Von Gunnar Vogt für ZEIT.de

"Noch ein Jahr, dann sind wir wieder da", dichteten viele Fans vom SC Freiburg schon vor vergangenen Spieltag im Gästebuch von Torwart Richard Golz auf dessen offizieller Homepage - wohl wissend, dass zwar noch viele Vereine um den Klassenverbleib bangen, der Rückstand der eigenen Mannschaft aber bei weitem zu groß war, um doch noch drei Vereine hinter sich zu lassen. Da wird es die wenigsten geschockt oder gewundert haben, dass nach der 1:3-Niederlage in Bielefeld der schon seit längerem prophezeite Abstieg nun auch rein rechnerisch nicht mehr zu verhindern ist. Dennoch blieb Schwermut nicht aus. „Natürlich war es keine Überraschung mehr. Aber deshalb tut es nicht weniger weh“, sagte Richard Golz nach dem endgültigen K.O. in Bielefeld. Damit reagierte der erfahrenste Freiburger nach seinem 450. Bundesligaspiel weitaus leidenschaftlicher auf den besiegelten Abstieg, als es sein Trainer Volker Finke tat: „Wir planen seit Wochen für die zweite Liga. Von daher ist an diesem Tag emotional nichts Außergewöhnliches passiert.“ Die nüchternen Trainerworte klingen nach einem kurzem sportlichen Durchhänger, der durch den postwendenden Wiederaufstieg schon bald korrigiert wird. Bei den bisherigen Rückschritten in die Zweitklassigkeit 1997 und 2003 gelang dies auch prompt, weswegen die Fans genau wissen, warum sie sich in den Internetforen derart optimistisch geben.

Den ersten Abstieg des SC Freiburg erlebte der 1,99 Meter große Golz noch im Trikot des Hamburger SV, der gerade auf den besten Weg in den Uefa-Cup ist und ihn dazu überreden wollte, als Torwarttrainer wieder an der Elbe anzuheuern. Golz aber will weiter vor Publikum Bälle fangen, anstatt diese vor den Spielen zum Aufwärmen in die Arme seiner jungen Nachfolger zu bolzen - eine Entscheidung gegen Geld und gesicherten Arbeitsplatz in der Erstklassigkeit, die es in der Freiburger Fußballprovinz selten zu verzeichnen gibt. Der SC Freiburg hat den kleinsten Etat der Liga; ein Spieler, der ausnahmsweise nicht ablösefrei in den Breisgau wechselt, gilt als Exot und die besten Spieler einer jeden Saison werden regelmäßig von Vereinen weggekauft, die eine solch sparsame Politik nicht nötig haben.

Das beste Beispiel liefert der talentierte und hoffnungsvolle Bosnier Zlatan Bajramovic, der seine Entwicklung beim Sportclub stagnieren sieht und zur kommenden Spielzeit zu Schalke 04 wechselt – eben einen solchen Verein, der Spieler mit Vorliebe und finanziellen Lockmitteln aus laufenden Verträgen herauskauft. Klar, dort wird er kaum gegen den Abstieg und schon gar nicht um den Aufstieg spielen - wenn er denn dort bei der Konkurrenz im Mittelfeld überhaupt wie erhofft zum Zuge kommt. Ob es aber die Champions League wird, ist nach der 1:4-Niederlage der Schalker gegen Hertha BSC Berlin fraglich. Waren die Gelsenkirchener vor zwei Spieltagen noch ein ernsthafter Meisterschaftskandidat, so mussten sie in Berlin einsehen, dass es nur noch darum geht, den jetzigen Platz zwei zu halten. Noch haften sie hinter Primus Bayern München, profitieren dabei aber von der schwächelnden Konkurrenz aus Stuttgart und Bremen, die nicht in der Lage waren, Schalke abzulösen.

In Freiburg muss sich indes keiner darum sorgen, für welchen internationalen Wettbewerb die Leistung reicht. Weder für den mittlerweile 36-jährigen Schlussmann Golz, noch für Trainer Finke stellt sich eine solche Frage. Seit gut 13 Jahren steht letzterer für Erfolge trotz bescheidener Mittel und beweist bei Rückschlägen eine bewundernswerte Steh-auf-Mentalität. Hält der Vorstand ihm die Treue noch bis in den September, hat Finke einen neuen Rekord inne und wäre vor Otto Rehhagel aus seiner Bremer Trainerzeit mit über 14 Jahren zumindest Spitzenreiter in der Rubrik „längste Amtszeit im Profi-Fußball“. Zweimal führte er die Mannschaft sensationell in den Uefa-Cup und saß bei beiden direkten Wiederaufstiegen auf der Bank. Dass das nach einer Saison in der zweiten Liga wieder gelingt, daran zweifeln die wenigsten. Wenn man den Freiburger in vielen Belangen Erfahrung absprechen kann, so doch nicht in Sachen Wiederaufstieg, zumal kein anderes Team schon jetzt wirklich für die zweite Liga planen muss, so eng geht es im Abstiegskampf derzeit zu. Die Fans jedenfalls wissen, wofür es sich lohnt, auch eine Klasse tiefer dem Verein die Treue zu halten, wie es ihr langer Torwart vormacht. Schließlich, so verkünden einige, macht Aufsteigen ja auch Spaß.

So wie es die Freiburger gewohnt sind, Jahr für Jahr um den Klassenverbleib zu zittern, so geht es Bayern München mit umgekehrtem Vorzeichen ganz oben. Ein Jahr ohne Kräftemessen mit anderen europäischen Vereinen ist für die Bayern so selten wie für die Freiburger ein Jahr mit europäischen Gegnern: Zuletzt musste Bayern darauf verzichten, als Finke noch nicht einmal Trainer in Freiburg war. Nach dem 3:1 daheim gegen den VfL Bochum ist es zwar rechnerisch möglich, die Meisterschaft noch aus den Händen zu gegen. Doch wie letzte Woche kaum jemand ernsthaft an Freiburgs Abstieg zweifelte, so tut dies auch niemand wirklich in Sachen Meisterschaft und schon bald werde die Bayern-Fans den Titel bejubeln können. Obwohl sie das schon öfters durften, macht das sicher noch mehr Spaß, als wieder aufzusteigen.