Wer in diesen Tagen in der Weltpolitik etwas auf sich hält, der reist nach Indien. Die Mächtigen der Welt geben sich in Neu Delhi die Klinke in die Hand: Wenn Japans Ministerpräsident Junichiro Koizumi am Donnerstag nach Indien kommt, wird UN-Generalsekretär Kofi Annan gerade abreisen - sie sind nur zwei von vielen hochrangigen Besuchern der vergangenen Monate. Die Regierung in Neu Delhi, die sich um einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat bemüht, gibt sich demonstrativ selbstbewusst. Indien, vor nicht allzu langer Zeit noch als exotisches Dritte-Welt-Land belächelt, ist politisch und wirtschaftlich auf dem Weg zur international umworbenen Großmacht.

Bundeskanzler Gerhard Schröder kam im vergangenen Oktober nach Neu Delhi, der russische Präsident Wladimir Putin war wenige Wochen später da. Die neue US-Außenministerin Condoleezza Rice führte im März eine ihrer ersten Reisen nach Indien - wo sie das Feld für die Visite von US-Präsident George W. Bush Ende des Jahres bereitete. Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao kam seinem nun erwarteten japanischen Amtskollegen zuvor. Vor gut zwei Wochen vereinbarte er mit dem indischen Premierminister Manmohan Singh in Neu Delhi eine "strategische und kooperative Partnerschaft für Frieden und Wohlstand" der beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt.

Nach jahrzehntelangem Misstrauen und Krieg stehen die Zeichen auf Entspannung: Das ist der indischen Regierung nicht nur mit China, sondern auch mit dem früheren Erzfeind Pakistan gelungen. Wen war gerade abgereist, als der pakistanische Präsident Pervez Musharraf in Neu Delhi vorstellig wurde. Musharraf hatte zuvor kaum verhohlen um eine Einladung zu einem Kricket-Spiel zwischen den Nationalmannschaften der beiden benachbarten Atommächten in Indien gebeten. Singh lud ihn ein - am Ende des Besuches, aus dem ein bilateraler Gipfel wurde, hieß es, der im vergangenen Jahr begonnene indisch-pakistanische Friedensprozess sei unumkehrbar.

Selbst im Umgang mit der einzigen verbliebenen Weltmacht mangelt es Indien nicht an Selbstbewusstsein. Die Entspannung mit Islamabad ermöglicht Neu Delhi, die Planungen für eine Gas-Pipeline von Iran durch Pakistan nach Indien voranzutreiben - zum Unmut der USA, die Teheran isoliert sehen wollen. Sie habe der indischen Regierung "unsere Sorgen" über das Projekt mitgeteilt, sagte Rice bei ihrem Besuch vor Journalisten. Der indische Außenminister Natwar Singh reagierte kühl. "Wir haben keine Probleme irgendwelcher Art mit Iran", beschied er seiner amerikanischen Amtskollegin.

Auch wirtschaftlich strotzt Neu Delhi vor Selbstvertrauen. Mit Wachstumsraten von mehr als sechs Prozent habe Indien "weltweit einen Spitzenplatz" eingenommen, sagte Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement bei seinem Besuch in diesem Monat beeindruckt. "Davon können wir in Deutschland im Augenblick nur träumen." Bei den Verhandlungen der Welthandelsorganisation WTO im mexikanischen Cancun 2003 organisierte Indien gemeinsam mit China und Brasilien den Widerstand der Entwicklungs- und Schwellenländer. Das G-20-Bündnis hält immer noch, ein klares Bekenntnis zu dem Zusammenschluss gaben die Mitgliedstaaten vor gut einem Monat wieder ab - bei einem Ministertreffen in Neu Delhi.

Ob ein anderes Bündnis große Überlebenschancen hat, darüber wird in Indien spekuliert: Die so genannte G-4-Gruppe, in der sich Indien mit Deutschland, Japan und Brasilien im Streben nach einem ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat zusammengeschlossen hat. Deutschlands Ansinnen dürfte auf wenig Gegenliebe bei den USA stoßen, Japan am Widerstand Chinas scheitern, auch Brasiliens Erfolgsaussichten gelten als fraglich. Indien wurde dagegen bereits von Russland und von China - wenn auch teils vorsichtige - Unterstützung signalisiert.