Politischer Instinkt zählt zu den größten Gaben George Bushs. Seine Fähigkeit, sich Mehrheiten zu sichern, gilt als legendär. Wenn er Parlamentarier auf seine Seite ziehen will, kann er charmant oder brutal sein, je nach Erfordernis. Er trifft den richtigen Ton, um die Öffentlichkeit hinter sich zu bringen, und weiß, wie weit er gehen kann.

Umso merkwürdiger, dass scheinbar aller Instinkt George Bush verließ, als er John Bolton als UN-Botschafter nominierte. Bolton ist der Rottweiler Amerikas. Er beißt zu, wenn er die Souveränität bedroht sieht. Also praktisch immer, wenn die UN etwas tun. Denn gemeinsames Handeln von Staaten begrenzt die Handlungsfähigkeit einzelner Länder. Darin liegt die Natur einer Weltorganisation, und darum ist John Bolton ein bizarrer Kandidat.

Das alles hätte seine Bestätigung im Senat nicht unbedingt gefährdet, denn die Souveränisten unter den Republikanern würden liebend gerne einen Wachhund an der Tür des UN-Generalsekretärs platzieren. Aber die Senatsanhörungen der vergangenen Wochen haben Zweifel sogar bei den UN-Kritiker der Rechten genährt. Bolton ist der lebende Beweis für die These, dass nicht allein die CIA versagte, als keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden wurden. Vielmehr waren es Ideologen im Amt, die Geheimdienstler zu den gewünschten Bedrohungsanalysen pressten. Bolton, damals Abteilungsleiter im Außenministerium, versuchte Geheimdienstler sogar zu feuern. Nach Zeugenaussagen führte er sich dabei auf wie ’s Rumpelstilzchen. Ein Choleriker im Diplomatenzwirn. Drum proben nun ein paar republikanische Senatoren den Aufstand gegen George Bush. Drei weitere Wochen Anhörungen haben sie durchgesetzt. Das heißt: drei weitere Wochen Peinlichkeiten. Ergebnis ungewiss.

George Bush muss jetzt entscheiden, ob er sein Kapital einsetzt, um seinen Kandidaten durchzuboxen. Aber ist Bolton so viel wert? Und hat Bush genügend Kapital? Nach seiner Wiederwahl schien er am Zenit seiner Macht angelangt zu sein. Entsprechend ambitioniert war sein Programm für die zweite Amtszeit. Vielleicht zu ambitioniert, wie die vergangenen Wochen gezeigt haben. Bush befindet sich in seiner bislang größten Formkrise. Vielleicht schwindet schon früher als erwartet seine Macht. Seit Monaten bereist er wie ein Wahlkämpfer das Land, um für seinen Plan zur Teilprivatisierung der Altersversorgung zu werben. Und je länger er reist, desto weniger Zustimmung findet er. Scheitert die Reform, wäre es die erste große Niederlage seiner Präsidentschaft. Zugleich steht Bushs ultrarechter Statthalter im Repräsentantenhaus, Mehrheitsführer Tom DeLay, nach diversen Affären unter Druck. Sein Rücktritt könnte zum Fanal werden. Denn innerhalb der Republikanischen Partei wächst die Sorge, dass Bush die Partei zu weit nach rechts steuert. Indikator sind die Umfragen nach dem Fall der Wachkomapatientin Terry Schiavo. Rund 80 Prozent der Amerikaner finden, George Bush und der Kongress hätten nicht intervenieren dürfen, um die Patientin am Leben zu halten; Leben und Tod, so denken viele, ist eine Privatsache und geht die Regierung nichts an. Glauben die Amerikaner, Bush drifte ab, wird er selbst nicht mehr ihre Missbilligung zu zahlen haben. Das ist die Sorge jener Parlamentarier, deren Wiederwahl 2006 ansteht.

Dabei steht die größte innenpolitische Schlacht erst noch bevor. Sobald ein neuer Verfassungsrichter zu benennen ist, vermutlich also bald, wird die Auseinandersetzung zwischen konservativer und linksliberaler Wertewelt neu aufbrechen. Dann wird Bush seine ganze Macht brauchen. Deshalb könnte er in allen anderen Fragen zu Kompromissen gezwungen sein.