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Sein Flieger hebt erst morgen ab. Vor der Heimreise nach New England hat der Professor aus Vermont einen Tag zum Luftholen, hier im Grünen unweit Hamburg. Er zurrt die Schnürsenkel seiner Nikes fest. Er stopft das graue Baumwollshirt in die Jogginghose. Dann rennen wir in den Morgen hinaus, mitten hinein in den Wald, in dem er vor über einem halben Jahrhundert gelebt hat.

Bernd Heinrich ist Gast von Freunden auf dem Sängerberg in der Hahnheide. Seit mehr als einem Jahr ist der Biologe emeritiert. Das gibt ihm Zeit, sein dreizehntes Buch zu schreiben. Die Recherche hat ihn nach Deutschland geführt. Denn das Buch handelt vom Vater, dem Schlupfwespenforscher und Tierpräparator Gerd Heinrich. Der war 1945, noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs, mit seiner Familie aus Westpreußen hierher in die Gemeinde Trittau geflüchtet. Bernd war damals vier (und nahe Danzig geboren). Das Flüchtlingskind wuchs in einer Holzhütte im Wald auf. "Ich werde sie Ihnen zeigen."

Dem Mann auf den Spuren seiner Vergangenheit merkt man nicht an, dass er am 19. April 65 wird. Wie eine Antilope springt der Pensionär mit dünnen Beinen über den Waldboden und gibt ein Tempo vor, das den Mitläufer, nicht aber ihn vom Plaudern abhält. "Manchmal mache ich die Augen zu", sagt er. Wie Vögel und Delfine auf Reisen. Um den Energieverbrauch des Gehirns zu senken, hat er schon beim Laufen geschlafen – mit einem Auge, wie die Enten.

Es sind extrem lange Distanzen, auf denen er experimentiert. In 24 Stunden lief er 157 Meilen. Noch heute schafft er den Marathon in drei Stunden. Kein 40-Jähriger hat auf der Straße 100 Kilometer schneller zurückgelegt. Er ist der schnellste 60-jährige Amerikaner über 50 Meilen. Und in zehn Jahren wird er erneut einen Weltrekord brechen: über 100 Kilometer in der Altersklasse M75. In vielen Prüfungen erforscht er, wie man den Körper stundenlang auf Trab hält. Am Sonntag über 100 Kilometer in Connecticut wird er sich nicht von Powerriegeln, sondern einem selbst komponierten Cocktail ernähren: "Geschmolzenes Schokoladeneis, vermischt mit Blaubeerpüree." Er hat sich vor Läufen schon mit Hamburgern, Steaks, Fritten und Erdnussbutter voll gefuttert.

Den Versuch, mit einem Liter Honig im Bauch zu glänzen, vereitelte sein Gedärm. Ein Preiselbeersaft-Experiment scheiterte, weil er den Hinweis übersehen hatte, dass es sich um ein künstlich gesüßtes Produkt handelte. Misslungen ist auch die Pioniertat, 100 Kilometer einzig mit dem Kohlenhydratspender Bier zu schaffen. Nach 18 Dreimeilenrunden und drei Sixpacks war ihm übel. Er gab auf. "Ich fühlte mich plötzlich sehr müde."

Zwischen den Bäumen taucht eine schlossähnliche Villa auf. Als sie zu viert am Ende ihrer dreimonatigen Flucht hier ankamen, gehörte das Anwesen den Stolzenbergs, Bekannten des Vaters. Der Roten Armee war Familie Heinrich im Pferdeschlitten entkommen, dann im Pferdewagen, später in einem Lastwagen und einem Viehwaggon. Eine Ju52 flog sie schließlich in den Westen.

Lust am Laufen ist das Resultat des Wettrüstens von Räuber und Beute

Wir halten kurz vor dem schmiedeeisernen Tor, das den Privatweg versperrt. Dahinter der Klinkerbau mit weißen Fensterumrahmungen. Statt des erhofften Zimmers in der Stolzenberg-Villa bekam die Familie damals eine Notunterkunft in einem offenen Schuppen auf der Weide. Aber bald entdeckten die Eltern im Wald eine leer stehende Hütte. Sie sollte für sechs Jahre Bernds Zuhause werden.

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"Ich kenne all diese Bäume." Durch eine schnurgerade Allee rennen wir der Sonne entgegen. Damals der Schulweg. Spaziergänger sind auf Hundetour, wo einst Eisenbahngleise lagen. "Hier habe ich geschaut nach den Steam-Männern beim Heizen", sagt Heinrich in einem Kuddelmuddel aus Deutsch und Englisch, in dem er auch Stoffwechselcharakteristika von Langstrecklern erklärt. Alle außer den Bienen würden irgendwann auf Fettverbrennung gehen. "Wer switch over von carbon hydrate auf fat nicht trainiert, der kommt zu ein wall und crash. Dann kann man nur noch gehen."

Als er sich 1981 auf seinen ersten 100-Kilometer-Lauf vorbereitete, hatte er viermal zu Fuß die Erde umrundet, aber wusste mangels Ratgeberbüchern nicht, wie er sich für eine solche Tortur rüsten sollte. Der Biologe vertraute auf die Expertisen derer, die er von seinen Forschungen kannte: tierische Ausdauerkünstler. Über Hunde wusste er, dass sie passiv einatmen, wenn sie die Vorderbeine nach vorne strecken, und ausatmen, wenn sie die Beine zurückziehen. Wie ein Blasebalg unterstützt der Bewegungsapparat die Lunge. Heinrich synchronisierte seinen Atmungszyklus, indem er zwei bis drei Schritte lang einatmete und beim nächsten Schritt "explosionsartig ausatmete". Auf diese Weise maximierte er den Zeitraum, in dem die Lunge frische Luft erhält.

Männliche Laubfrösche, die beim nächtelangen Balzen körperliche Höchstleistungen vollbringen, lehrten ihn die Kunst des subtilen Tempowechsels. Und wie der Zugvogel Knutt aus der Arktis, der vor 7500-Kilometer-Non-Stop-Flügen das Gewicht verdoppelt, präparierte Heinrich seinen Körper mit Carbo-Loading: Er nahm 2 Kilo zu, während des Laufs 3,5 ab und gewann die 100 Kilometer von Chicago in der Weltrekordzeit von 6:38:12. Eine Dreiviertelstunde vor dem Zweiten.

In Science und im Journal of Experimental Biology erschienen in den siebziger Jahren Heinrichs Artikel über seine Versuche mit Schwärmern. Diese Nachtfalter entledigen sich der Hitze in den Brustmuskeln, indem sie Blut in den Hinterleib pumpen. Der erwärmt sich, und weil er kaum isoliert ist, kühlt ihn der Wind. Wie die Flüssigkeit im Kühler eines Autos wird im Abdomen des Schwärmers das Blut mittels Konvektion gekühlt, sodass die Tiere nicht überhitzen. Im Versuch knickte Heinrich den Insekten den Kühlerschlauch. Die Temperatur der Muskeln kletterte bis auf 45 Grad. Länger als drei Minuten hielt sich kein manipulierter Schwärmer in der Luft. "Die fielen erschöpft zu Boden, wie Marathonläufer, denen die Kühlflüssigkeit ausgeht", sagt Heinrich.

Der Weg geht bergan. Die Aprilwärme ist jetzt spürbar, dunkle Stellen am T-Shirt signalisieren, dass die Verdunstungskühlung eingesetzt hat. Einige 100 Meter weiter zweigt ein Pfad ab, und plötzlich beschleunigt Heinrich. Er bremst erst, als er zu einer rotbraunen Waldhütte mit Pappdach und grünen verschlossenen Läden gelangt. "Die gleiche Farbe wie 1945", sagt er schnaufend. "Hier haben wir Kartoffeln gepflanzt" – sein Finger zeigt auf einen Flecken, wo Birken und Buchen wachsen. Das einstige Heim der Heinrichs nutzt die Forstverwaltung als Geräteschuppen. 1951 wanderte die Familie nach Maine aus.

2003 erschien Heinrichs Buch Laufen – Geschichte einer Leidenschaft. Er schildert darin, wie er im Heim aufwuchs, während die Eltern in Afrika Tieren nachjagten. Wie er dank läuferischer Erfolge ohne Highschool-Abschluss studieren durfte. Wie der berühmte Evolutionsbiologe Edward O. Wilson sprach: "Du kannst den Marathon unter 2:30 laufen." Ein halbes Jahr später lief Heinrich, 40-jährig, seinen ersten. Am Morgen danach hatte Wilson schon die Bostoner Zeitung gelesen und begrüßte den Freund mit dessen Endzeit: "2:25!"

Wir rennen den Sandweg entlang, auf dem der kleine Bernd einst Tigerkäfer verfolgte und lernte, dass Muskelleistung von der Temperatur abhängt. Morgens lahmten die Insekten, mittags sprinteten sie durch die Hitze. Wir kommen an der Schule vorbei. Heute noch ein Reetdachhaus. Als wir zurück in Richtung Sängerberg laufen, rumpelt mein Magen. Er verlangt Frühstück, Kohlenhydrate, ultimativ. Heinrich, warm geworden, wird erbarmungslos noch schneller.

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Die Spezialisierung des Menschen zum Läufer, dessen Ahnen ihre Beute hetzten, bis sie zusammenbrach, beschreibt Heinrich als Resultat des Wettrüstens zwischen Raub- und Beutetieren. Die ersten Hominiden mögen noch keine Zatopeks oder Gebrselassies gewesen sein. Aber indem Homo sapiens sich der Haare entledigte und aufrecht die Sonneneinstrahlung minimierte, entwickelte er sich zum "Ausdauerräuber", der jede Brise zur Kühlung nutzte. Die Wasserkühlung perfektionierte das System. Heinrich hat die Wärmeregulation der Hummeln erforscht. Unermüdlich trabend, führt er mich auf diesen 17 Kilometern vor dem Frühstück in die komplexe Welt tierischen Temperaturmanagements ein. Er erzählt von Bienen, die ihren Mageninhalt auswürgen und mit den Hinterbeinen über den Körper verteilen – zurück im Stock, lecken die Kolleginnen ab, was nach dem Verdunsten des Wassers übrig geblieben ist.

Mit verdunstendem Darminhalt kühlt der Truthahngeier sein Blut

Auf ein analoges Konzept setzt der Marathonläufer, wenn er seinen Kopf in eine Wassertonne tunkt. Trotz leichten Schwindels im Schlussanstieg erfreut mich, dass der Mensch eigene Kühlstrategien entwickelt hat. Wer an einem schwülen Tag bis zur Erschöpfung gelaufen sei, sagt Heinrich, könne sich mit dem Truthahngeier identifizieren, wenn dieser auf einem Zaunpfahl in der Sonne sitze und flüssigen Kot an den Beinen hinunterlaufen lasse. "Der verdunstende Darminhalt kühlt das Blut", erklärt der Professor. "Die senken die Körpertemperatur um zwei Grad."

Seine geröteten Augen lachen nun spöttisch im Finish unseres Laufs, der, entwicklungsgeschichtlich betrachtet, nichts anderes gewesen ist als die ritualisierte Jagd auf fiktive Beute. Unseren Vorfahren bescherte der Sieg gegen die Antilope auf der Langstrecke Paarungsvorteile und einen vollen Magen. Unser Lohn: Endlich ein Frühstück.