Mit dem Selbstmord Adolf Hitlers am 30. April 1945 war das "Dritte Reich" nicht zu Ende. In Flensburg existierte es, selbst über die Kapitulation am 8. Mai hinaus, drei Wochen länger. Hier, in der nahezu unzerstört gebliebenen Stadt an der dänischen Grenze, residierte der vom "Führer" zu seinem Nachfolger bestimmte Großadmiral Karl Dönitz bis zum 23.Mai. Von hier sendete der letzte Reichssender. Nach hier zog es die Spitzen des NS-Staates. Hier wurde die Legende von der "sauberen" Wehrmacht erfunden, während die Wehrmachtjustiz in der Stadt gnadenlos weitermordete. Die drei Wochen der Regierung Dönitz: Das waren 23Tage zwischen Spuk und letztem Terror. Ein bizarres Endspiel, das Nachspiel zur großen Katastrophe, die am 30.Januar 1933 begonnen hatte.

Dienstag, 1. Mai: 200 deutsche Juden, die man aus Riga nach Schleswig-Holstein gebracht hat, passieren die deutsch-dänische Grenze. Graf Folke Bernadotte vom schwedischen Roten Kreuz hatte vermittelt.

Spät am Abend schreibt der pensionierte Flensburger Lehrer Wilhelm Clausen in sein Tagebuch: "Um 22.30 ertönt das Radio. Eine Meldung aus dem Hauptquartier: Hitler ist vor dem Feind gefallen, nachdem er bis zuletzt gegen den Bolschewismus gekämpft hat. Als Nachfolger stellt sich Dönitz, der Großadmiral, vor. Seine Ansprache an das deutsche Volk endet damit, daß Dönitz bekanntgibt, er wolle den Kampf gegen den Bolschewismus fortsetzen und auch gegen die Angloamerikaner, wenn diese uns im Kampf gegen den Osten behindern würden. Erna und ich waren durch diesen Schluß außerordentlich enttäuscht. Noch also kein Ende des aussichtslosen Krieges!"

Mittwoch, 2. Mai: Die Nachricht vom Tode Hitlers habe bei der Bevölkerung "Bestürzung" hervorgerufen, hält ein offizieller Stadtchronist fest.

Als erstes Mitglied der NS-Führungsriege erreicht der Reichsführer-SS Heinrich Himmler mit einem Stab von 150 Personen die Stadt an der Förde. Im Laufe des Tages gesellen sich die Spitzen des SD unter Otto Ohlendorf, Mitglieder des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes, einige SS- und Polizeiführer sowie die Führung der Konzentrationslager unter Richard Glücks und KZ-Kommandanten wie Rudolf Höß zu ihm.

Zur selben Zeit kommen hunderte Häftlinge aus Neuengamme und Sachsenhausen per Zug und Schiff in Flensburg an. Die begleitenden SS-Mannschaften setzen sich mit Zivilkleidung und mit Wehrmachtpapieren ausgestattet ab.