

In den beiden Kinofilmen verlaufen überdies die Wege der Genesung, die mit der Musik beschritten werden, seltsam konträr. Monsieur Mathieu führt seine Eleven aus dem überstrengen Heimalltag hinaus auf die lieblichen Auen der Empfindsamkeit. Er baut mit Hilfe der Kunst Druck ab. Alles wird lockerer, freier, sensibler. Der Tanzlehrer Royston Maldoom hingegen baut Druck auf. Er schubst die durchhängenden Vorstadtkids mit Hilfe der Kunst in die Tretmühle des Lebens hinein. Er predigt das Stahlbad der Disziplin und der Willensstärke. "Ich bin sehr streng", sind seine ersten Worte im Film. Bei Monsieur Mathieu ist die Kunst der große Weichspüler für die Seele, bei Maldoom ist sie der Hartmacher. In den Lehrertypen spiegeln sich die widersprüchlichen Sehnsüchte nach dem, was die Künste in unserer Gesellschaft leisten sollen: Sie sollen die unbequeme normative Instanz sein, an der sich jeder aufrichten kann, und die angenehm lindernde Salbe gegen den großen Krisenschmerz.