Potsdam, Schloss Sanssouci, Empfangssaal, am frühen Abend des 3.November 1848, zwischen sechs und sieben Uhr. Eine Delegation von Abgeordneten der preußischen Nationalversammlung bittet den König, die Einsetzung des erzkonservativen Ministeriums unter dem Grafen Friedrich Wilhelm von Brandenburg rückgängig zu machen und durch ein liberales zu ersetzen. Friedrich Wilhelm IV. ist nach dem ersten Schrecken der Märzrevolution inzwischen wieder sicher, dass er die Lage mit seinem Militär fest im Griff hat, hört sich widerwillig die respektvoll vorgelesene Adresse an, nimmt das Dokument und will wortlos gehen.

Da verletzt Johann Jacoby aus Königsberg das höfische Zeremoniell. Untertanen dürfen den König nicht ansprechen, sondern nur auf Fragen antworten. "Wir sind nicht bloß hierher gesandt, um Eurer Majestät eine Adresse zu überreichen, sondern auch, um Eurer Majestät über die wahre Lage des Landes mündlich Auskunft zu geben." Der König reagiert nicht. Jacoby: "Gestatten Eure Majestät uns Gehör?" Der sagt nein und wendet sich um. Jacoby ruft ihm hinterher: "Das ist das Unglück der Könige, dass sie die Wahrheit nicht hören wollen!"

Ein Adjutant erscheint und erklärt, die Delegation sei entlassen. Noch im Saal hagelt es von den anderen Abgeordneten Vorwürfe auf Jacoby wegen seiner Respektlosigkeit. Aber in Berlin macht seine schlagfertige Reaktion schnell die Runde. Drei Tage später versammeln sich Tausende am Alexanderplatz, ziehen mit Fackeln zum Hotel Mylius in der Taubenstraße, wo die preußische Nationalversammlung tagt, Reden werden gehalten, und die Menge jubelt ihm zu.

Jacoby war kein Unbekannter. Seine erste Heldentat lag sieben Jahre zurück, 1841. Da ging es um die Verfassung, die schon des Königs Vater, Königin Luises Gemahl, 1815 unter dem Eindruck der napoleonischen Kriege Preußen versprochen hatte. Der Sohn wollte nichts mehr davon wissen.

Jacoby begann mit der Arbeit an einer Protestschrift, die für die Entwicklung der liberalen Oppositionsbewegung von entscheidender Bedeutung war. Sie erschien anonym Mitte Februar 1841. Vier Fragen beantwortet von einem Ostpreußen , ein dünnes Heft von 47 Seiten: die Forderung nach einer Verfassung, brillant formuliert mit zwingender Logik und Beweisführung.

"Was wünschen die Stände?" – "Eine echte Teilnahme des Volkes an der Politik, geregelt in einer Verfassung". – "Was berechtigt die Stände zu solchem Verlangen?" – "Das Bewusstsein eigener Mündigkeit und ihre am 22. Mai 1815 factisch und gesezlich erfolgte Mündigsprechung". – "Welcher Bescheid ward den Ständen?" – "Anerkennung ihrer treuen Gesinnung, Abweisung der gestellten Anträge und tröstende Hindeutung auf einen künftigen unbestimmten Ersatz." – "Was bleibt den Ständen zu thun übrig?" – "Das, was sie bisher als Gunst erbeten, nunmehr als erwiesenes Recht in Anspruch zu nehmen."

Es war eine literarische Meisterleistung, mit der Johann Jacoby zum Helden der Opposition wurde. Polizeispitzel suchten noch nach dem Autor, da meldete er sich selbst beim König, dem er mit höflicher Widmung ein Exemplar schickte. Die Antwort kam prompt: Anklage wegen Hochverrats mit dem Ziel, Jacoby zum Tode zu verurteilen. Außerdem Majestätsbeleidigung und – wie es im Preußischen Landrecht heißt – wegen "frechen unehrerbietigen Tadel oder Verspottung der Anordnungen im Staate". Zuständig war das Kammergericht in Berlin.

Überall bleiben ihm die Polizeispitzel auf den Fersen