Awopbopaloobop-alopbamboom. Little Richard machte einen Lärm, der über alles hinwegfegte, was man bis 1955 gehört hatte – eine Art Geburtsschrei der Popmusik. Niemand vermochte zu sagen, was er eigentlich bedeutete. Außer den Teenagern, die sich ihren Reim auf die neue Sprache machten. Hauptsache, die Erwachsenen konnten sie nicht verstehen. Blaze a blaze, galang a lang a langalanga / Purple haze, galang a lang a langa langa. Wortpingpong 2005. Die Sängerin türmt die Silben zum spitzen Stakkato, als wolle sie ihre Melodie über das Geratter einer Maschinenpistole tragen. Oder gleich das aktuelle Leitmedium der Unterhaltungsbranche anbeten: Hör das dt-dt-dt-dt on your mobile phone! Wenn man Arular, das Debütalbum der Musikerin M.I.A., hört, lässt sich kaum mehr unterscheiden zwischen Gesang und elektronischen Gerätschaften. Die Geräte singen, spielen kurze Trompetenfanfaren, sie können Steel-Drums ausspucken, die Stimme leiert, schaukelt zwischen den Vokalen. Dreh einer Missy-Elliott-Sprechpuppe den Hals um, und du bekommst eine ungefähre Vorstellung davon, was M.I.A. ist.

Vom gefühlten Ghetto zur eigenen Modekollektion

Ihr Album Arular wird gerade in einem Schulterschluss quer durch die Feuilletons und Fachmagazine zur Pop-Sensation 2005 erklärt, die Tonträgerindustrie hatte förmlich um eine Krume Anarchie gebettelt. Und man kann den Stücken die Aufbruchstimmung anhören: Die Künstlerin besetzt die Schaltstelle ihres Klanguniversums, legt die Links zwischen den Rhythmusgruppen und weit verstreuten Regionalmusiken. Ein Kinderlied aus Sri Lanka gehört auch dazu. Arular ist die erste Collage der globalen Pop-Kultur, in der Dancehall-Reggae, US-HipHop, der Baile Funk aus Rio mit Spurenelementen von Grime und Bhangra Beat zu einem großen Geräusch zusammenwachsen. "Ba-na-na-ba-na-na / say it again now".

In den Blogger-Gemeinden wird schon heftig diskutiert, ob M.I.A. nun den Beginn einer "Post-Worldmusic" markiere. Der Sound ist weitgehend von Geschichte und Ursprung gelöst. Es gibt auch keine Roots-Erzählung wie die des Blues, auf die M.I.A. verweisen wollte. Die Musik spielt in einem gefühlten Ghetto, das von Bombay bis Kingston reicht. Nur, was wird hier eigentlich gespielt?

Das Video zur ersten Single Galang ist eine simple Pop-Art-Montage – im Hintergrund Panzer und Bombergeschwader im neongrellen Airbrush-Design, das M.I.A. schon eine Nominierung für den Alternativen Turner Prize einbrachte, vorn an der Bühne das Mädchen in bunten Hosenanzügen, Minikleidern und Leggings aus der eigenen Kollektion. M.I.A. tanzt das Kriegsgerät einfach wieder weg. Die Ikonografie des todschicken Billigfilms ist mit der Biografie der Musikerin auffällig verquickt. Geboren wurde Maya Arulpragasam in London, vom Babyalter an aber wächst sie in der Heimat ihrer Familie in Sri Lanka auf. Ihr Vater gehört zu den Gründungsmitgliedern der tamilischen Rebellenorganisation E.R.O.S., die einen unabhängigen Tamilenstaat fordert und mit Terrorananschlägen zum Kampf gegen die Singalesen-Mehrheit im Land aufruft. Es vergeht kein Interview, in dem M.I.A. nicht von den Bomben vor der Haustür erzählt, von den Menschen, die verschwinden. Der Vater (Codename: Arular) muss abtauchen, Maya hat ihn während der Kindheit kaum gesehen. "Meine Mutter zog mich groß mit den Worten: ›Dein Vater hat dir nichts gegeben außer seinem Namen.‹ Wenn das so ist, benutze ich halt seinen Namen für meine Platte."

Auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs in den achtziger Jahren flieht die Mutter mit Maya und ihren Geschwistern aus Sri Lanka über Indien nach England und landet in einem Flüchtlingsheim am südlichen Ende von London. "Am Anfang erzählte ich allen, ich sei aus Trinidad, damit ich nicht über Sri Lanka und den Krieg sprechen musste. Ich wollte nicht sagen, dass ich ein Flüchtling bin." An dieser Stelle beginnt die eigentliche Geschichte einer Entwurzelung, die auf mehreren Ebenen zum zentralen Thema von Arular geworden ist.

Als ihr Englisch beigebracht wurde, sagt M.I.A., wurde sie wie eine geistig Zurückgebliebene behandelt. Man steckte sie in eine Spezialeinrichtung, sechs Stunden am Tag. Geografie und Geschichte kamen im Lehrplan gar nicht vor. "Da saß ich mit fünf anderen Flüchtlingskindern. Wir konnten nicht miteinander sprechen, weil wir mit unterschiedlichen Sprachen aufgewachsen waren. Wir lernten Englisch für Langsame: Das ist der feine Unterschied zwischen ba-na-na und banana." In Mayas Gesang taucht das 08/15-Englisch wieder auf, genau wie das Tamilen-Patois und der HipHop-Slang, der durch die dünnen Wände der Nachbarwohnung drang.