Es gibt derzeit eine Tendenz im Umgang mit der jüngsten deutschen Vergangenheit, die das Interesse auf die Person Adolf Hitler als Quelle allen Übels lenkt. Hitler wurde aber, das darf nicht vergessen werden, zum Führer der Deutschen nicht aus eigener Kraft, sondern durch deren Zustimmung.

Bereits 1932 hatten die Deutschen die NSDAP zur parlamentarisch stärksten Partei gemacht. Die meisten NS-Wähler kannten weder das Parteiprogramm der Nationalsozialisten noch Hitlers enthüllende Schrift Mein Kampf. Doch die Naziparole "Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt", vor allem aber jener wörtlich gemeinte Schlachtruf "Juda verrecke!" waren unüberhörbar. Gleichwohl, Millionen wählten Hitler, viele von ihnen gerade auch wegen seiner Hasspropaganda.

Die NS-Parole "Hitler ist Deutschland und Deutschland ist Hitler" war zwar grundsätzlich falsch. Zehntausende leisteten Widerstand, Millionen lehnten den Nationalsozialismus ab – aber leider trug eine große Mehrheit den vermeintlichen "Alleskönner" Hitler zu seinen Triumphen und machte damit seine verbrecherischen Kriege möglich. Kriege, unter deren Schirm die anderen Verbrechen wie der Völkermord an den Juden, an den Zigeunern, die Massenmorde an Behinderten, an russischen Kriegsgefangenen, politischen Gegnern und anderen überhaupt erst begangen werden konnten.

Die Ausbeutung, die Versklavung von KZ-Häftlingen, ihre gezielte "Vernichtung durch Arbeit", wie die SS-Führung ihre Vorgehensweise menschenverachtenderweise, aber zutreffend nannte, waren ein Teil dieses NS-Kriegssystems.

Diese Maßnahmen wurden von unzähligen Deutschen getragen: SS-Schergen, Polizisten, Bewachern, Soldaten, Bankiers, Beamten, Wirtschaftsunternehmern, darunter auch Zechenbetreibern.

Die Verbrechen ließen sich nicht "wiedergutmachen". Diese Camouflageformel stand für materielle Entschädigungsleistungen an die Überlebenden oder ihre Angehörigen infolge des Luxemburger Abkommens von 1952. Das Geld konnte kein Leid ungeschehen machen.

Die Entschädigungszahlungen der Bundesrepublik beschränkten sich darüber hinaus auf jene Menschen, die das Glück hatten, diesseits des "Eisernen Vorhangs" zu leben und die zudem gesund und tatkräftig genug waren, den mitunter langwierigen Rechtsweg zu beschreiten, um zumindest geldwerte Kompensation für Enteignungen oder nachzuweisende gesundheitliche Beeinträchtigungen einzufordern.

Die im Schatten Verbliebenen freilich sah man nicht, oder man wollte sie nicht sehen. Also alle, die zu alt, zu gebrechlich, zu verletzt waren, um ihre Ansprüche den deutschen Behörden oder zumindest der Öffentlichkeit kundzutun. Oder jene viele Tausende physisch Davongekommenen, die nach dem Ende der NS-Herrschaft in Heimatländer zurückkehrten, welche sich im sowjetischen Machtbereich befanden. Die konträre politische Couleur der Staatsmacht diente als Vorwand, diesen Menschen eine materielle Kompensation der erlittenen Schäden vorzuenthalten.

Nach der Implosion des kommunistischen Systems in Osteuropa ließ sich die Fiktion der Unerreichbarkeit der Überlebenden nicht länger aufrechterhalten.